Pedro Lenz an der Aare, die nicht nur durch Bern, sondern auch durch Olten fliesst.

Pedro Lenz: «Ich wäre ja auch gern faul»

Pedro Lenz äussert sich erstmals zu seinem neuen Mundartroman «Di schöni Fanny». Der spielt in Olten und dreht sich um die freie Liebe.

Wie lange haben Sie am neuen Buch geschrieben?
Etwa vier Jahre. 

So lange?
Ich schreibe immer auch Kolumnen und gebe Lesungen.

Auf Fotos wirken Sie manchmal übernächtigt. Leben Sie ungesund?
Für mein Alter bin ich recht gesund. Ich bin oft unterwegs und laufe viel. Essen ist mir nicht wichtig. Die Augenringe sind familiär bedingt. Vielleicht wirke ich erschöpft, weil ich so lange Tage habe.

Ihr neues Buch ist in Ich-Form geschrieben. Wie viel Pedro Lenz steckt in der Hauptperson Jackpot?
In jeder Figur, die im Buch vorkommt, steckt etwas von mir. Doch ich benütze die Ich-Form nicht, um von mir zu erzählen, sondern weil ich so sehr unmittelbar und subjektiv schreiben kann.

Denkt Jackpot wie Sie?
Nein. Doch wie ich ist er Schriftsteller – oder denkt mindestens, er sei es. Aber er zweifelt auch, da er noch nichts publiziert hat. Das habe ich auch erlebt, das ist autobiographisch.

Es ist auch Erfundenes drin?
Klar. Und auch Dinge, die ich aufschnappe und mir merke. Beim Schreiben fallen sie mir ein und ich baue sie ein.

Wie verwandeln Sie solche Erlebnisse in Kunst?
Manche meinen, dass ich es als Mundartschriftsteller einfach habe, ich müsse nur gut zuhören, transkribieren und dann hätte ich meine Geschichten. So einfach ist es nicht. Es gilt, Gehörtes und Gedachtes zu formen und  verwandeln, den richtigen Rhythmus zu finden und Dinge wegzulassen.

Pedro Lenz im «Gleis 13», einer Beiz beim Bahnhof Olten.

Pedro Lenz im «Gleis 13», einer Beiz beim Bahnhof Olten.
Pedro Lenz im «Gleis 13», einer Beiz beim Bahnhof Olten.

So wie Sie die Liebesnacht, die im Buch vorkommt, weglassen? 
Wenn man Sexualität literarisch angeht, wird es schnell plakativ, vulgär oder unfreiwillig komisch. Es ist so persönlich, dass man es nicht beschreiben sollte, finde ich.

Wie wichtig ist Einfachheit beim Schreiben?
Je älter ich werde, desto wichtiger wird sie mir. Damit ein Text leicht und einfach wirkt, muss man richtig «dran umeschrüble».

Ihr Jackpot schreibt ein Buch, das im Milieu des Wettgeschäfts im Sport spielt. Kennen Sie sich da aus?
2005 war ich lange in Glasgow. Dort gibt es überall Wettbüros, wo auf Bildschirmen Hunde- und Pferderennen laufen, das faszinierte mich und ich las viel darüber. Aber um selber zu spielen, bin ich zu sehr Sportfan.

Ihr Jackpot vergleicht das Wetten mit der Liebe. In der Liebe kann man aber schon mehr als setzen und hoffen, dass man gewinnt.
Die Welt der Liebe ist voller Clichés und «Handglänk-mau-Pi»-Ratschläge. Deshalb kommen im Buch auch Schlager- und Songtexte vor, die Jackpot durch den Kopf gehen. Und das mit dem Wetten und der Liebe hat mal einer in einer Beiz behauptet.

Wie schätzen Sie Jackpots Balzverhalten ein?
Er verliert schon ganz am Anfang, als er der Schönheit von Fanny derart verfällt.

Ist er ein geborener Verlierer?
Niemand ist ganz und gar ein Verlierertyp, auch Jackpot nicht. Das Buch, das er schreiben will, traut ihm ja eigentlich niemand zu.

Ob er es fertig bringt, verraten wir jetzt nicht. Passiert es Ihnen auch, dass Sie sich in jemanden verlieben, den Sie überhaupt nicht kennen?
Nein, ich bin eher der Typ, der jemanden kennen muss und dann verliebe ich mich – vielleicht.

Eher wie Ihr «Goalie», der sich in die Serviertochter verliebt, die er schon ewig kennt?
Genau.

Haben Sie ein Faible für rätselhafte Frauen?
In Bezug auf Frauen habe ich kein klar definiertes Beuteschema.

«

Die Welt der Liebe ist voller «Handglänk-mau-Pi-Ratschläge»»

Wie sieht es mit der grossen freien Liebe aus?
Das ist ein Romanmotiv, das mit der Realität nicht viel zu tun hat. Die wenigsten Menschen haben das Glück, dass ihre Liebe ein Leben lang hält.

Jackpot sagt zu Fanny, dass er sie fürs ganze Leben möchte.
Ich glaube nicht, dass man zu jemandem sagt, ich bin jetzt für die nächsten 24 Stunden oder für die nächsten 17 Wochen in dich verliebt…

Waren Sie auch schon vor lauter Verliebtheit erschüttert über sich selber?
Klar, vor allem in der Jugend.

Und heute? Geben Sie etwas von Ihren Liebschaften preis?
Nein. Ich bin von morgens bis abends, wenn ich von einer Lesung zurückkehre, öffentlich. Ich werde erkannt und angehauen und das ist ok. Aber ich brauche ein Minimum an Privatsphäre, und die beginnt an meiner Tür.

Und wie ist es mit Kollegen?
Da gibt es einige, gerade Kunstmaler, und unsere Gespräche inspirierten mich zum Fanny-Buch. Als Gegenpol habe ich Jackpot geschaffen, der etwas jünger und naiver ist und der den Malerfreunden Geschichten und Überlegungen entlockt

Ihr Buch ist in Dialekt geschrieben. In welchem?
Es ist das Berndeutsch vom Oberaargau. In Bern gibt es viele Varianten: Im Emmental redet man anders als im Haslital und so weiter. Aber ich bin nicht Dialektologe und will  auch nicht spezielle Ausdrücke vor dem Verschwinden retten oder so.

Wieso schreiben Sie Mundart?
Ich schreibe in der Sprache, die ich spreche, sie ist mein Instrument.

Haben Sie so weniger Konkurrenz?
Ja, aber auch weniger potentielle Leser. Mein Freund Alex Capus schreibt Hochdeutsch, seine Bücher können im ganzen deutschen Sprachraum verkauft werden.

Bücher werden übersetzt. In wie vielen Sprachen gibt es «Dr Goalie bin ig»?
Mittlerweile sind es acht, die neuste Version ist Russisch.

Der «Goalie» war ein Bestseller. Glauben Sie, dass die Geschichte von Fanny auch verfilmt wird?
Das liegt nicht in meiner Hand und hat viel mit Zufall zu tun. 

Das Buch spielt in Olten. Was hat dazu geführt, dass Sie jetzt hier leben.
Das waren die Beizen-Projekte von Alex Capus, Werner De Schepper und mir. Alex ist nun aus der Flügelrad-Beiz ausgestiegen und engagiert sich vor allem in der Galicia-Bar. Werner und ich haben das Flügelrad verpachtet, sind aber als Hausbesitzer involviert.

Und Sie wohnen im Haus?
Ja.

Dann müssen Sie wohl nicht reservieren, wenn Sie in der Beiz essen wollen?
Doch, genau wie alle anderen auch. Das Flügelrad läuft sehr gut.

Wie kommt ein Berner auf Olten?
Ich bin in Langenthal aufgewachsen. Von dort aus ist man mit dem Zug in zehn Minuten in Olten. Als Jugendliche sind wir nach Olten gefahren, wenn wir in den Ausgang wollten, viel auch mit dem Töfli.

Punkto Eishockey sind Olten und Langenthal Erzgegner.
Klar, da gibt es immer viel zu «zündeln», je nachdem wer gewinnt. Aber mein Herz schlägt für YB. Wenn YB einen wichtigen Match verliert, dann bedrückt mich das, aber richtig.

Gehen Sie YB-Spiele anschauen?
Möglichst viele. Aber meine Lesungen werden so weit im Voraus geplant, dass der YB-Spielplan oft noch gar nicht steht. So verpasse ich Spiele. Wenn ich es einrichten kann, reise ich für einen YB-Match auch ins Ausland.

Und Bern, wo Sie vorher wohnten, fehlt Ihnen nicht?
Ja, aber ich bin oft dort. Witzig finde ich, wenn mich Berner Kollegen fragen, ob mir in Olten nicht die Aare fehle. Als ob es die hier nicht gäbe!

Zum Baden ist es schon nicht das gleiche. 
Stimmt, in Olten ist sie ruhiger. Wenn ich hier in die Aare steige, stört mich höchstens, dass die Kollegen in Bern schon vorher im selben Wasser badeten…

In Ihren Büchern spielen Lokale wichtige Rollen spielen. Sind Sie auch selber oft bis spät in die Nacht in Beizen anzutreffen?
Meistens komme ich von meinen Lesungen erst nach Hause, wenn schon alles geschlossen ist. Ich habe leider nicht ein so ausgedehntes Beizenleben wie meine Romanfiguren. 

Haben Sie Mühe am Morgen aufzustehen?
Als freier Künstler muss man sich Strukturen geben. Ich brauche den Morgen, neben dem Schreiben an Texten gibt es immer auch Briefe und Mails, die zu beantworten sind.

Sie haben ganz viele Lesungen geplant in den nächsten Monaten. Auf welchen Auftrittsort freuen Sie sich besonders?
Die Erfahrung lehrt mich, dass es immer anders wird, als man meint. Vielleicht freue ich mich besonders aufs Kofmehl in Solothurn, und dabei ist es dann in einem Keller in einem Dorf überraschend spannend.

Sie sind sehr fleissig, arbeiten von morgens bis spät abends?
Ich habe schon immer gern gearbeitet. Bereits als Maurer verstand ich nicht, dass man einen Beruf ausübt, wenn man sich die ganze Zeit nur auf den Feierabend oder auf die Ferien  freut.

Vom Büezer sind Sie zum Promiautor geworden. Was ist anders geworden?
Innerlich hat sich nichts geändert. Das was ich mache, tue ich gern.

Manchen Sie sich viele Gedanken zu Ihrer Kleidung?
Wenn ich an eine Lesung gehe, überlege ich mir im Voraus schon auch, was ich anziehe.

Und heute?
Das ist meine ganz normale Kleidung.

Und die Fingerringe?
Die trage ich immer. Auf dem Bau ging das nicht. Aber meine Malerfreunde und ich haben einen Freund, der Silberschmid ist. Einmal im Jahr zeigt uns Emilio, was er Neues hat. Dies hier ist ein Silberring mit Holzeinlage aus Mauretanien. Zu jedem Ring gibt es eine Geschichte.

Sie sind Künstler. Versuchen Sie den Erwartungen, die man an Künstler hat, gerecht zu werden?
Viele Menschen haben die Vorstellung, als Künstler sei man frei – und ein bisschen faul. Das lese ich etwa in Kommentaren zu meinen Kolumnen. Oder dass man vom Staat finanziert sei. Diese Vorstellung hat in den letzten Jahren dank der SVP stark zugenommen.

Tun Sie etwas dagegen?
Wenn mir das jemand in einer Beiz sagt, dann erwidere ich, seine Abgaben seien für die Jasssendung, meine für den Kulturplatz, seine Steuern für die Autobahn, meine für die Bahn. Da predige ich für das Solidaritätsprinzip. Aber eigentlich wäre ich ja auch gern faul. Ich komme einfach nicht dazu.

Preisgekrönter Performer

Der vor 51 Jahren in Langenthal BE geborene Autor und Kolumnist machte eine Maurerlehre, dann die Matura. Er studierte spanische Literatur, seit 2001 ist er Schriftsteller. Er gewann etliche Literaturpreise. Sehr erfolgreich war sein Buch «Der Goalie bin ig». Ab jetzt bis Mai 2017 ist er auf Lesetour zum Buch «Di schöni Fanny», das Ende September erscheint

Daten der Lesungen von Pedro Lenz

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