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Die Zahl der Zugpendler hat sich seit 1990 mehr als verdoppelt.

Die Zahl der Fernpendler stieg von 2010 bis 2014 um 13 Prozent.

Bei Strecken über 50 Kilometer pendelt mehr als die Hälfte mit dem Zug.

Pendlerwelt – so kommen wir zur Arbeit

In der Schweiz pendeln immer mehr Menschen stundenlang mit dem Zug. Wie zufrieden sind sie damit? Betroffene erzählen, wie sie die tägliche Reise erleben.

Frouke Elise Röthlisberger, Basel–Muri AG: 3 Std./Tag.

Frouke Elise Röthlisberger, Basel–Muri AG: 3 Std./Tag.
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Vor zwei Jahren döste die Pendlerin Frouke Elise Röthlisberger wie jeden Abend im Zug vor sich hin, als sie brüsk von der Durchsage des Lokführers aus dem Schlummerzustand gerissen wurde. «Liebe Iris», sagte dieser zu einer unbekannten Mitpassagierin, «wir haben schon so viel Zeit miteinander verbracht. Willst Du in meinem Lebenszug mitfahren bis zum Endbahnhof?» Ein Heiratsantrag im Zug! Röthlisberger wähnte sich in einem kitschigen Hollywood-Film, erst recht, als jemand durch den Waggon rief: «Sie hat Ja gesagt!» Spontan applaudierten alle, später schloss der Zugführer seine Iris vorne beim Prellbock am Bahnhof Luzern in die Arme.

Würde sie jeden Tag so eine herzerwärmende Story live miterleben, wäre für die 31-jährige diplomierte Ernährungsberaterin der Fall klar, dass das Pendeln ein Heidenspass ist. So aber ist sie manchmal hin und her gerissen zwischen Lust und Frust. Seit 15 Jahren verbringt sie einen ansehnlichen Teil ihrer Lebenszeit im Zug, um morgens ihren Arbeitsplatz zu erreichen und abends wieder nach Hause zu kommen. Die Hinfahrt geniesst sie, weil sie so langsam in den Tag starten kann. Die Rückfahrt wiederum erlaubt es ihr, nach der Arbeit langsam «herunterzufahren», wie sie es nennt, und abzuschalten. Das schätzt sie sehr. «Doch es gibt auch Schattenseiten», erklärt sie, «zum Beispiel, dass man total abhängig ist von den Abfahrtszeiten. Verpasse ich einen Zug, wird es schnell spät.»

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Verpasse ich den Zug, wird es schnell spät.»

Frouke Elise Röthlisberger, Fernpendlerin

Bis im vergangenen Jahr pendelte sie täglich über fünf Stunden zwischen Bärau im Emmental und ihrem Arbeitsort in Muri im Aargauischen hin und her. Das wurde sogar ihr, die ausgesprochen gerne Zug fährt, zu viel. Die Arbeitsstelle im Spital Muri wollte sie aber nicht aufgeben – «wir haben ein Super-Team» – und so entschied sie sich, näher an den Arbeitsort zu ziehen. Seit sie in Basel wohnt, wo sie Verwandte hat, ist sie pro Tag «nur» noch drei Stunden unterwegs. «So stimmt es für mich», sagt sie, «wobei ich als Single den Vorteil habe, dass ich niemandem Rechenschaft ablegen muss, wann ich zu Hause bin.» Hätte sie Familie, würde sie nochmals über die Bücher gehen und nach einer neuen Lösung suchen.

Die Arbeitswege werden länger

Frouke Elise Röthlisberger zählt zu den fast fünf Millionen Schweizern, die heute pendeln – also ihr Wohngebäude für den Arbeits- oder Ausbildungsort verlassen. Rund eine Million Personen von ihnen sind dafür mit dem Zug unterwegs – doppelt so viele wie Anfang der Neunzigerjahre. Tendenz steigend. Das Pendeln zählt zweifelsfrei zu jenen Themen, die die Menschen in der modernen Gesellschaft besonders umtreiben. Denn die Arbeitswege werden immer länger: Mittlerweile sind zwei von drei Pendlern ausserhalb ihrer Wohngemeinde erwerbstätig, jeder fünfte verlässt gar seinen Wohnkanton. Entsprechend viele Studien zum Thema gibt es: Einige – aber nicht alle, wie wir gleich sehen werden – kommen dabei zum Schluss, dass Pendeln für die Betroffenen eine Belastung darstellt, erst recht, wenn sie länger unterwegs sind.

Pendler haben einen höheren Blutdruck, bewegen sich zu wenig und sind eher übergewichtig. Eine Untersuchung der Universität Mainz ergab, dass Pendler häufiger unter stressbedingten Beschwerden wie Kopfschmerzen und Schlafstörungen leiden. Andere Studien zeigten, dass die Testpersonen in gewissen Situationen ein Stressniveau aufweisen, das sich mit jenem eines Kampfjetpiloten vergleichen lässt. Zum Beispiel, wenn es zu Verspätungen kommt. Stress und Machtlosigkeit steigen aber auch oft wegen der Mitpassagiere, die sich nervig verhalten; der Zug verkommt dann regelrecht zur Nahkampfzone, in welcher das Recht des Rücksichtsloseren gilt.

Warten aufs Wochenende

Pascal Rösselet, Boll/BE–Rotkreuz/ZG: 5 Std./Tag. Seit Dezember Boll/BE–Bern: 1 Std./Tag.

Pascal Rösselet, Boll/BE–Rotkreuz/ZG: 5 Std./Tag. Seit Dezember Boll/BE–Bern: 1 Std./Tag.
http://www.coopzeitung.ch/Pendlerwelt+_+so+kommen+wir+zur+Arbeit Pascal Rösselet, Boll/BE–Rotkreuz/ZG: 5 Std./Tag. Seit Dezember Boll/BE–Bern: 1 Std./Tag.

Diese Erfahrung hat auch Pascal Rösselet gemacht. Der 39-jährige Betriebsökonom zählte jahrelang zur ebenfalls wachsenden Gruppe der sogenannten Fernpendler, die pro Arbeitsweg mehr als 50 Kilometer zurücklegen. Nicht selten wunderte er sich über Passagiere, die sich extra breit hinsetzen oder – der Klassiker! – mit ihren Taschen die freien Plätze belegten. Der 39-jährige Betriebsökonom stand täglich um halb fünf in der Früh auf, um von Boll im Kanton Bern nach Rotkreuz im Kanton Zug zu pendeln. Er ging, wenn es noch dunkel war, und kehrte zurück, wenn die Sonne bereits wieder untergegangen war. Dauer eines Weges: zweieinhalb Stunden.

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Ein weiter Weg bedeutet eine enorme Belastung.»

Pascal Rösselet hatte genug vom Pendeln und wechselte den Job.

Für Rösselet überwogen unter dem Strich die Nachteile des langen Pendelns. «Während der Woche kann man kaum abmachen mit Freunden, weil man so spät zurückkehrt und man ohnehin viel zu kaputt ist.» So habe er zuletzt oft nur noch aufs Wochenende gewartet. In der heutigen Arbeitswelt, die immer fordernder werde, bedeute ein weiter Weg eine enorme Zusatzbelastung. «Das spürte ich gesundheitlich», erzählt Rösselet, «die Erholung kam zu kurz.»

Seit Anfang Dezember ist damit Schluss. Rösselet hat den Job gewechselt und arbeitet nun in Bern. Sein neuer Arbeitsweg dauert nur noch 30 Minuten. Er freut sich darauf, auch unter der Woche mal spontan tagsüber zu Hause vorbeischauen zu können, wenn beispielsweise Handwerker angemeldet seien. «Ich bin sicher, meine Lebensqualität wird sich deutlich erhöhen.»

Eingeschränktes Sozialleben

Dass Pendeln seine unangenehmen Seiten hat, weiss der Zürcher Professor Christian Fichter sehr wohl. Nebst dem eingeschränkten Sozialleben, so hat seine Studie zu diesem Thema ergeben, werden vor allem der Dichtestress und ungeplante Verzögerungen als Störfaktoren wahrgenommen. Trotzdem ist er der Überzeugung, dass die Mehrheit der Pendler mit ihrer Situation zufrieden ist. Lediglich 13 Prozent der befragten Personen sind richtig unglücklich über ihren Arbeitsweg. 86 Prozent sagten stattdessen: Für meinen Traumjob oder mein Traumhaus nehme ich eine längere An- und Rückfahrt gerne in Kauf.

In der Regel würden sie erst auf eine Veränderung drängen, wenn es an einem der beiden Orte, am Arbeitsplatz oder Wohnort, überhaupt nicht mehr stimmt. Fichter rät Pendlern, die Stosszeiten zu vermeiden; deshalb begrüsst er gleitende Arbeitszeiten oder die Idee, den Schulbeginn nach hinten zu verlegen. Auch könnten die Arbeitgeber, falls möglich, einen Mix zwischen Präsenz- und Heimarbeit erlauben, um die Belastungen des Pendelns zu vermindern – was am Ende wieder ihnen selber zugutekommen würde: Denn weniger gestresste Mitarbeiter machen einen besseren Job.

Ansonsten hält er viel von der Kraft einer positiven Einstellung: «Wer beispielsweise Familie hat, kann das Pendeln im Zug als jene Zeit wahrnehmen, die er ganz für sich alleine nutzen kann.» Etwa, um ein Buch zu lesen, was vielleicht zu Hause mit lebhaften Kindern nicht möglich wäre, oder um sich auszuruhen. Und wer sich über enge Platzverhältnisse, Gedränge auf den Bahnhöfen oder verspätete Züge ärgere, solle sich vor Augen führen, dass im Vergleich zu anderen Ländern in der Schweiz immer noch paradiesische Verhältnisse herrschen würden. «Die eigene Einstellung ist sehr wichtig, wenn es darum geht, ob jemand mit dem Pendeln glücklich ist.» Fichter sieht Pendeln als Lebensschule, in der «der Pendler weiter reifen kann».

Spannende «Zugskultur»

Marlène Sieber, Niederurnen/GL–diverse Arbeitsorte: 2–4 Std./Tag.

Marlène Sieber, Niederurnen/GL–diverse Arbeitsorte: 2–4 Std./Tag.
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Marlène Sieber zählt sich selber auf jeden Fall zu den glücklichen Pendlerinnen, von denen vorhin in der Studie von Christian Fichter die Rede war. «Der Zug bringt mich zu den Menschen, die mein Angebot brauchen», erklärt die Dozentin für medizinische Terminologie und Anatomie. Von ihrem Wohnort Niederurnen im Kanton Glarus reist sie an verschiedene Orte in der Schweiz, wobei der Arbeitsweg zwischen einer und zwei Stunden dauert. Sieber mag die «Zugskultur», wie sie es nennt, die je nach Strecke, Klasse und Tageszeit variieren könne. Ebenso «das Zusammensein mit den unterschiedlichsten Menschen, ob alt oder jung, Fernreisende, Geschäftsleute, Wanderer oder Arbeiter». «Unsere Anliegen müssen ernst genommen werden», sagt Sieber, «damit das Pendeln eher Lust als Frust bleibt.»

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Viel wird von unserem Miteinander anhängen.»

Marlène Sieber vom Pendlerverein Glarus zur Frage, wie angenehm das Pendeln in Zukunft sein wird.

Sie gehört dem Pendlerverein Glarus an, den es seit 15 Jahren gibt und der heute 118 Mitglieder zählt. Dieser setzt sich dafür ein, dass im Kanton Glarus gute Verbindungen herrschen. Dank des Vereins gibt es den «Glarner Sprinter», der Zürich direkt mit Linthal verbindet und mit den S-Bahnen, welche im Halbstundentakt nach Schwanden fahren. Sieber rechnet damit, dass die Pendlerzahlen auch in den kommenden Jahren zunehmen werden. Das werde dazu führen, dass die Kapazitäten der SBB im immer dichteren Fahrplan irgendwann ausgeschöpft seien. «Wie wir dann unsere Zugreise erleben werden, hängt vom menschlichen Miteinander ab.» Rücksicht auf den Nächsten zu nehmen, erklärt Marlène Sieber, sei in einem überfüllten Zug noch um einiges wichtiger als anderswo. «Lieber ein freundliches Gespräch mit dem Gegenüber als lautes Telefonieren, das alles übertönt.»

«Es dauert nun wohl ein paar Jahre bis zur nächsten Erhöhung»

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Jeannine Pilloud, Leiterin Personenverkehr SBB und damit die «Landesmutter der Pendler», über Reklamationen, Ideen aus Japan und steigende Preise. 

Jeannine Pilloud, ich hatte bei meiner Fahrt zu diesem Interview zehn Minuten Verspätung mit dem Zug. Typisch für die SBB, oder nicht?
(Lacht.) Natürlich nicht. Sicher bleiben einem die Verspätungen eher im Gedächtnis als die Fahrten, die pünktlich ankommen. Doch die Zahlen belegen, dass die SBB, was die Pünktlichkeit anbelangt, gut unterwegs sind. Unser Ziel ist es, dass 89 Prozent der Reisenden höchstens drei Minuten später ankommen, als im Fahrplan vorgesehen ist. In diesem Jahr sind wir nahe dran.

Müssten Sie nicht eine Pünktlichkeit von 100 Prozent anstreben?
Das ist nicht möglich. Höhere Gewalt wie Schnee, Eis oder betriebliche Ereignisse wird es immer geben. Aber natürlich arbeiten wir daran, uns weiter zu verbessern.

Sie sind viel im Zug unterwegs, pendeln oft von Ihrem Wohnort Zollikon nach Bern oder anderswohin in die Schweiz. Wie nutzen Sie die Zeit?
Ich schätze diese Zeit, die ich für mich habe. Am Morgen lese ich gerne oder bereite mich auf ein Meeting oder den Arbeitstag vor. Auf dem Heimweg am Abend hingegen nehme ich es oft ruhiger, gerade wenn ich ein bisschen müder bin.

Fahren Sie 1. oder 2. Klasse?
Beides. Ich steige dort ein, wo der Zug gerade hält. Mein Hauptarbeitsmittel ist das iPad, das ich überall bequem nutzen kann. Dafür brauche ich keinen Tisch. Mein Büro ist deshalb eigentlich überall, meine Arbeitsfläche sind meine Knie. Mir ist es wichtig, dass ich immer wieder woanders sitze, um zu sehen, wo der Komfort wie hoch ist. Sie finden mich deshalb kaum zweimal hintereinander am selben Platz im Zug.

Wie oft werden Sie angesprochen, weil andere Passagiere Sie als Chef-Pendlerin erkennen?
Ungefähr bei jeder fünften Fahrt. Meist sind die Leute sehr wohlwollend mit mir und haben konstruktive Vorschläge. Letzthin erklärte mir eine Dame, dass sie im Zug nicht so gut lesen könne, weil das Neonlicht ungenügend sei. Da habe ich ihr erklärt, dass neue Lichtkonzepte vorgesehen sind, die Lichteinstrahlung direkter ausfallen und mehr dem natürlichen Tageslicht angepasst werden soll. Am besten ist es, wenn jeder sein eigenes Lämpchen hat.

Weitere Vorschläge oder Kritik?
Die Toiletten sind immer wieder ein Thema. Viele finden, es habe zu wenige. In gewissen Zügen, die sehr gut besetzt sind, geben sich die Passagiere tatsächlich die Klinke in die Hand. Deshalb sind wir froh, dass einige der Züge, die wir bestellt haben, mehr Toiletten aufweisen werden.

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Was stört Sie selber am meisten beim Pendeln?
Mich verwundert, wie viele aus dem Zug stürmen und den ganzen Abfall liegen lassen. Da wäre ich froh, wenn sie mitdenken und alles auf dem Perron in die Abfallbehälter entsorgen würden. Ärgerlich finde ich auch, wenn Passagiere mit ihren Taschen zusätzliche Sitze belegen. Dann bitte ich sie manchmal, den Platz freizugeben.

Hat sich Ihre Perspektive, seit Sie sozusagen zur «Landesmutter der Pendler» geworden sind, beim Pendeln verändert?
Ja, ich schaue sicher genauer hin also vorher. Zugleich kenne ich nun gewisse Abläufe und weiss damit genau, wieso es zu einer gewissen Situation kommen kann. Natürlich gehe ich nicht hin und weise jemanden in der Öffentlichkeit zurecht, wenn etwas nicht wunschgemäss klappt. Ich habe höchsten Respekt vor den vielen Mitarbeitern, die im Zug alle einen möglichst guten Job machen wollen. Als normaler Passagiere fällt einem das gar nicht auf, wie viele dafür besorgt sind, dass alles funktioniert. Das ist aber auch normal. Als Studentin habe ich im Grand Hotel Dolder in Zürich im Service gearbeitet. Da habe ich sehr viel über Abläufe beispielsweise in der Küche gelernt. Sitzen Sie aber als Gast am Tisch, wissen Sie meist nicht, was hinter den Kulissen alles geschieht. Im Zug ist es nicht anders. Zum Beispiel das Klima in diesem Waggon: Dieses ist sehr angenehm eingestellt, sodass sich alle wohl fühlen.

Die Temperatur im Zug ist sicher eines jener Themen, bei denen es am meisten Beschwerden gibt.
Ja, auch deshalb, weil es etwas sehr Individuelles ist. Die einen haben immer warm, die anderen immer kalt. Die meisten Passagiere arrangieren sich jedoch mit der Temperatur, die in einem Wagen herrscht.

Wie wichtig sind die Pendler den SBB?
Sehr wichtig! Sie sind unsere wichtigsten, weil treusten Kunden. Pendeln ist ja oft etwas, das Sie nicht unbedingt selber gewählt haben. Meist ist es der Notwendigkeit geschuldet, dass Ihr Arbeitsplatz sich nicht dort befindet, wo Ihr Lebensmittelpunkt ist. Deshalb ist uns sehr daran gelegen, dass die Pendler eine gute Zeit bei uns verbringen können. Was auch der Fall ist. Vergleichen Sie den Platz, den ein Passagier in einem unserer Züge hat mit jenem im Flugzeug. Dort ist es oft etwas enger und deshalb unbequem, ein iPad auf die Knie zu nehmen.

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Der ÖV ist gezwungen, seine Preise zu erhöhen.»

Ein grosses Thema für die Pendler ist, dass die tägliche Fahrt zur Arbeit immer teurer wird. Soeben ist wieder der Preis fürs GA um durchschnittlich 4,2 Prozent erhöht worden, was ganz schön happig ist.
Das hat seinen Grund. Zum einen hat der Bund entschieden, die Trassenpreise zu erhöhen, weil die Investitionen wie etwa der Gotthard-Basistunnel ins Streckennetz massiv sind. Zweitens gibt es eine Abgeltungslücke: Auf der einen Seite muss man das Angebot ausbauen, weil die Passagierzahlen steigen, gleichzeitig sinken in einigen Kantonen beispielsweise die Steuereinnahmen, sodass weniger Geld zur Verfügung steht. Das führt dazu, dass der ÖV sich gezwungen sieht, die Tarife zu erhöhen. Wir unternehmen alles, um Preiserhöhungen möglichst zu vermeiden oder so moderat wie möglich zu gestalten.

Das leuchtet ein, nützt aber den Pendlern wenig.
Mit grosser Wahrscheinlichkeit dauert es nun ein paar Jahre bis zur nächsten Erhöhung. Es ist zwar der Bundesrat, der am Ende entscheidet. Wir können aber davon ausgehen, dass er die Trassenpreise nun eine Zeitlang auf dem jetzigen Niveau belässt.

Also keine versteckte Agenda, den vielen Pendlern das Zugfahren zu vergällen – und zwar ganz einfach deshalb, weil sie die SBB an den Anschlag bringen?
Nein. Das Gegenteil ist der Fall. Es gibt noch genug Regionen, wo man sehr daran interessiert ist, die Strassen zu entlasten. Das aber geht nur, wenn man das Angebot der Bahn ausbaut. Mobilität, wie wir sie heute verstehen, also mit ihrem hohen Komfort und dem dichten Fahrplan, hat ihren Preis. Wollen wir den nicht mehr bezahlen, muss sich die ganze Gesellschaft fragen, was ihr die Mobilität wert ist. Und welche Konsequenzen es hat, wenn wir sie nicht mehr auf diesem hohen Niveau anbieten.

(Eine Mini-Bar rollt gerade vorbei.) Diese Mini-Bars gibt es auch nicht mehr lange.
Das dauert noch eine Weile. Wir wollten das so früh wir möglich kommunizieren, weil wir mit den Mitarbeitern, die diese Minibars bedienen, eine Ausbildung machen, damit sie später in den Restaurants arbeiten können. Ab Ende 2017 werden die Mini-Bars Schritt für Schritt aus den bestehenden Zügen abgezogen. Stattdessen wird es in unseren bestehenden, aber auch in den neuen Zügen sogenannte Service-Zonen geben, wo die Menschen den Kaffee an ihren Platz serviert bekommen.

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Neu sollen Zugspassagiere für Verspätungen ab einer Stunde entschädigt werden. Ausser die GA-Besitzer. Auch hier haben die Pendler also das Nachsehen.
Wir begrüssen grundsätzlich eine Lösung, die für alle gilt. Die SBB haben heute eine einfache und gute Methode: Das Zugpersonal kann allen Reisenden bei grossen Verspätungen unbürokratisch Sorry-Checks verteilen. Das hat sich sehr bewährt. Aber grundsätzlich ist natürlich unser Ziel, gar keine so grossen Verspätungen zu haben. Bei massiveren Verspätungen, die mehr als eine Stunde betragen, gibt es dann die von Ihnen erwähnte Entschädigung. Allerdings tatsächlich nur für die Käufer eines normalen Tickets. Dies auch aus logistischen Gründen: Der eidgenössisch beauftragte Datenschützer hat uns nämlich auferlegt, dass wir die Daten eines GA-Besitzers nach der Kontrolle sofort wieder löschen müssen. Wie will ich da kontrollieren, wer im Zug sass und wer nicht? Müssten wir jeden Einzelnen mit einem Formular registrieren, wäre der Aufwand unverhältnismässig.

In Ihrem Blog «Schotter-Blick» erklärten Sie im Sommer, dass Sie in Japan  viele Themen fürs Pendeln aufgeschnappt hätten. «Lassen Sie sich überraschen!», kündigten Sie an. Können Sie trotzdem mehr verraten?
Also dies mal vorneweg: In Japan haben wir es mit viel grösseren Menschenmassen zu tun. Zugleich sind die Passagiere disziplinierter als in der Schweiz. Da versucht nicht jeder, so schnell wie möglich einen Platz zu bekommen. Sondern alle stehen  geordnet Schlange und lassen damit auch den aussteigenden Personen genug Platz. Weil allen klar ist, wo der Zug hält. Durch Signalisationen und Durchsagen. Vielleicht können wir da ansetzen. Und wir müssen uns noch mehr überlegen, wie die Pendlerströme in den Bahnhöfen verlaufen.

Was man von vielen Pendlern auch immer wieder hört: Der Handy-Empfang in den Zügen ist verbesserungswürdig.
Das wird von Woche zu Woche besser. Zum einen können die SBB selber dafür sorgen, indem wir bessere Signalverstärker in den Zügen einbauen. Zum andern muss auch das Empfangsnetz draussen entsprechend ausgerüstet sein. Wir sind deshalb mit den Mobilfunkanbietern dauernd im Gespräch, damit die Hauptverkehrsstrecken mit den entsprechenden Anlagen abgedeckt werden. Eine Studie der Fachzeitschrift «Connect» hat vor einigen Tagen aufgezeigt, dass die Empfangsqualität in Schweizer Zügen deutlich besser ist als in Deutschland und Österreich.

Wie sehen Sie die Zukunft des Pendelns?
Die Zahl der Pendler nimmt zwar stetig zu. Doch mit dem neuen Rollmaterial, das wir in den nächsten Jahren zum Einsatz bringen, wird auch das Platzangebot ausgebaut. Zudem wissen wir nicht, wie sich die Arbeitszeitmodelle in den nächsten Jahren entwickeln werden. Es kann durchaus sein, dass die Pendler sich noch mehr über den ganzen Tag verteilen. Vor 20 Jahren wäre dieser Zug, in dem wir sitzen, sicher nicht so gut besetzt gewesen wie heute. Nun sehen wir viele Pendler, die im Zug arbeiten.

Tipps für Zugpendler

  • Erfahrene Pendler wissen genau, wo sie am leichtesten einsteigen können – und das ist sicher nicht bei den Rolltreppen, wo in der Regel besonders viele Menschen anstehen.
  • Das Einsteigen funktioniert für alle besser, wenn Sie gleich ins Wageninnere weitergehen. Wenn sich alle um die ersten Abteile scharen und den Durchgang verstopfen, steigt der Dichtestress.
  • Vermeiden Sie, falls möglich, die Stosszeiten. Lieber bereits morgens um sechs Uhr auf den Zug und dafür abends wieder früher nach Hause. Oder umgekehrt.
  • Auf Bahnhöfen und in den Zügen herrscht oft Durchzug. Ein leichter Schal schützt Sie davor, dass Sie sich erkälten oder sich einen steifen Hals einfangen.
  • Achten Sie darauf, dass Sie Ihr GA griffbereit haben! Diese minutenlange Wühlerei in allen Taschen und Hosensäcken nervt nicht nur die Kontrolleure, sondern ist auch für die Mitfahrer eine Zumutung.
  • Belegen Sie nicht mehr als einen Sitzplatz! Was für Sie bequem sein mag, ist für die anderen Passagiere ein Ärgernis. Taschen gehören oben auf die Ablage oder unter den Sitz.
  • Verzichten Sie auf die Einnahme von Nahrungsmitteln, die besonders stark riechen!
  • Unterlassen Sie es, am Handy laute Gespräche zu führen!

Eine halbe Stunde schneller in den Süden

Am 11. Dezember 2016 ist ein weiterer Fahrplanwechsel angesagt, der laut Jeannine Pilloud, der Chefin Personenverkehr SBB, «aber nicht ganz so viele einschneidende Veränderungen mit sich bringen wird wie jener im vergangenen Jahr». Die wichtigste Neuheit bildet sicherlich die Inbetriebnahme des Gotthard-Basistunnels; Coop zählt zu den Hauptpartnern des «Gottardo 2016»-Projekts. Der Tunnel verkürzt die Fahrt ins Tessin um rund 30 Minuten, Mailand wird von der Deutschschweiz aus künftig gar 40 Minuten schneller zu erreichen sein.

Andreas W. Schmid

Redaktor

Foto:
Christoph Kaminski, Keystone
Veröffentlicht:
Mittwoch 07.12.2016, 14:00 Uhr

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