Pasquale Aleardi (Mitte) spielt im TV-Zweiteiler «Gotthard» den aufmüpfigen Mineur Tommaso.

«Der Knirps wirbelt alles durcheinander»

Pasquale Aleardi spielt im SRF-Zweiteiler «Gotthard» einen Mineur und Streikführer. Privat beglückt den 45-jährigen Wahlberliner seine neue Vaterrolle.

Pasquale Aleardi, wie fühlen Sie sich in Ihrer neuesten Rolle?
Sie meinen als Vater? Mein Zeitgefühl wird schon beim Drehen immer wieder irritiert, aber in den letzten zehn Wochen, seitdem unser Sohn auf der Welt ist, habe ich es fast ganz verloren. (Lacht.) Es besteht jedoch kein Grund zur Klage, da ich vom «Gotthard»-Dreh bis zur Geburt von Leonardo ein Jahr durcharbeiten konnte und jetzt bis Mitte März meine Elternzeit geniesse.

Wie hat sich Ihr Leben verändert?
Nachdem mich all meine Freunde und Kollegen, die schon Kinder haben, gewarnt hatten, wie krass die ersten drei oder sechs Monate werden, war ich schon etwas in Panik. Nun bin ich ihnen jedoch dankbar, da ich alles gar nicht so schlimm finde, sondern wunderschön!

Was konkret ist für Sie anders?
Der Knirps wirbelt einfach alles durcheinander. Der ganze Rhythmus ist anders. Wenn ich morgens aufstehe, denke ich als Erstes an die Familie – meine eigene Familie. Und wenn meine Frau etwas braucht, dann renne ich, und zwar gerne!

Haben Sie sich auf die Vaterschaft ähnlich akribisch vorbereitet wie auf eine Filmrolle?
Nein, eher intuitiv, im ständigen Austausch mit meiner Frau. Während der Schwangerschaft erkundigte ich mich, wie gross das Baby gerade war und was in Petras Körper vorging. Sehr hilfreich finde ich das Buch «Oje, ich wachse», das die zehn Sprünge in der mentalen Entwicklung eines Kleinkindes beschreibt.

Was haben Sie daraus gelernt?
Weil ich wusste, dass sich die Grösse des Gehirns in der vierten und fünften Woche verdoppelt, verstand ich, dass Leonardo in dieser Phase unruhiger war. An seiner Stelle hätte ich auch ge-schrien!

Geht Ihre Frau anders mit Leonardo um als Sie?
Petra ist viel entspannter. Sie hat seinen Rhythmus, schläft gleichzeitig wie er und wacht mit ihm auf. Ich bin derjenige, der die ganze Nacht seine Geräusche interpretiert: «Ui, ist das nur die Verdauung oder erstickt er gerade?» Speziell in den ersten vier Wochen war das für mich hart. Dagegen scheint die Natur die Verbindung zwischen Mutter und Kind so eingerichtet zu haben, dass Petra nur aufwachte, wenn Leonardo sie wirklich brauchte.

Was für neue Talente haben Sie an sich entdeckt?
Ich habe gemerkt, dass ich extrem belastbar bin. Ich komme ohne Schlaf aus und funktioniere trotzdem. Und ich bin extrem geduldig. Als ich einen Wickeltisch und ein Stubenbett für ihn zusammenbaute, brauchte ich zwar lange, weil ich kein Handwerker bin, doch ich habe es dennoch irgendwie geschafft.

Sie sind gefragter denn je. Wie vereinbaren Sie nun Kind und Karriere?
Einige Rollen habe ich abgelehnt, um mir diese Auszeit zu nehmen, anderseits hat meine Frau sich entschieden, vorerst einmal zu Hause zu bleiben, um mir den Rücken freizuhalten. Mittelfristig müssen wir dann schauen, ob das für beide passt oder ob ich wieder etwas kürzertreten muss, damit wir beide glücklich sind.

Ihre Frau ist ebenfalls Schauspielerin. Haben Sie sich bei Dreharbeiten kennengelernt?
Nein, in Berlin an einer Geburtstagsparty. Als ich eine Frau mit Bündner Akzent reden hörte, hat das sofort meine Aufmerksamkeit erregt, da ich total auf diesen Dialekt stehe. Ihr Aussehen und ihre herzliche Ausstrahlung haben mich dann endgültig umgehauen. Wir sind aber zuerst länger miteinander ausgegangen, bevor wir ein Paar wurden.

Nun sind Sie im packenden Zweiteiler «Gotthard» zu sehen. Was hat Sie an dieser Hauptrolle gereizt?
Tommaso ist ein Mineur, der seine Existenz riskiert, als er sich getraut, gegen die schwierigen Arbeitsbedingungen beim Tunnelbau zu protestieren. Die Figur ist zwar fiktiv, doch diesen fatalen Streik, bei dem mehrere Menschen umgekommen sind und mit dem erste soziale Fortschritte er-kämpft wurden, gab es wirklich. Ich werde durch keinen Tunnel mehr fahren können, ohne an die Opfer zu denken, welche der Bau des Gotthard-Bahntunnels forderte.

Wie anstrengend war das Drehen im Tunnel?
«Unser Gotthard» war zwar nur 90 Meter lang und stand in einer riesigen Lagerhalle ausserhalb von Köln, aber die Luft darin war auch nach den imitierten Sprengungen so stickig, dass wir eine Ahnung davon bekamen, wie schlimm es in den 1870er-Jahren gewesen sein muss. Abends musste ich im Hotel eine Stunde duschen, bis ich den ganzen Dreck, der überall haftete, abgewaschen hatte.  

Sind Ihre Eltern auch auf der Suche nach Arbeit emigriert?
Ja, meine Mutter zog aus diesem Grund in den Sechziger- jahren aus Griechenland in die Schweiz. Mein Vater kam mit 18 aus Italien, um sich wie andere Familienmitglieder eine Existenz aufzubauen. Beide mussten hart arbeiten, um uns zu ernähren, aber meinen Geschwistern und mir hat nie etwas gefehlt. Als ich Musik machen wollte, kauften sie mir ein Klavier, obwohl sie es sich eigentlich nicht leisten konnten. Fünf Jahre lang zahlten sie es ab.

Was hat Ihre Begeisterung für die Schauspielerei entfacht?
Als Kind faszinierte mich, dass es Menschen gab, die sich klein machen und in den Fernsehapparat hineinschlüpfen konnten! Später träumte ich davon, wie «Starsky & Hutch» den ganzen Tag im Polizeiauto herumzufahren. Durch die Musik bin ich draufgekommen, wie lässig es ist, auf der Bühne zu stehen und die Energie des Publikums zu spüren. Als ich auf dem Gymi in Wedekinds «Frühlingserwachen» erstmals Schülertheater spielte, nahm es mir endgültig den Ärmel rein.

«

Ich komme ohne Schlaf aus und funktioniere trotzdem.»

Wie haben Sie es geschafft, Ihr Hobby zum Beruf zu machen?
Als ich mich über die Ausbildung an der Schauspiel-Akademie informiert hatte, dachte ich ganz naiv, aber aus vollem Herzen: «Wow, mit Physis, Sprache, Gesang und Tanz würde ich mich am liebsten den ganzen Tag beschäftigen – und wenn ich damit auch noch Geld verdienen könnte, wäre das einfach super!»

Wie haben Ihre Eltern reagiert?
Sie konnten sich überhaupt nicht vorstellen, dass man von der Schauspielerei leben kann, und wünschten sich, dass ich einen angesehenen Beruf wie Arzt oder Anwalt ergreife. Auch sonst rieten mir alle ab. Das war für mich jedoch ein Grund, es erst recht zu versuchen.

Stört es Sie, dass Sie in der Schweiz trotz «Grounding» eher als deutscher Schauspieler gelten?
Nein, ich mache auch die Erfahrung, dass mich die Zuschauer mehr mit meinen letzten Rollen und Filmen als mit meiner Herkunft identifizieren. Während ich mich in meiner Wahlheimat Berlin und in der Schweiz weitgehend unbehelligt bewegen kann, zeigen die Leute in der Bretagne, wo es an den Schauplätzen des Bestsellers schon einen richtigen «Kommissar Dupin»-Tourismus gibt, mit dem Finger auf mich oder wollen Selfies mit mir!

Können Sie sich vorstellen, mit Ihrer Familie in die Schweiz zurückzukehren?
Ich schliesse es nicht aus. Momentan geniessen wir jedoch, was uns Berlin zu bieten hat. Es ist eine sehr kinderfreundliche Stadt mit einem schier unübertrefflichen Kulturangebot. Aber wir freuen uns jetzt auch, nach Zürich und ins Bündnerland zu fahren, um Familie und Freunde zu besuchen und zum ersten Mal mit Leonardo Weihnachten zu feiern.

Infos zum SRF-Zweiteiler «Gotthard»

«Meine Eltern konnten sich nicht vorstellen, dass ich von der Schauspielerei leben kann.»

«Meine Eltern konnten sich nicht vorstellen, dass ich von der Schauspielerei leben kann.»
«Meine Eltern konnten sich nicht vorstellen, dass ich von der Schauspielerei leben kann.»

Der Vielseitige

Pasquale Aleardi (45) wuchs als Sohn griechisch-italienischer Immigranten in Dietikon ZH auf. Seit der Ausbildung an der Schauspiel-Akademie Zürich hatte er Engagements an deutschen Bühnen und wirkte in über 80 TV- und Kinoproduktionen mit.

Der Schweizer, der in Berlin lebt und mit der Bündner Schauspielerin Petra Auer einen Sohn hat, ist am 11. und 12. Dezember in
Urs Eggers Film «Gotthard» (SRF 1, 20.05 Uhr) zu sehen sowie am 3. und 9. März in der Reihe «Kommissar Dupin» (ARD, 20.15 Uhr).

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Andreas W. Schmid

Redaktor

Text:
Reinhold Hönle
Foto:
SRF/Lukas Zehntel, Dagmar Morath
Veröffentlicht:
Montag 05.12.2016, 10:00 Uhr

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