Eine gewisse Melancholie ist bei den Auftritten von Patricia Kaas immer zu spüren.

«Sie war wie eine Tochter für mich»

Der Verlust ihrer Malteserhündin stürzte die französische Sängerin Patricia Kaas in ein Loch – gerettet hat sie ihr Kämpferherz.

Patricia Kaas, Ihre neue CD voller emotionsgeladener Chansons trägt Ihren Namen. Sind Sie ein Mensch voll von Schmerz und Trauer?
Ich bin auch ein fröhlicher Mensch, aber eine gewisse Melancholie – ich würde es nicht Trauer nennen – ist immer da. Sie ist ein Teil von mir und hängt mit schweren Erfahrungen zusammen und geliebten Menschen, die nicht mehr da sind.

Wie haben Sie diese Verluste verarbeitet?
Es hilft, nach vorne zu schauen und zu akzeptieren, dass Narben zurückbleiben, wenn die Wunden verheilt sind. Selbst wenn es möglich wäre, würde ich sie mir nicht wegmachen lassen.

Wie geht es Ihnen heute?
Sehr gut. Ich bin freudig erregt, fühle mich aber auch ein wenig gestresst.

Weshalb?
Ich bin angespannt, weil dies mein erstes Album mit neuen Liedern seit langer Zeit ist. Nicht, dass ich in den letzten 13 Jahren nichts getan hätte. Ich war mit den aufwendigen Programmen «Kabaret» und «Kaas chante Piaf» auf Tournee. Deshalb finde ich es unpassend, wenn nun in Frankreich von «le retour» und anderswo von einem Comeback geschrieben wird, aber so funktioniert die Branche nun mal.

Die Texte klingen sehr persönlich. Haben Sie die positiven Reaktionen auf Ihre offenherzige Autobiografie «Mademoiselle chante le Blues» mutiger gemacht?
Ich denke, es spielt eine grosse Rolle, wie viel man von sich preisgibt und auf welche Art. Ich bin eine diskrete Person, aber ich wollte offen bekennen, dass auch jemand, der berühmt ist und viel Geld verdient, manchmal leidet oder nicht gut drauf ist. Vielleicht, weil er Bauchschmerzen oder sich mit jemand gestritten hat. Man kann nicht immer lächeln und alle Autogrammwünsche erfüllen.

Anderseits gehört es zur Glamourwelt des Showbiz
Voilà, es ist wirklich nicht einfach, all diese Wechselbäder der Gefühle zu durchleben. Nach der Autobiografie, in der ich auch über meine Abtreibungen gesprochen hatte, kam der Fernsehfilm, in dem ich eine Mutter spielte, die ihr Kind verloren hatte, dann die emotionale Piaf-Hommage und der Tod meiner Malteserhündin Tequila an der Bâloise-Session. Das war sehr schwierig. Obwohl es seltsam klingen mag – sie war wie eine Tochter für mich.

Trotzdem haben Sie das Konzert durchgestanden.
Nach einigen Liedern musste ich dem Publikum erklären, weshalb ich so angegriffen war. Basel bringt mir einfach kein Glück. Bei einem früheren Auftritt hatte ich die Nachricht erhalten, dass einer meiner Brüder gestorben war.

Wie haben Sie diesen erneuten Schicksalsschlag verkraftet?
Ich brachte die Tour irgendwie zu Ende, bat die Organisatoren sogar, sie zu verlängern, weil ich Angst hatte, in meinem Haus in Saint-Rémy-de-Provence allein zu sein. Die Zeit, die ich danach dort hatte, mündete schliesslich in einem Burn-out, das so tief ging, dass ich alles aufgeben wollte.

Was hat Sie gerettet?
Ich bin niemand, der unbedingt sehr positiv denkt, aber immer eine Kämpferin. Ich ging sofort zu einem befreundeten Arzt und sagte ihm: Ich brauche Hilfe! Er empfahl mir einen Psychiater aufzusuchen und sechs Monate später fühlte ich mich schon viel besser.

Welche Konsequenzen haben Sie daraus gezogen?
Ich habe versucht, Ballast abzuwerfen, verkaufte das Haus in Südfrankreich und habe darauf verzichtet, das Album selbst zu produzieren.

Und das hat die erhoffte Erleichterung gebracht?
Einerseits ist es schön, weniger Verantwortung tragen zu müssen, andererseits bringt dann die Plattenfirma eigene Ideen ein, wie eine CD von Patricia Kaas klingen sollte ...

Worüber waren Sie unterschiedlicher Meinung?
Sie wollten etwas Fröhliches, eine Uptempo-Nummer, und ich entgegnete, ich sei mehr eine Sängerin emotionaler Balladen. Sie bestanden aber auf eine Single wie «Mademoiselle chante le blues». Das Resultat unseres Ringens ist «Madame tout le monde», das ich immer wieder umschreiben liess, da ich nicht bereit war, einen Text zu singen, der mir nicht entsprach.

Nun können Sie mit ihm leben?
Ja, denn das Lied handelt davon, was von einer Frau heute alles erwartet wird: Sie muss Mutter sein, aber auch gut aussehen. Sie soll alles ohne Hilfe schaffen und muss wie eine Feministin kämpfen, wenn sie den gleichen Lohn will wie ein Mann.

«

Ich ging zu einem Arzt und sagte: Ich brauche Hilfe.»

Wie gehen Sie mit den Erwartungen an Sie um?
Früher war es für mich undenkbar zu sagen oder zu akzeptieren, dass ich etwas nicht kann – zu müde bin. Heute stehe ich dazu.

Wann wussten Sie, dass Sie die «Frau» zum Thema der CD machen wollten?
Am Anfang fragte ich mich, wie und wo ich sie mache. Dann bekam ich die ersten Lieder und Texte angeboten: «Ma tristesse est n’importe où», das ich besonders gerne habe, «Cogne» und «La maison en bord de mer». Der junge Art Director fragte mich, ob ich mir vorstellen könnte, sie zu singen. Ich antwortete: «Natürlich! Das sind Themen, die aktuell sind und mich als Frau berühren.»

Waren Sie schon mit häuslicher Gewalt konfrontiert?
«Cogne» hatte ich vor ein paar Jahren schon einmal für eine Kampagne gegen Gewalt an Frauen gesungen. Damals hatte ich zuerst gezögert, weil ich dachte, ein Lied wird doch keinen Mann davon abhalten, seine Frau zu schlagen. Dann habe ich gelernt, dass man den Frauen die Angst und die Scham nehmen muss, über das zu reden, was sie erlebt haben. Deshalb singe ich auch über Inzest. Das Tabu, über solche Themen in der Öffentlichkeit zu sprechen, muss gebrochen werden.

Ihr Gesang passt in seiner Intimität und Eindringlichkeit sehr gut zu diesen Themen.
Ich habe mich beim Singen nicht zurückgehalten, aber aufs Wesentliche beschränkt und den aussagekräftigen Texten vertraut. Vielleicht spürt man eine gewisse Reife der Interpretation. Auf jeden Fall habe ich zum ersten Mal auf Anhieb gemocht, was ich nach dem langen und anstrengenden Aufnahmeprozess gehört habe. Als ich nach Hause kam, rief ich sofort meinen Manager an, der in Thailand war, und erzählte ihm unter Freudentränen: «Cyril, das Album ist so schön! Es berührt mich und ich bin sehr stolz darauf.»

Was hat sich verändert?
Ich habe mehr Selbstvertrauen. Ich suche nicht nach etwas, das passen könnte. Ich singe einfach. Und meine Lebenserfahrung hilft mir. Beim Song «Adèle» kam ich mir ein bisschen vor wie meine Mutter, als sie mir Ratschläge gab. «Das Leben ist nicht leicht und es ist noch viel schwieriger, weil du eine Frau bist!»

Ist Adèle eine fiktive Person?
Der Slam-Poet Ben Mazué hat das Lied am Tag nach einem gemeinsamen Nachtessen für mich geschrieben. Deshalb steckt in «Adèle» etwas von mir drin. Ich hatte sogar einmal die Idee, die CD nach ihr zu benennen. Doch die Plattenfirma fand das nicht gut. Es hätte Verwirrung gestiftet.

Oder Sie hätten darauf ein Duett mit dem englischen Topstar singen müssen.
Das ist eine schöne Idee. Dann müsste ich mich aber warm anziehen, denn sie hat eine sehr gute Stimme. Mit dem gewachsenen Selbstvertrauen würde es aber schon klappen! (Lacht.) Ein Duett mit einer Frau, das fände ich toll. An Anna Calvi oder Skin, die Sängerin von Skunk Anansie, habe ich auch schon gedacht.

Vor einigen Jahren sagten Sie, mit dem Älterwerden hätten Sie keine Mühe, aber mit dem 50. Geburtstag. Nun steht er vor der Türe. Wie denken Sie heute darüber?
Es bleibt eine schwierige Nummer, für eine Frau mehr noch als für einen Mann –  wieder einmal. Ich sage mir, es ist nur eine Zahl, denn ich fühle mich nicht so alt, aber ich könnte nicht behaupten, dass sie mir nichts ausmacht. Ich versuche jedoch das Positive zu sehen, dass ich so weit gekommen bin und keine gesundheitlichen Probleme habe.

«Ich habe gelernt, dass man den Frauen die Angst und die Scham nehmen muss, über das zu reden, was sie erlebt haben.»

«Ich habe gelernt, dass man den Frauen die Angst und die Scham nehmen muss, über das zu reden, was sie erlebt haben.»
«Ich habe gelernt, dass man den Frauen die Angst und die Scham nehmen muss, über das zu reden, was sie erlebt haben.»

Was wünschen Sie sich für die nächste Dekade Ihres Lebens?
Als ich in der Therapie meines Burn-outs auf ein weisses Blatt Papier schreiben sollte, was mir fehlt, habe ich den Besuch einer Kirmes oder des Weihnachtsmarktes in München notiert, einfache Dinge aus meiner Jugend und Gefühle, die man damit verbindet und nicht kaufen kann.

Was vermissen Sie von der Schweiz, die Sie vor zehn Jahren in Richtung Provence verlassen hatten: Freunde, Spezialitäten, niedrige Steuern?
Fondue hatte ich schon immer gerne, schon bevor ich in der Schweiz lebte, aber das ist nicht etwas, das man auf Tournee essen sollte. Sonst hat man einen Klumpen im Bauch und dauernd Durst. Und natürlich waren auch die Steuern viel günstiger als in Frankreich, aber das war für mich nicht der ausschlaggebende Grund. Ich wählte Zürich als Rückzugsort, um mich zu erholen. Da baut man natürlich keinen grossen Freundeskreis auf.

Wie hat der Umstand, dass Sie als jüngstes von sieben Kindern aufgewachsen sind, Ihre Entwicklung beeinflusst?
Da meine älteren Brüder bereits ausgezogen waren, hatte meine Mutter mehr Zeit für mich und mich sehr verwöhnt. Deswegen war es dann auch besonders schwer für mich, als sie an Krebs starb. Ich konnte meine ersten Erfolge gar nicht richtig geniessen, weil sie von meiner Trauer überschattet wurden. Die Liebe des Publikums zu spüren, hat mir in dieser Situation jedoch geholfen.

Wie erklären Sie sich, dass es mit der grossen Liebe noch nicht geklappt hat?
Wenn du dich selbst nicht akzeptierst, dich nicht genug liebst, ist es schwierig, deine Liebe zu teilen. Vermutlich liegt es aber nicht nur an mir. Ich könnte mir vorstellen, dass es einfacher wäre, wenn ich jemandem mit einer gewissen Lebenserfahrung begegnen würde. Ich fühle mich auf jeden Fall bereit für einen neuen Start und habe mir aus diesem Anlass mein erstes Tattoo stechen lassen.

Welche Bedeutung hat es?
Bisher bezweifelte ich immer, dass eine Tätowierung auf meiner hellen Haut gut aussehen würde. Nachdem ich mein Burn-out überstanden hatte, war mir dies jedoch egal. Ich wollte ein kleines Andenken. Ich liess es am Geburtstag von Tequila machen: ein Mädchen, das mir gleicht und aus der Tiefe emporgezogen wird. Es misst nun allerdings 60 Zentimeter und ich trage es nun auf meinem Rücken! (Lacht.)

Möchten Sie wieder einen Hund?
Ich werde es erst nach der kommenden Tournee entscheiden. Obwohl meine Freunde alle meinten, ich sollte mir gleich wieder einen Hund zulegen, wehrte ich mich entschieden und verbot ihnen auch, mir einen zu schenken. Meine Interpretation war: Tequila wollte, dass ich die grosse Lücke, die sie in meinem Leben hinterlassen hatte, zunächst einmal nutze, um mich um mich selbst zu kümmern. Zu ersetzen ist sie eh nicht.

Patricia im Kleinkindalter: «Ein Mädchen aus dem Osten» ist auf dem Foto zu lesen. Denn Patricia Kaas wurde in Lothringen geboren.

Patricia im Kleinkindalter: «Ein Mädchen aus dem Osten» ist auf dem Foto zu lesen. Denn Patricia Kaas wurde in Lothringen geboren.
Patricia im Kleinkindalter: «Ein Mädchen aus dem Osten» ist auf dem Foto zu lesen. Denn Patricia Kaas wurde in Lothringen geboren.

Am 5. Dezember 1966 als jüngstes von sieben Kindern in Forbach (Frankreich) geboren, gehört Patricia Kaas heute
zu den international erfolgreichsten französischen Sängerinnen.

Schon in frühen Kindheitsjahren wurde sie von ihrer Mutter ermutigt, Sängerin zu werden. Bereits im Alter von acht Jahren trat Patricia Kaas auf unterschiedlichen Veranstaltungen auf.

Ihren ersten Plattenvertrag erhielt sie im zarten Alter von 13 Jahren.

Im Jahr 1985 wurde Kaas vom französischen Schauspieler Gérard Depardieu entdeckt und gefördert.

Seit dem Erscheinen ihres Debütalbums «Mademoiselle chante le blues» im Jahr 1988 hat sie mehr als 15 Millionen Tonträger verkauft.

In der Schweiz hatte sie ihren grössten Erfolg mit ihrem 1993 erschienenen dritten Album «Je te dis vous», das in den Charts auf den zweiten Platz kletterte.

2012 veröffentlichte sie ein Tribut-Album mit 15 Chansons von Frankreichs erfolgreichster Interpretin aller Zeiten, Edith Piaf.

Ihre aktuelle CD: «Patricia Kaas» (Musikvertrieb). Konzerte 2017 in der Schweiz: 4. Februar Genève Arena, 5. Februar Kongresshaus Zürich, 8. Februar KKL Luzern.

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