Peter Keller im Weinkeller des Hotel Carlton in Zürich: ein Ort, an dem er sich gerne aufhält.

Peter Keller: «Ich bin kein Missionar» 

Seine Kolumnen in der «NZZ am Sonntag» sind für viele Weinliebhaber Kult. Doch wer ist Peter Keller, der neu auch für Mondovino als Experte agiert?

Peter Keller mit seinem neuen Buch. 101 Fragen zum Wein werden darin beantwortet. 

Peter Keller mit seinem neuen Buch. 101 Fragen zum Wein werden darin beantwortet. 
Peter Keller mit seinem neuen Buch. 101 Fragen zum Wein werden darin beantwortet. 

Der 57-jährige gebürtige St. Galler wohnt in der Region Zürich. Peter Keller ist verheiratet und hat einen Sohn. Nach etlichen Jahren im Wirtschaftsjournalismus betreut er seit 2002 bei der «NZZ am Sonntag» das Thema Wein. 2009 erlangte er den vom Kuratorium der Weinakademie Österreich verliehenen Titel «Weinakademiker», ausserdem ist er im Besitz des Diploms des «Wine and Spirit Education Trust». Auf Mondovino stellt er monatlich einen persönlichen Favoriten vor und schreibt regelmässig über seine liebsten Gebiete: die Schweiz, das Bordeaux und deutsche Rieslinge.

 

Peter Keller, Sie sind so etwas wie der Briefkastenonkel für Weinliebhaber, eine Autorität in Sachen Wein. Man hört aber auch, dass Sie keine grosse Ahnung von Wein hatten, als Sie Ihre Tätigkeit als Weinjournalist begannen …
Das stimmt: Ich bin ein Spätzünder! Ich gehöre nicht zu jenen, die den Wein sozusagen im Blut haben. Ich kam spät dazu, umso heftiger hat es mich dann aber gepackt.

Wie sind Sie angefixt worden?
Bis zwanzig habe ich keinen Tropfen Alkohol getrunken, danach allenfalls mal ein Glas Rioja zum Essen. Irgendwann – mit fast dreissig – habe ich in unserem Weinkeller eine Flasche Château Margaux entdeckt. Keine Ahnung, ob diese Flasche aus meinen Beständen oder jenen meiner Frau stammte. Aber: Ein Glas nur, und um mich war’s geschehen.

Könnten Sie ohne Alkohol leben?
Ohne Alkohol ja – aber nicht ohne Wein. Wein ist für mich eine andere Kategorie. Wein ist kein Rauschmittel, sondern Genuss, Leidenschaft, Kultur. Wein ist Leben.

Und wenn Ihnen ein Arzt das Bierchen nach Feierabend verbieten würde?
Das ist kein Problem: Ich mag Bier nicht trinken. Aber es würde mich tatsächlich treffen, sollte ich aus gesundheitlichen Gründen auf den Wein verzichten müssen. Das wäre wirklich nicht einfach.

Wo hat Ihr Wein-Herz seine Heimat?
In der Schweiz, wir haben sehr viele spannende Weine und innovative Winzer. Ausserdem bin ich ein grosser Riesling-Fan. Und – als bekennender Bordeaux-Liebhaber – liegt mein Herz natürlich auch im Bordeaux.

Wo sehen Sie die Trends der Zukunft? Ist der Stern der opulenten, sirupartigen Überseeweine tatsächlich am Sinken?
Ich gehe davon aus. Soweit ich sehe, geht der Trend in Richtung Vielfalt. Sprich in Richtung ehrliche Weine, die Charakter zeigen. Auch autochthone Sorten, die ausschliesslich in einer bestimmten Region wachsen, sind gefragt.

Das klingt nach harten Zeiten für den weniger versierten Weingeniesser. Steht dieser bald völlig verloren vor dem Regal?
Nicht unbedingt – es wird so viel über edle Tropfen geredet und geschrieben wie kaum je zuvor. Man kann sich also relativ einfach informieren. Gelegentliche Weintrinker profitieren jedoch davon, dass nicht alles gleich schmeckt und ihnen Wein unter Umständen viel mehr Spass macht. Plötzlich erleben sie, dass Weine sie überraschen und ungewohnte Facetten zeigen.

Was halten Sie von Bio-Weinen?
Ich bin ein Anhänger von naturnahem Anbau, lange Zeit wurde im Weinbau tatsächlich viel zu stark auf Chemie gesetzt. Aber Bio ist für mich kein Qualitätsmerkmal. Ich finde es toll, wenn jemand biologisch arbeitet, dies aber nicht als Vermarktungsargument einsetzt. Tatsächlich werden einige der grössten Weine der Welt biologisch hergestellt, aber das liest man nicht auf den Etiketten.

Apropos Etiketten: Lässt sich Peter Keller davon beeindrucken?
Nein, der Inhalt muss stimmen. Aber ich gebe es zu, dass ich diesbezüglich ein Purist bin. Ich mag die klassischen Etiketten und kann wenig anfangen mit modernen Designs.

Stichwort Naturwein, ist das tatsächlich ein Trend?
Ich sage es mal so: Naturweine sind ungewohnt, aber spannend – und sorgen auf jeden Fall für Diskussionen bei einer Verkostung. Für mich kann es allerdings nicht sein, dass die Herstellungsbedingungen über dem Genuss stehen. Wein muss schmecken.

Wo liegt bei Peter Keller die Schmerz-grenze beim Preis für eine Flasche Wein?
Es ist sicher schon vorgekommen, dass ich beim Händler 100 oder auch 200 Franken für eine Flasche Wein bezahlt habe. Aber irgendwo hat es Grenzen! Es gibt grossartige Weine, die aber wegen der Nachfrage und Spekulation so teuer sind, dass ich sie mir nicht leisten will.

Ich kann mir aber auch nicht vorstellen, dass Peter Keller bei einem Wein für knapp 7 Franken zugreift ...
Ich gebe zu, ich bin jemand, der eher teurere Weine trinkt. Weniger als 20 Franken gebe ich selten aus für eine Flasche, so viel zahlt man für qualitativ gute Weine. Zu sagen ist allerdings, dass man sehr wohl den Unterschied zwischen einem 10-Franken-Wein und einem 30-Franken-Wein spürt, aber ein 100-Franken-Wein nicht doppelt so gut schmeckt wie einer für 50 Franken.

«

Mir gefallen Weine mit Charakter. Sonst könnte ich auch Cola trinken.»

Was kommt Ihnen nicht ins Glas?
Wirklich schlechte – sprich fehlerhaf-te – Weine gibt es heute zum Glück kaum mehr. Und über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten. Durchdesignte, auf modern getrimmte Weine mag ich persönlich jedoch nicht besonders gern trinken. Mir gefallen vielmehr ehrliche, herkunftsbezogene Weine mit Charakter. Gewächse, die nicht jedes Jahr gleich schmecken. Sonst könnte ich auch Cola trinken.

Sowohl Ihre Kolumne als auch Ihre Artikel in der «NZZ am Sonntag» haben viele Leser. Sind Sie ein Missionar in Sachen Wein?
Auf keinen Fall! Ich kann es nicht ausstehen, wenn jemand seine Meinung über die der anderen stellt. Ausserdem ist es schwierig, bei einem subjektiven Thema wie Wein zu missionieren, da es keine abschliessende Wahrheit gibt.

Auch nicht für Sie selber?
Auch das nicht. Beispielsweise mag ich keine sizilianischen Weine, ich verehre aber jene der Sizilianerin Arianna Occhipinti. Die junge Frau keltert grossartige Preziosen.

Was ist Ihnen wichtig bei Ihrer Arbeit?
Mir ist es ein Anliegen, den Leuten Hintergrund-Geschichten zu Weinen, Personen und Gebieten aufzuzeigen. Auch Themen, die nicht so im Trend sind, kommen zum Zug.

Welches sind Ihre drei persönlichen Wein-Lieblinge?
Es gibt so viele tolle Weine, da ist eine Beschränkung schwierig. Aber der subtile «Il Frappato» der bereits erwähnten Arianna Occhipinti; die Lagen-Pinot-Noirs des Schaffhausers Markus Ruch und das grosse Gewächs Riesling Hermannshöhle des deutschen Weinguts Dönnhoff an der Nahe sind drei meiner Favoriten.

Neu sind Sie Experte auf Mondovino. Was kann man von Peter Kellers Beiträgen erwarten?
Unabhängigkeit ist mir wichtig, auch bei meiner Aufgabe bei Mondovino. Sonst hätte ich bei dieser Kooperation zwischender «NZZ» und Coop nicht mitgemacht. Ich selektioniere und beschreibe Weine, die mir besonders auffallen: sozusagen Peter Kellers Selection.

Mit Ihren Urteilen haben Sie Einfluss auf Weinliebhaber. Wie ist das für Sie?
Man übernimmt eine gewisse Verantwortung, das sicher. Doch am Schluss entscheidet der persönliche Geschmack – und das möchte ich Weinliebhabern ans Herz legen! Man darf Weine gut finden, die Robert Parker oder sonst jemand zerpflückt hat. Mehr Selbstbewusstsein, liebe Weingeniesser!

 
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Günstiger zum neuen Buch

Auf Rot folgt Grün: In seinem Buch «Wein? Keller! Weitere 101 Fragen aus der Welt der edlen Tropfen beantwortet von Peter Keller» beantwortet Peter Keller Fragen wie «Was bedeutet Süssdruck?», «Kann man Rotwein in der Mikrowelle temperieren?» oder warum man nie schlechte Kritiken über Weine liest.

Coopzeitung-Leser können das Buch hier für 22 statt 28 Franken oder per Postkarte an NZZ Libro, Postfach, 8021 Zürich bestellen. Bitte das Stichwort «Coopzeitung» angeben.

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Die Aktion dauert bis am 7. November 2015.

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Regula Bättig

Redaktorin

Foto:
Christoph Kaminski
Veröffentlicht:
Montag 12.10.2015, 11:28 Uhr

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