Silvia Aeschbach, Buchautorin und Journalistin

Prinzessin auf der Erbse

Letzten Samstag hatte ich eine Krise. Ich rede nicht von einem Anflug schlechter Laune, sondern von einer mittelschweren Depression.

Das sagt man heute doch so schnell: «Ich bin echt depro», obwohl bekannt ist, dass eine echte Depression nichts mit einem schlechten Tag zu tun hat, sondern ein schwerwiegendes Leiden ist. Aber bleiben wir bei meiner Krise. Ich sass also auf dem Stuhl des angesagtesten Coiffeurs der Stadt, drei Stunden hatte ich schon in diesem Salon verbracht, sah in den Spiegel, und ärgerte mich grün und blau. Ich hatte doch ausdrücklich Eisblond als neue Haarfarbe verlangt, und jetzt glänzten meine Strähnen in hellem Goldblond. Dabei, und das weiss doch jeder Laie, ein gelber Haarstich macht eine sommersprossige Blondine wie mich blass. Zähneknirschend zahlte ich einen horrenden Betrag. Ich war auch noch sauer, als ich meine Freundin wenig später zum Kaffee traf. Auch sie hatte miese Laune. Sie war von der Kindergärtnerin ihres Sohnes gerügt worden, weil sie ihrem Sohn getrocknete Apfelringe zum Znüni mitgegeben hatte. «Die enthalten schädliche Sulfite», hatte sie die Lehrkraft vor versammelter Elternschaft getadelt. «So eine Kuh», schimpfte Anna lautstark. Und weil wir schon so schön am Lästern waren, entlud sich der ganze Frust der vergangenen Tage bei unserem Tête-à-Tête. Ein Wunder, dass die Milch im Kaffee nicht sauer wurde bei unserer Lästerorgie. Und es kam einiges zusammen: die abgebrochene Diät, der Ärger über den Chef, die viel zu hohe Rechnung des Handwerkers. Und überhaupt: Wo blieb eigentlich der Sommer in diesem Jahr?
Je mehr ich mich in Rage redete, desto schlechter fühlte ich mich. Eigentlich sollte einem das Klagen doch Erleichterung verschaffen. Aber ich fühlte mich richtig mies. Und auf einmal wurde mir auch klar, wieso. Ich bin eine Prinzessin auf der Erbse, eine Frau, die ein privilegiertes und gutes Leben hat, sich aber über jeden – Entschuldigung – Bullshit aufregt. Und ich bin in guter Gesellschaft, ein Mitglied in unserer heutigen Jammergesellschaft. Von Leuten umgeben, die aus Mücken eine Herde Elefanten machen, die chronisch unzufrieden sind. Und die mit ihrem aufgeblähten Ego das Gefühl haben, sie seien der Mittelpunkt der Welt. Nichts gegen punktuelles Jammern. Aber es sollte nicht zum Dauerzustand werden, dann nämlich ist es eine Frechheit, dem Leben gegenüber, und allen Menschen, denen es wirklich schlecht geht. Etwas Zufriedenheit würde uns defintiv nicht schaden, und dann würde man auch mit ein bisschen mehr Grosszügigkeit und Dankbarkeit in die Welt schauen. Ich spürte, wie ich mich entspannte. Ich nahm einen grossen Schluck Milchkaffee und musste laut herauslachen. Der Kaffee schmeckte bitter – die Milch war ob unserer Lästereien wirklich sauer geworden. Ich allerdings war es nicht mehr! 

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Text: Silvia Aeschbach

Foto:
Heiner H. Schmitt
Veröffentlicht:
Montag 29.08.2016, 14:20 Uhr

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