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Seit der Desensibilisierung kann Laure ihre Schwester auf dem Bauernhof besuchen, ohne allzu sehr zu leiden

Noch bis Ende Mai blüht auch die Esche.

Auf Pappelpollen reagieren nur wenige allergisch.

Pollenhölle: Unterschätzen hat Folgen

Ein Viertel der Bevölkerung reagiert allergisch auf Pollen. Bindehautentzündungen, Rhinitis und Atemprobleme vermiesen ihnen den Frühlingsbeginn.

Das Frühlingserwachen ist eine Quelle der Freude. Doch nicht für alle, denn es ist auch die Zeit der Atemwegsallergien. «Man schätzt, dass 25 bis 30 Prozent der Bevölkerung eine Sensibilisierung auf ein Allergen aufweisen und 15 bis 20 Prozent im klinischen Sinne allergisch sind», sagt François Spertini, Chefarzt der Abteilung Immunologie und Allergie Centre Hospitalier Universitaire Vaudois. Die Symptome: Niesattacken, verstopfte oder triefende Nase, juckende Augen. Und das den ganzen Tag lang!

Das Immunsystem ist schuld

Allergiker sollten sich jeden Abend die Pollen aus den Haaren waschen.

Allergiker sollten sich jeden Abend die Pollen aus den Haaren waschen.
http://www.coopzeitung.ch/Pollenhoelle_+Unterschaetzen+hat+Folgen Allergiker sollten sich jeden Abend die Pollen aus den Haaren waschen.

Eine ständige Plage, die Laure Braun (26) bestens kannte. Trotzdem hat sich die junge Frau in der Ajoie, am Rand des kleinen Dorfes Montignez JU, inmitten von Wiesen niedergelassen. «Ich habe zwar noch Asthma», sagt sie, «aber keine Allergieanfälle mehr.» Bevor sie mit ihrem Mann auf eine Velotour gehe, nehme sie ein Medikament, dann gehe es ihr gut.»

Doch die Sozialpädagogin hat schwierige Zeiten erlebt. Wenn sie an ihre Anfangszeiten als Allergikerin zurückdenkt, verschwindet das Lächeln kurzzeitig von ihren Lippen. Das war im Sommer 2000, Laure war rund zehn Jahre alt. Es begann mit Atemproblemen nach einem Tag im Schwimmbad. «Meine Mutter dachte, ich hätte mich erkältet.» An Atemwegsallergien dachte anfänglich niemand, denn diese sind meist erblich bedingt und ihre Familie war bislang davon verschont geblieben. Doch die Diagnose war eindeutig und veränderte Laures Alltag komplett. «Es war die Hölle», erinnert sie sich. Schwere Atemwegsallergiker leiden während mehrerer Wochen unter einer Art Grippegefühl, was sowohl im Berufs- als auch im Privatleben sehr mühsam ist – ganz zu schweigen von den Schlafproblemen. 
Ausgelöst werden Atemwegsallergien von Pollen. «Pollen sind sehr komplex gebaut und enthalten je nach Art verschiedene Proteine in unterschiedlicher Zusammensetzung, auf die das Immunsystem der Betroffenen allergisch reagiert», erklärt Chefarzt François Spertini. «Deshalb ist man nicht auf alle, aber oft auf mehrere Pflanzenarten allergisch.»


Atemwegsallergien sind meist erblich bedingt, die Pollen in der Luft sind lediglich die Auslöser. «Wenn beide Elternteile unter der gleichen Allergie leiden, hat das Kind ein 60- bis 80-prozentiges Risiko, diese Allergie ebenfalls zu entwickeln. Ist nur ein Elternteil Allergiker, liegt das Risiko für das Kind bei 30 bis 60 Prozent», führt Spertini aus.

«

Selbst die kurze Strecke vom Haus zur Busstation war die Hölle.»

Laure Braun, Asthmatikerin

Von der Allergie zum Asthma

Atemwegsallergien werden nach wie vor unterschätzt. Mit Folgen. «Nahezu 40 Prozent der Leute, die während mehrerer Jahre unter Rhinokojunktivitis, also Heuschnupfen, leiden, entwickeln später ein Asthma – und das ist irreversibel», sagt Spertini. Man spricht von einer Allergiekarriere. 90 Prozent der Asthmatiker haben eine solche hinter sich, denn ausser in sehr seltenen Fällen ist man nicht von Geburt an Asthmatiker. Der Immunologe empfiehlt deshalb dringend, unverzüglich einen Arzt zu konsultieren, wenn allergische Symptome auftreten. Je früher, desto besser. «Heute haben wir Möglichkeiten, den Prozess zu stoppen und zu verhindern, dass man einen Teil der Lungenfunktion verliert», sagt er. Man spricht von einer Desensibilisierung. 

Laure Braun hat eine solche durchlaufen. Vier Jahre lang musste sie jede Woche für eine Spritze zum Spezialisten. «Damals war das schwierig für mich, aber ich wusste, dass es nötig war.» Zu Hause musste sie zweimal täglich eine Viertelstunde lang ein Medikament inhalieren. «Von April bis Ende Sommer konnte ich nicht draussen spielen, so stark war meine Allergie», erinnert sie sich. «Selbst die kurze Strecke vom Haus zur Busstation war die Hölle.» 
Bei der Desensibilisierung werden wiederholt und in steigender Dosierung die allergieauslösenden Proteine gespritzt – bis das Immunsystem schliesslich resigniert und aufhört zu kämpfen. Diese Desensibilisierung wird wiederholt. 

Die Risiken minimieren

Während der Pollenzeit gilt bei Autofahren: Fenster schliessen, Anti-Pollen-Filter einschalten.

Während der Pollenzeit gilt bei Autofahren: Fenster schliessen, Anti-Pollen-Filter einschalten.
http://www.coopzeitung.ch/Pollenhoelle_+Unterschaetzen+hat+Folgen Während der Pollenzeit gilt bei Autofahren: Fenster schliessen, Anti-Pollen-Filter einschalten.

Doch auch während ihrer schlimmsten Zeit hatte Laure Braun angenehme Momente. «Der Regen ist unser bester Freund», erklärt sie. «Bei Regen konnte ich mein Zimmer ohne grosse Probleme lüften.» Hilfreich sei auch, lll öfters die Haare zu waschen, die Kleider zu wechseln, sobald man in die Wohnung kommt, und nicht zu rennen, um Atemnot zu vermeiden. «Als Kind ist es schwierig, das alles zu verstehen: Wenn wir hier spielten, war das immer inmitten von Feldern und ich konnte mit meinen Freundinnen nicht mithalten.» Dennoch musste sie als Jugendliche zweimal wegen Atemnot in den Notfall.

Medikament für den Notfall

Doch das gehört für die junge Frau der Vergangenheit an. «Seither treffe ich alle nötigen Vorkehrungen.» Zwar hat die Desensibilisierung das Ausmass der allergischen Reaktionen drastisch reduziert. Dennoch ist die Leistungsfähigkeit der Lungen vermindert. «Für den Notfall habe ich immer ein Medikament dabei. Und wenn der Nachbar heut oder wenn es bei starkem Wind viele Pollen in der Luft hat, schliesse ich die Fenster.» Selbst im Winter gibt es eine Einschränkung: Laure kann nicht auf allzu grosser Höhe Ski fahren, denn die verminderte Leistungsfähigkeit ihrer Lunge und die dünne Luft sind keine gute Kombination! «Ich vergesse nicht, dass ich Asthmatikerin bin und dies auch mein Leben lang bleiben werde.»

«Auf hohem Niveau stabil»

Charlotte Braun-Fahrländer (66) ist emeritierte Professorin für Sozial- und Präventivmedizin der Uni Basel

Charlotte Braun-Fahrländer (66) ist emeritierte Professorin für Sozial- und Präventivmedizin der Uni Basel
http://www.coopzeitung.ch/Pollenhoelle_+Unterschaetzen+hat+Folgen Charlotte Braun-Fahrländer (66) ist emeritierte Professorin für Sozial- und Präventivmedizin der Uni Basel

Geschwister, Haustiere und ein Bauernhof helfen gegen Allergien, sagt die Medizinerin Charlotte Braun-Fahrländer.

Haben Allergie-Erkrankungen in den letzten Jahren zugenommen?
Nein. Wir hatten in den 70er- und 80er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts einen starken Anstieg, doch seit Mitte der 90er-Jahre hat sich die Zahl der Kinder mit einer Allergie-Erkrankung auf relativ hohem Niveau stabilisiert. Nicht nur in der Schweiz, auch in andern Ländern Europas.

Ist denn wieder mit einem Rückgang zu rechnen?
Damit darf man nicht rechnen, aber wenigstens auch nicht mit einer weiteren Zunahme.

Nach der Wende in Deutschland war die Rate allergiekranker Kinder im «schmutzigen» Osten deutlich tiefer als im «sauberen» Westen.
Vorsicht mit «schmutzig» und «sauber»: In der Regel sind es mehrere Faktoren, die zusammenspielen. Jedenfalls ist die Rate im Osten in der Zwischenzeit in etwa auf das Niveau im Westen angestiegen.

Warum?
Man vermutet stark, dass es mit der Angleichung des Lebensstils in den neuen Bundesländern an unseren westlichen Lebensstil zu tun hat, etwa grössere Wohnungen, Spannteppiche etc.

Welche Faktoren senken das Allergie-Risiko?
Es ist offensichtlich, dass Kinder, die etwa mit Geschwistern aufwachsen, früh in eine Kindertagesstätte gebracht werden, in einem Haushalt mit Haustieren oder auf einem Bauernhof leben, im Durchschnitt weniger häufig unter Allergie-Erkrankungen leiden als Einzelkinder, die in Haushalten in der Stadt gross werden.

Generell heisst das, …
… dass es offensichtlich ein Zeitfenster gibt, in dem es wichtig ist, dass das Immunsystem gestärkt wird; vermutlich sind dies die ersten drei Lebensjahre. Das kann zwar für die Eltern mühsam sein – in Krippen lesen die Kinder mehr Infekte auf als zu Hause –, gehört aber zur normalen immunologischen Entwicklung: dass sich das Immunsystem der Kinder mit Viren aus der Umgebung, mit Fremdstoffen auseinandersetzt.

Dafür leiden die Kinder später im Durchschnitt seltener unter Allergien.
Genau. Und etwas darf man in dieser Diskussion nicht unterschätzen: das genetische Risiko. Leiden die Eltern unter Allergien, ist das Risiko für die Kinder ungleich grösser. Da gibt es eine komplizierte Interaktion zwischen Genetik und Umfeld. l MZ«Wenn der Nachbar heut, schliesse ich halt die Fenster.»

«Heuschnupfen? Gehen Sie zum Spezialisten!»

François Spertini, Professor und Chefarzt der Abteilung für Immunologie und Allergie im CHUV (Centre Hospitalier Universitaire Vaudois)

François Spertini, Professor und Chefarzt der Abteilung für Immunologie und Allergie im CHUV (Centre Hospitalier Universitaire Vaudois)
http://www.coopzeitung.ch/Pollenhoelle_+Unterschaetzen+hat+Folgen François Spertini, Professor und Chefarzt der Abteilung für Immunologie und Allergie im CHUV (Centre Hospitalier Universitaire Vaudois)

30 Prozent der Menschen, die an Atemwegsallergie leiden, entwickeln später eine Lebensmittelallergie. Warum?
Unsere regional produzierten Lebensmittel besitzen Proteine, die zu 80 Prozent identisch sind mit denen, die man in lokalen Pollen findet. Das Immunsystem kann keine Unterscheidung vornehmen. In diesem Fall spricht man von einer Kreuzallergie.

Haben Sie Beispiele dafür?
Personen, die gegen Birkenpollen allergisch sind, können später empfindlich beim Konsum von Nüssen, Äpfeln, Pfirsichen, Birnen, Erdbeeren oder auch Nektarinen reagieren. Oder: Leute, die gegen Beifuss allergisch sind, sind möglicherweise auch allergisch gegen Sellerie, Karotten, Dill, Koriander etc. Wenn mir ein Patient sagt, er leide unter einer Nahrungsmittelallergie, untersuche ich ihn darum immer zuerst auf eine Atemwegsallergie.

Bleibt eine Atemwegsallergie lebenslang bestehen?
Ja. Man weiss jedoch einerseits, dass das Immunsystem oft ermüdet. Andererseits gibt es Leute um die Mitte vierzig, die in ihrer Jugend gegen saisonale Pollen allergisch waren und nun das ganze Jahr über an Asthma leiden – vor allem Frauen. Da braucht es nicht einmal mehr ein auslösendes Allergen. Sie haben ein chronisches Asthma entwickelt Deshalb: Suchen Sie einen Spezialisten auf, wenn Sie Heuschnupfen haben! l«Heuschnupfen? Gehen Sie zum Spezialisten!»

Am 26. März: Nationaler Allergietag

Der Nationale Allergietag am 26. März steht unter dem Thema «Allergien und Haut» mit Fokus auf der Freizeit. Auf Leinwände in sieben Schweizer Bahnhöfen werden Themenbilder projiziert. Passanten und Zugreisende erhalten zudem ein Booklet mit Beiträgen rund um die Allergieproblematik.

Die Botschaft: «Mit guter Information und Prävention zu mehr Lebensqualität.» Das Booklet zum Downloaden finden Sie hier »

Trotzdem: Alles für Allergiker

Mit diesen Helferchen können auch Menschen mit Allergien oder Asthma den Alltag in vollen Zügen geniessen.

http://www.coopzeitung.ch/Pollenhoelle_+Unterschaetzen+hat+Folgen Pollenhölle: Unterschätzen hat Folgen
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Crème Fraîche»

Auch Menschen, die unter einer Laktose-Intoleranz leiden, müssen auf Milchprodukte nicht verzichten. Sie greifen zur Crème fraîche in der Free-From-Palette. Fr. 2.95/200 ml, in grösseren Coop-Läden.

 

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Glutenfreie Fischstäbchen»

Tiefgekühlte Fischstäbchen aus nachhaltiger Fischerei und MSC-zertifiziert gibts glutenfrei als Free-Form-Produkt. Fr. 3.60/300g. In grösseren Coop-Läden.

 

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Nasenspray»

Triofan wirkt entzündungs-hemmend, entlastet und stärkt die Schleimhäute. Dies ist ein Arzneimittel, fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker. Fr. 19.80/20 ml, in Coop-Vitality-Apotheken.

 

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Staubsauger Dyson»

Der DC52 Allergy+Matress erfasst mikroskopisch kleine Partikel bis zu 0,5 Mikrometer, so Pollen und Bakterien. Fr. 399.90 (bis 31. März) inklusive Lieferung, bei nettoshop.ch.

 

http://www.coopzeitung.ch/Pollenhoelle_+Unterschaetzen+hat+Folgen Pollenhölle: Unterschätzen hat Folgen
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Allergie-Check»

In den Coop-Vitality-Apotheken können Sie sich jetzt auf Allergien checken lassen. Mit einem Tropfen Blut werden zehn häufige inhalative Allergene getestet. Das dauert 20 Minuten und kostet Fr. 69.–.

Alles zum Thema Allergien finden Sie auf der Homepage von Allergiezentrum Schweiz, darunter auch eine täglich aktualisierte Pollenprognose.

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Text:
Sophie Dürrenmatt
Foto:
Nicolas de Neve
Veröffentlicht:
Montag 23.03.2015, 17:58 Uhr

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