Pragelvoll

Schreiber: Es ist nun höchste Zeit, Schneider für meinen Schlafbus zu erwärmen, bevor die Nächte zu kalt werden. Deshalb lade ich ihn spontan zu einer Ausfahrt in die Berge ein. Dank meines ausgeklügelten Kistensystems sind wir bereits nach drei Handgriffen startklar. Er wird Augen machen, denn ich habe wirklich alles dabei für eine romantische Nacht: Kocher, Kaffeekanne, Tischdecke, Fernglas, Kissen, Oropax, Schlafsäcke. Ich liebe dieses Unterwegssein und Allesdabeihaben!

«

Ich hab alles dabei für eine romantische Nacht»

Über die Ibergeregg und das Muotathal landen wir ungeplant auf dem Pragelpass, spazieren gemütlich bei Prachtsonne Richtung Silberen, essen abends in der Alpwirtschaft heissen Schinken und trinken ein Gläschen Schnaps, damit wir gut schlafen können. Das Auto haben wir auf der Passhöhe abgestellt. Ich zücke Klappstühle, Kerzen, Decken und richte uns im Freien ein Wohnzimmer ein. 

Violett-rosa Abendhimmel, bleigraue Gipfel, Murmelpfiffe und Kuhglocken. Fantastisch! «Echt schön», sagt auch Schneider. Mein 100-Prozent-Schweiz-Natur-Überzeugungsprogramm kommt an. Doch plötzlich rümpft er die Nase: «Hier riechts nach», er schnuppert noch mal: «Nach Chinaladen.» Tja, ich habe eben an alles gedacht: «Limetten-Räucherstäbchen. Gegen Mücken.»

Schneider: Um mich für das neue Auto zu gewinnen, versetzt Schreiber Berge. Und ich gebe zu: Der Blick vom Pragelpass aus in die Schwyzer Alpen ist grandios. Auch wenn es olfaktorisch nicht passt: «Können wir die Räucherstäbchen ausmachen?», frage ich Schreiber. «Hier gibt es keine Mücken.» Sie juckt auf: «Mach ich, kein Problem!» Die Luft wird besser, sie lächelt und fragt: «Möchtest du was zu lesen? Oder noch ein Schnäpschen?» Will sie mich etwa abfüllen? «Alles bestens», antworte ich, denn ich bin schon randvoll mit rauschhaften Eindrücken.

«

Auf dem Bild ist alles drauf. Nur ich nicht!»

«Super!», freut sich Schreiber, und beginnt, um das Auto zu tänzeln. Sie steigt hinein und hinaus, hüpft vor und zurück, geht in die Knie. Klick, klick, klick. «Fürs Familienalbum!» Dann noch ein Selfie – sie und der Bus – und endlich wendet sie sich mir zu: «Nicht bewegen! Sieht fantastisch aus!»

Wer? Ich? Oder das Auto? Sie zeigt mir stolz die Fotos auf ihrem Smartphone: Im metallisierten Blech spiegeln sich Gipfel und die Kante meines Klappstuhls. «Wunderschön!», strahlt sie trunken. Ich fehle auf dem Bild. Schreiber spürt ihren zweiten Frühling, und ich habe einen dunkelblauen Konkurrenten – wohl nicht auf zwei Beinen. Sondern auf vier Rädern.

 (Coopzeitung Nr. 39/2016) 

Mehr zu den Kolumnisten unter: www.schreiber-schneider.ch

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Heiner H. Schmitt
Veröffentlicht:
Montag 26.09.2016, 16:58 Uhr

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