Pascal Zuberbühler: «Shaqiri muss Verantwortung übernehmen»

Für den ehemaligen Schweizer Nationalgoalie Pascal Zuberbühler ist klar: Granit Xhaka kann an der Fussball-WM in Russland für die Schweiz den Unterschied ausmachen. Und Xherdan Shaqiri soll Verantwortung übernehmen.

Mit Basel und GC gewann er die Titel im Akkord, mit der Nationalmannschaft avancierte er zum statistisch erfolgreichsten Torhüter der WM-Geschichte. Pascal Zuberbühler (47) ist eine Ausnahmefigur im Schweizer Fussball. Heute arbeitet er als Fussball-Experte beim TV-Sender Teleclub sowie als Torhüter-Ausbildner für die FIFA. An der WM in Russland ist er für den Weltverband an allen Fronten gefordert.

Pascal Zuberbühler, diese Woche beginnt die WM, am Sonntag steigt die Schweiz gegen Brasilien ins Turnier. Was geht in den Spielern vor?
Eine Endrunde ist ein Höhepunkt in der Karriere jedes Fussballers. Im Gegensatz zur Qualifikation ist es wie ein Sprint. Die Spieler sind vor allem mental gefordert. In zwei, drei Partien entscheidet sich alles. Das erfordert das grösstmögliche Commitment – physisch und psychisch.

Die Schweiz hat mit Brasilien, Serbien und Costa Rica delikate Aufgaben zugelost erhalten.
Brasilien ist wie immer einer der ganz grossen Favoriten auf den Titel. Das macht die Ausgangslage für die Schweiz dankbar. Man kann eigentlich nur gewinnen – wie etwa 2010 im ersten Spiel gegen Spanien. Serbien ist ein sehr schwer zu spielender Gegner, physisch stark, aber auch technisch auf hohem Niveau. Man darf die Serben nicht ins Spiel kommen lassen. Costa Rica ist auf dem Papier der leichteste Gegner. Aber ich warne: Spielerisch hat diese Mannschaf Einiges drauf. Das hat sie an der WM 2014 mit der überraschenden Viertelfinalqualifikation bewiesen. In der Vorrunde bezwang sie damals die ehemaligen Weltmeister Italien und Uruguay und warf die Engländer aus dem Turnier.

«

Die Schweiz ist im Tor hervorragend besetzt.»

Was müssen die Schweizer machen, um diese Aufgaben zu lösen?
Sie müssen den Schwung aus der wunderbaren Qualifikation mitnehmen. Obwohl sie letztlich den Umweg über die Barrage gehen mussten, haben sie in dieser Kampagne mit einer beeindruckenden Konstanz gespielt.

Es heisst, die aktuelle Formation sei die talentierteste der Geschichte. Teilen Sie diese Meinung?
Diese Frage ist hypothetisch. Es zählen immer die Resultate. Und die sind nicht besser als zu unserer Zeit.

Aber mit Xherdan Shaqiri verfügt man über einen Spieler, der für die speziellen Momente sorgen kann.
Shaqiri kann mit einem Fallrückzieher treffen – oder mit einem ansatzlosen Schuss. Aber er muss noch beweisen, dass er Verantwortung für die Mannschaft übernehmen kann. Ein Ausnahmekönner ist für mich Granit Xhaka. Wenn er im Mittelfeld die Fäden zieht, kann dies den Unterschied ausmachen. Und natürlich sind wir im Tor hervorragend besetzt: Allen voran Yann Sommer, aber auch Roman Bürki und Yvon Mvogo. Welche Nation kann schon auf drei Bundesligatorhüter zählen?

Zurück zu Ihrer Karriere. Sie waren 2005 in Istanbul dabei, als sich die Schweiz in extremis gegen die Türkei durchsetzte und das Ticket für die WM in Deutschland löste.
Das war ein ungemein aufwühlendes Spiel! Und ein Erlebnis, das wohl kein Beteiligter je vergisst. Unsere Mannschaft wurde durch die damaligen Ereignisse zusammengeschweisst.

Und dann folgte die Endrunde in Deutschland. Welche Erinnerungen verbinden Sie mit diesem Turnier?
Da war die Medienkampagne gegen mich im Vorfeld des Turniers. Das war hart. So reiste ich mit dem Gefühl nach Deutschland, dass ich es allen zeigen wollte: Top oder Flop …

… und sie zeigten es allen, kassierten kein Tor im ganzen Turnier!
Wir beendeten die Gruppe vor Frankreich auf dem ersten Platz. Ich spielte so, wie ich mir das vorgestellt hatte.

Dann kam der Achtelfinal gegen die Ukraine. Das vermeintliche Traumlos stellte sich als trügerisch heraus.
Weil uns der Gegner genau studiert hatte und uns während dem Spiel kontrollierte.

Es folgte das legendäre Penaltyschiessen, in dem Sie den ersten Elfmeter von Superstar Andrej Schewtschenko parierten, danach aber alle Schweizer versagten. Was hätte anders laufen müssen?
Ich hätte Schewtschenkos Schuss nicht halten sollen. Vielleicht wäre dann eine andere Dynamik entstanden. Das Scheitern war bitter. Wir hatten eigentlich
alles richtig gemacht und mussten doch mit leeren Händen nach Hause.


Pascal Zuberbühler hält im WM-Achtelfinal 2006 den Penalty des ukrainischen Superstars Andrej Schewtschenko.

Trotzdem wurde die WM für Sie zum Karriere-Sprungbrett.
Ich konnte zu West Bromwich Albion in die Premier League wechseln. England spielte für mich in meiner Karriere insofern eine zentrale Rolle, als meine letzte Karrierestation Fulham war. Roy Hodgson holte mich als Nummer 2 hinter Mark Schwarzer. Im dritten Jahr übernahm ich dort von Mark den Job als Goalietrainer. Nach einer zwischenzeitlichen Rückkehr in die Schweiz engagierte mich Derby County als Torhütertrainer.

Nun sind Sie bei der FIFA angestellt als «Goalkeeper Coach Specialist». Was bedeutet das?
Ich erarbeite Konzepte zur Ausbildung von Goalietrainern. An der Weltmeisterschaft in Russland bin ich ausserdem in die Technical Study Group involviert. Wir analysieren alle Spiele und werten sie nach diversen Gesichtspunkten aus. Die Ergebnisse werden in einem Buch zusammengefasst und den Mitgliederverbänden zur Verfügung gestellt.

Die FIFA geniesst derzeit ein nicht allzu gutes Ansehen. Wie gehen Sie damit um?
Ich sehe das als Chance. Wir können etwas Neues aufbauen und viel bewirken. Wenn schon jetzt alles perfekt wäre, gäbe es ja nichts mehr zu tun.

Ihr Mandat bei der FIFA umfasst 60 Prozent. Daneben sind Sie im gleichen Pensum bei Teleclub als TV-Experte angestellt. Das tönt nach Stossverkehr in Ihrer Agenda?
Tatsächlich (lacht). Ich arbeite mehr als früher. Doch es ist eine grossartige Konstellation. Ich kann mich mit dem beschäftigen, was ich liebe – auf zwei höchst unterschiedlichen Ebenen.

Zurück zur WM. Haben Sie selber einmal in Russland gespielt?
Ja, erstmals mit dem FC Basel 2002 in der Champions League gegen Spartak Moskau. Das war unter Trainer Christian Gross. Wir gewannen durch Tore von Rossi und Gimenez 2:0. Weniger gut lief es ein Jahr später in der EM-Qualifikation mit der Nationalmannschaft. Im Lokomotive-Stadion verloren wir 1:4. In Erinnerung geblieben ist mir von damals auch der Spaziergang über den Roten Platz im Vorfeld des Spiels. Das war ein beeindruckendes Erlebnis.

Zum Schluss die Kardinalsfrage: Wer wird Weltmeister?
Die Favoriten sind die alten Bekannten: Spanien, Frankreich, Brasilien und Deutschland. Aber vielleicht wird plötzlich England zum Thema. Gareth Southgate ist ein hervorragender Trainer. Er kennt die Jungen aus seiner Zeit im Nachwuchs, hat einen guten Draht zu den Spielern und eine Mannschaft mit einer hervorragenden Mischung.

Ups… Zuberbühlers berühmtester Flop

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