Pilgern: Wandern zwischen Natur und Spiritualität

Pilgern ist «hip» und längst nicht mehr bloss etwas für die Frommen. Wers lieber alpin als traditionell mag, marschiert nicht auf dem Pilgerweg nach Santiago de Compostela, sondern von Saas-Fee nach Domodossola.

Anforderung: mittel (trittsicher und schwindelfrei, keine Kletter-kenntnisse), gute Grundkondition, 60 km, 3300 Meter Abstieg, 1800 Meter Aufstieg Wanderzeit: ideal von Juli bis September, je nach Witterung Juni bis Oktober

Tag 1: Saas-Fee–Saas-Almagell, 8 km, 220 m Abstieg, 90 m Aufstieg, ca. 1 ½ Std. Übernachtung in Saas-Almagell
Tag 2: mit der Sesselbahn nach Heidbodme, Heidbodme–Biwak Cingino, 13 km, 600 m Aufstieg, 800 m Abstieg, 5 Std., Über-nachtung im Biwak Cingino (Selbstversorgung)
Tag 3: Cingino–Antrona Lago, 11 km, 1300 m Abstieg, 100 m Aufstieg, 5 Std., Übernachtung im Hotel «La Pineta», Antronalago
Tag 4: Antronalago–Boschetto, 17 km, 600 m Abstieg, 100 m Aufstieg, 5 Std., Übernachtung im Ostello del Bosco, oder in einem B + B unterwegs.
Tag 5: Boschetto– Domodossola, 12 km, 300 m Aufstieg, 500 m Abstieg, 3 ½ Std.
Reservation

Die Reservation erfolgt zurzeit individuell gemäss den Angaben aus dem Führer «Wandern zwischen Natur und Spiritualität». Dieser ist bei den Tourismusbüros in der Destination Saas-Fee/Saastal gratis erhältlich. Es wird abgeklärt, ob in Zukunft eine zentrale Reservation möglich sein wird.

Saastal Tourismus
Obere Dorfstrasse 2!
3906 Saas-Fee
Tel. 027 958 18 58
info@saas-fee.ch

Mögliche Etappierung

Pilgerweg Saas-Fee–Domodossola

Anforderung: mittel (trittsicher und schwindelfrei, keine Kletterkenntnisse), gute Grundkondition, 60 km, 3300 Meter Abstieg, 1800 Meter Aufstieg

Wanderzeit: Ideal von Juli bis September, je nach Witterung Juni bis Oktober

  • Tag 1: Saas-Fee–Saas-Almagell, 8 km, 220 m Abstieg, 90 m Aufstieg, ca. 1 1/2 Std. Übernachtung in Saas-Almagell.
  • Tag 2: Mit der Sesselbahn nach Heidbodme, Heidbodme–Biwak Cingino, 13 km, 600 m Aufstieg, 800 m Abstieg, 5 Std., Übernachtung im Biwak Cingino (Selbstversorgung)
  • Tag 3: Cingino–Antrona Lago, 11 km, 1300 m Abstieg, 100 m Aufstieg, 5 Std., Übernachtung im Hotel «La Pineta», Antrona Lago
  • Tag 4: Antrona Lago–Boschetto, 17 km, 600 m Abstieg, 100 m Aufstieg, 5 Std., Übernachtung im Ostello del Bosco, oder in einem B+B unterwegs.
  • Tag 5: Boschetto–Domodossola, 12 km, 300 m Aufstieg, 500 m Abstieg, 3 1/2 Std.
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Mit seinem Selbsterfahrungsroman «Ich bin dann mal weg» hat der deutsche Comedian Hape Kerkeling das Pilgern endgültig mehrheitstauglich gemacht. Pilgern ist heute weder Selbstkasteiung noch Selbstläuterung, sondern bestenfalls Selbsterfahrung. Aber meistens nur Freizeitbeschäftigung. Man pilgert so, wie man Beachvolleyball spielt oder River Rafting ausprobiert. Was geblieben ist, ist die Richtung. Sie geht grundsätzlich nach Santiago de Compostela, Hauptstadt Galiciens. Doch auch das ist nicht mehr zwingend. Seit letztem Sommer existiert ein alpiner Pilgerweg zwischen Saas-Fee und Domodossola: 60 Kilometer lang und mit einer Höhendifferenz von über 2500 Metern zwischen dem Antronapass als höchstem und Domodossola als tiefstem Punkt des Wegs. Säumer überwanden den Antronapass beziehungsweise den Passo da Saas, wie er in Italien heisst, schon seit dem Jahr 1200. Sie transportierten Wein und Käse in die Schweiz und Salz aus dem Norden nach Italien. Heute nehmen Wein und Käse den bequemeren Weg durch den Gotthardtunnel. Der Pilgerweg bleibt den Naturfreunden und neu den alpinen Pilgern vorbehalten, die sich hier zwischen Natur und Spiritualität bewegen. Die Route lässt sich in beiden Richtungen gut in vier oder fünf Tagesetappen bewältigen.

Blick auf die Stein-dächer des malerischen Dorfes Viganella.

Blick auf die Stein-dächer des malerischen Dorfes Viganella.
http://www.coopzeitung.ch/Pilgern_+Wandern+zwischen+Natur+und+Spiritualitaet Blick auf die Stein-dächer des malerischen Dorfes Viganella.

Wir haben uns für die Nord-Süd-Richtung mit Start in Saas-Fee entschieden. Das ist etwas gemütlicher, weil der Weg in dieser Richtung mehrheitlich bergab führt. Von Saas-Fee geht es auf dem sogenannten Kapellenweg zuerst recht gemächlich nach Saas-Almagell. Am zweiten Tag steht die Überwindung des Antronapasses an. Wer sich einige Höhenmeter ersparen will, lässt sich mit der Sesselbahn nach Heidbodme fahren und startet die erste Tagesetappe auf 2400 Metern.

Abkürzung und tolle Aussicht

Diese Abkürzung lohnt sich. Auf Heidbodme zeigt sich das ganze Bergpanorama der Mischabelgruppe. Je höher man steigt, desto mehr Alpengipfel entdeckt man. Der Panoramaweg bleibt seinem Namen nichts schuldig. Nach rund vier Stunden erreicht man mit dem Antronapass bereits den höchsten Punkt der Tour. Initiiert wurde dieser Pilgerweg vom italienischen Alpenclub. Bergführer Renato Boschi (65) hat nicht nur den neuen Pilgerweg erschlossen, sondern die ganze Geschichte des Antronatals und seiner Verbindung ins Saastal aufgearbeitet. Die ist vielfältig. «Wir haben unter anderem festgestellt, dass viele Altäre in unseren Kirchen und in den Kirchen des Saastals vom Bildhauer Giulio Guaglio stammen, der in Antrona lebte und wirkte», erklärt Boschi. So ist heute unter anderem in der Kirche Saas-Grund ein Altar zu sehen, den Guaglio schuf. «Die Verbindung über den Antronapass hinweg beschränkte sich keineswegs nur auf Handelsbeziehungen, sondern betraf auch die Kultur.»

Von der Passhöhe führt der Weg hinunter auf die Alp Cingino. Dort steht eine Selbstversorger-Hütte zum Übernachten (Reservation von Vorteil). Gleich daneben ragt die Staumauer des Lago Cingino in die Höhe. Auf der Staumauer vergnügt sich ein ganzes Rudel Steinböcke. Wer das Schauspiel nicht gesehen hat, glaubt es kaum: Die Muttertiere mit ihren Jungen rennen auf der fast senkrecht abfallenden Mauer herum.

Die Holzskulpturen in der Ambrosius-Kirche in Seppiana stammen vom Bildhauer
Giulio Guaglio.

Die Holzskulpturen in der Ambrosius-Kirche in Seppiana stammen vom Bildhauer
Giulio Guaglio.
http://www.coopzeitung.ch/Pilgern_+Wandern+zwischen+Natur+und+Spiritualitaet Die Holzskulpturen in der Ambrosius-Kirche in Seppiana stammen vom Bildhauer
Giulio Guaglio.

Das kühle Bad im Antronasee

Am nächsten Tag erfolgt der Abstieg nach Antrona. Dort kann man sich bei einem angenehmen Bad im malerischen Antronasee abkühlen. Ab Antronalago folgt der Weg den alten Säumerpfaden. Hier wird klar, warum der Weg «Wandern zwischen Natur und Spiritualität» heisst. Das Antronatal ist übersät mit kleinen und kleinsten Kapellen. 1740 genau sollen es sein, sagt Boschi. An vielen dieser Kapellen führt der Weg vorbei. Das Tal ist stark religiös geprägt, die kleinen Kapellen hatten aber auch «praktische» Gründe, erklärt Renato Boschi: «Die Frauen konnten sich so unter dem Vorwand des Gebets etwas länger zum Tratschen treffen, als ihren Männern lieb war.» In der Kirche San Lorenzo in Antronapiana lohnt es sich, einen Moment innezuhalten und den von Guaglio geschaffenen Hauptaltar zu betrachten. Er besteht aus vergoldetem Holz und zählt zu den schönsten Werken im barocken Stil des gesamten Piemonts. Eine Pause einzulegen lohnt sich auch beim historischen Wohnhaus Casa Vanni in Viganella.  Ab Viganella passiert der Weg noch weitere Kirchen und Kapellen in Seppiana, Montescheno, Cresti und Boschetto. In Domodossola schliesslich lohnt sich ein kleiner Abstecher auf den Sacro Monte Calvario, dessen Gebäudekomplex zur wichtigsten architektonischen Leistung des Ossolatales wurde. Unterwegs nach Domodossola erzählen viele Schautafeln und Objekte vom Leben und Arbeiten im Tal. Der Tourismus hat dieses Tal erst in Ansätzen entdeckt. Noch gilt das Antronatal als Geheimtipp.

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Thomas Compagno

Redaktor

Foto:
Thomas Compagno, Thomas Andenmatten
Veröffentlicht:
Donnerstag 25.02.2016, 00:00 Uhr

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