Kinder können psychische Probleme der Eltern nicht einordnen. Sie fühlen sich manchmal sogar schuldig.

Patenschaften: Paten für sorglose Stunden

Psychische Belastungen nehmen bei vielen Menschen zu. Die betroffenen Erwachsenen erhalten Hilfe. Doch wer hilft ihren Kindern? «HELP! For Families» sucht Paten.

Mami liegt tagelang im Bett. Es fällt ihr schwer aufzustehen. Oft ist sie bedrückt. Manchmal muss sie für längere Zeit «in die Klinik». Dann wohnen Claudio* und seine ältere Schwester beim getrennt lebenden Vater. Der arbeitet Schicht und hat wenig Zeit, sich zu kümmern. Claudio versteht nicht, warum es seiner Mutter häufig so schlecht geht. Manchmal denkt er, dass er vielleicht schuld sei. Er traut sich aber nicht zu fragen oder mit jemandem darüber zu reden.

So wie Claudio geht es vielen Kindern von psychisch belasteten Müttern oder Vätern. In der Schweiz sind schätzungsweise 50 000 Kinder betroffen, doch die Dunkelziffer ist hoch. Genaue Zahlen existieren keine, da diese Kinder lange nicht im Fokus standen. «Das liegt daran, dass sie meist unauffällig sind und erst dann Unterstützung erhalten, wenn sie selber psychische Probleme bekommen», erklärt Franza Flechl vom Basler Verein «HELP! For Families». «Dabei wäre es so wichtig, die Kinder schon früh zu stärken und ihre gesunde Entwicklung ergänzend zum Engagement der Eltern zu fördern.» Eine Möglichkeit sei, dass sie regelmässig bei einer Patenfamilie ein paar unbeschwerte Stunden verbringen können. Zwar erkrankten diese Kinder nicht zwangsläufig selbst, aber die Wahrscheinlichkeit, eine psychische Störung zu entwickeln, sei bei ihnen erhöht, das zeige die Forschung. «Es geht nicht darum, die Kinder zu therapieren oder die Eltern zu ersetzen», erklärt Projektleiterin Franza Flechl, «sondern sie am Lebensalltag der Paten teilhaben zu lassen.»

Die Paten konzentrierten sich mit ihrem Engagement nur auf das Kind. Betroffene Eltern müssten in ein eigenes Helfernetz eingebunden sein. Diese Form der Patenschaften gibt es in der Schweiz erst in Basel. In Deutschland werden seit zehn Jahren ähnliche Projekte erfolgreich durchgeführt. «Zwar kümmern sich psychisch belastete Eltern zum Teil genauso liebevoll um ihre Kinder wie gesunde Eltern», sagt Projektleiterin Flechl, «sie sind aber durch Probleme wie etwa Depressionen oder Ängste phasenweise stark belastet und kommen deshalb immer wieder an ihre Grenzen.»

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Er geht gerne hin, das merke ich. Er kann dort sicher viel lernen.»

Mit den Kindern werde selten über diese Dinge gesprochen. Meist seien die Eltern selber durch die Situation überfordert. Aus Scham vermeiden sie es, offen mit den Problemen umzugehen. Die Kinder merkten, dass etwas in der Familie nicht so sei wie bei anderen, könnten sich aber das Verhalten der Mutter oder des Vaters nicht erklären. Oft übernehmen sie sehr früh Verantwortung für die Eltern und Geschwister. «Ein grosses Problem besteht auch darin, dass die Familien meist wenig soziale Kontakte haben», erklärt Franza Flechl. «Es fehlen Entlastungsmöglichkeiten durch Angehörige oder Freunde. Die Betroffenen sind meistens Alleinerziehende.» Dies könne zu einer erhöhten psychischen Belastung führen.

Seit einem Jahr besucht Claudio regelmässig die Patenfamilie Wagner* in Basel, die zwei eigene Kinder hat. Maria Wagner las in der Quartierzeitung über das Projekt. Nach einem Informationsabend, einem Einzelgespräch und einem Hausbesuch brachte Franza Flechl Familie Wagner mit Claudio und seiner Mutter zusammen. Die Sympathie war gleich auf beiden Seiten gegeben. Seither fährt Claudio jeden Freitag mit dem Tram zu seiner Patenfamilie und verbringt dort vier Stunden. Darüber freuen sich auch die Kinder der Wagners. «Die Kinder haben sich von Anfang an super verstanden», berichtet Maria Wagner, «meist spielen sie miteinander oder wir machen gemeinsam Brettspiele. Wir haben Claudio auch schon zur Museumsnacht und zur Fasnacht mitgenommen.» Dank der Partnerfamilie blieb Claudio zudem eine Notplatzierung erspart, als seine Mutter eine erneute Krise hatte: Die Wagners erklärten sich spontan bereit, Claudio bis zur Klärung der Situation bei sich aufzunehmen.

Auch Claudios Mutter stellt fest, dass ihrem Sohn die Besuche bei der Patenfamilie guttun: «Er geht gerne hin, das merke ich. Er kann dort sicher viel lernen.» Die Möglichkeit, voneinander zu profitieren, sieht auch Patin Maria Wagner: «Auch meine Kinder lernen dazu, Claudio hat zum Beispiel ganz tolle Tischmanieren und ist ein gutes Vorbild für meine beiden.» Ansprechpartnerin für beide Mütter ist Franza Flechl, die bei Fragen oder Problemen berät und regelmässigen Austausch organisiert. «Unser Projekt wird wissenschaftlich von der Hochschule für Soziale Arbeit begleitet und evaluiert», so die Projektleiterin. «Die Ergebnisse werden dazu beitragen, das Verständnis und die Unterstützung für Kinder psychisch belasteter Eltern zu verbessern.»

*Namen geändert.

Coopzeitung: Die Organisation «HELP! For Families» ist die erste in der Schweiz, die Patenschaften für Kinder psychisch belasteter Eltern vermittelt. Strahlt das Projekt in andere Regionen aus?
Franza Flechl, Projektkoordinatorin: Wir haben Anfragen aus anderen Städten von Leuten, die gerne Paten wären oder gerne etwas Ähnliches aufbauen würden. Positive Rückmeldungen kommen von Erwachsenen, die in einer Familie mit psychisch belasteten Eltern aufgewachsen sind.

Nach welchem Prinzip bringen Sie Kinder und Paten zusammen?
Bei den Abklärungsgesprächen formulieren Kinder und Eltern ihre Wünsche für eine Patenschaft. Je nach eigener Familiensituation soll es lieber eine Patenfamilie sein oder eher ein Grosi. Jedes Kind und jede Patin/jeder Pate bringt eigene Vorstellungen und Ressourcen mit. Diese versuche ich zusammenzuführen. Die Entscheidung treffen dann aber die Kinder und Eltern und die Paten nach dem Kennenlerngespräch.

Welche Kriterien müssen erfüllt sein, dass Sie ein Kind in das Projekt aufnehmen?
Die Eltern selbst sind in ein unterstützendes Helfernetz eingebunden, sodass sich die Paten nur auf das Kind konzentrieren können. Wir richten uns an Kinder, die keine kontinuierlichen und verlässlichen Bezugspersonen wie Grosseltern, Götti oder Tante in ihrem Umfeld haben. Dabei ist uns der Präventionsgedanke wichtig: Eine stabile Beziehung zu einer Patin erhöht die Chancen zur gesunden Entwicklung der Kinder, wie man aus der Forschung weiss.

Welche Voraussetzungen müssen Paten erfüllen?
Wichtig ist, dass die Paten in einer stabilen Lebenssituation sind, einen einwandfreien Leumund haben und ein Merkblatt zum Kinderschutz unterzeichnen. Im Erstgespräch finden wir gemeinsam heraus, ob eine Patenschaft für ein Kind den Vorstellungen entspricht. Wir sind darauf angewiesen, dass sich verbindliche und stabile Beziehungen entwickeln können, denn oftmals haben diese Kinder schon viele Beziehungsabbrüche erlebt. Grundsätzlich muss jede Anfrage und jedes Angebot individuell bearbeitet werden. Wir haben konzeptionelle Rahmenbedingungen, innerhalb dieser ist mit grosser Flexibilität jedoch sehr viel möglich.

Potenzielle Patinnen und Paten bringen folgende Voraussetzungen mit:

  • Paare, Singles, Grosseltern mit Erfahrung im Umgang mit Kindern (beruflich oder privat).
  • Stabile Lebens- und Wohnsituation.
  • Lust, ehrenamtlich wöchentlich einen halben Tag und ein Wochenende im Monat Zeit mit dem Patenkind zu verbringen.
  • Interesse an regelmässigem Austausch.
  • Bereitschaft für eine längerfristige Patenschaft.
  • Einen einwandfreien Leumund.

Die nächsten unverbindlichen Info-Veranstaltungen finden statt am 29. Januar und am 25. Februar, jeweils um 18 Uhr, Clarastrasse 6, Basel.

Das Wichtigste im Überblick

Gefragt sind Zuneigung und Stabilität.
Wenn Mutter oder Vater psychisch stark belastet sind, leiden die Kinder mit. Eine verlässliche und konstante Beziehung gibt Kindern Sicherheit und Vertrauen. Dies erhöht die Chancen für eine gute Entwicklung jedes Kindes. Sie können dazu beitragen!

So helfen Sie.
Ein paar unbeschwerte Stunden, Momente ungeteilter Aufmerksamkeit und stabile Verhältnisse. Regelmässig einen halben Tag pro Woche und wenn möglich ein Wochenende pro Monat. Sie binden das Kind in ihren Lebensalltag ein, gehen auf die individuellen Bedürfnisse des Heranwachsenden ein, unterstützen es bei Hausaufgaben und unternehmen etwas Spannendes in der Freizeit.

Sie können helfen.
Sie sind älter als 19 Jahre, leben allein oder in einer Partnerschaft, mit oder ohne Kinder. Sie haben privat und/oder beruflich Erfahrung im Umgang mit Kindern. Sie möchten mit Ihrem ehrenamtlichen Engagement bewusst die Stärken und die Entwicklungschancen eines Kindes fördern. Sie zeigen ihm, dass es andere Lebensformen gibt, die stabil und verlässlich sind und helfen mit, das Vertrauen ins Leben zu festigen.

Sie helfen nicht nur dem Kind.
Selbst wenn Sie mit den Eltern eher wenig Kontakt haben, helfen Sie auch diesen. Ihr Engagement für das Kind ermöglicht den Eltern mehr Zeit für eigene Belange wie z.B. Therapie, Freizeit, Treffen von Freunden. Zudem bringt es ihnen seelische Entlastung, weil die Eltern um eine weitere Ansprechperson wissen, die Sorge für ihr Kind trägt.

Sie sind dabei nicht alleine – so unterstützen wir Sie.
Wir – HELP! Patenschaften – bringen interessierte Engagierte und Kinder mit psychisch belasteten Eltern zusammen. Dabei klären wir gemeinsam ab, ob man den beidseitigen Vorstellungen entspricht. Sollte dies der Fall sein, unterstützen wir Sie und die Familie in fachlichen und praktischen Fragen. Wir begleiten Sie mit unserem Fachwissen während der gesamten Patenschaft, bieten einen regelmässigen Austausch mit anderen Engagierten an und sind bei allfälligen Schwierigkeiten die Ansprechperson.

Besuchen Sie die Webseite von HELP! for Families

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Text:
Ariane Kroll
Foto:
Philip Bürkli
Veröffentlicht:
Freitag 31.01.2014, 11:22 Uhr

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