Ein grosses Talent: Gymischülerin und Fernsehfilmpreisträgerin Rabea Egg.

Rabea Egg: «Gut, dass wir heute freier aufwachsen»

Jungstar Sie ist noch am Gymi, macht aber nebenher schon Filmkarriere. Für die Titelrolle in «Lina» bekam sie nun den Schweizer Fernsehfilmpreis.

Bis 1981 konnten die Behörden in der Schweiz sogenannte fürsorgerische Zwangsmassnahmen verhängen: Verhaltensauffällige Kinder und Jugendliche wurden den Eltern entzogen und in Heime, Erziehungsanstalten oder gar ins Gefängnis gesteckt. Darum geht es im Film «Lina», der am kommenden Sonntag, 21. Februar, um 20.05 Uhr auf SRF1 zu sehen ist. Rabea Egg (17) überzeugt in der Titelrolle, ebenso wie schon im vergangenen Jahr im TV-Film «Verdacht».

Wie fühlt es sich an, in so kurzer Zeit zur Nachwuchshoffnung aufzusteigen?
Es ist extrem aufregend und schön. Ich habe durch diese zwei Filme viele interessante Menschen kennengelernt.

Was haben Sie an den Solothurner Filmtagen erlebt?
In diesem Jahr musste ich vor allem bei den Vorstellungen der Filme, in denen ich mitgewirkt habe, und den damit verbundenen Medienterminen sowie Apéros für Industrie und Sponsoren präsent sein. Ich wäre gerne länger geblieben, aber mir fehlte die Zeit, auch wegen der Schule.

Wer ist «Lina»?
Eine aufgestellte junge Frau. Sie kämpft für das, was sie wichtig und richtig findet, und bleibt selbst in Konfliktsituationen positiv und sich selbst treu.

Was verbindet Sie mit der Figur und was unterscheidet Sie?
Unser Denken und die Art, wie wir an Dinge herangehen, sind ähnlich. Schwierig darzustellen war für mich Linas extrovertierter Charakter, der sich in der Körpersprache ausdrückt. Sie ist extrem lebendig und immer energiegeladen. Das musste ich mir mit Regisseur Mike Schaerer und Schauspielcoach Giles Foreman hart erarbeiten.

Wie gehen Sie an Ihre Rollen heran – mit einer bestimmten Technik oder intuitiv?
Ich versuche nicht nur meine Szenen im Drehbuch, sondern das ganze Geschehen im Blick zu haben. Um meine Rolle besser zu verstehen, male ich mir auch die Vergangenheit und den Hintergrund der Figur aus. Dafür hatte ich mit Giles auch eine fiktive Biografie von Lina geschrieben.

Immer dabei: Notiz- und Skizzenbuch …

Immer dabei: Notiz- und Skizzenbuch …
Immer dabei: Notiz- und Skizzenbuch …

Welches war Ihre herausforderndste Szene?
Die Szenen im Gefängnis waren anspruchsvoll, für mich aber nicht die Schwierigsten, weil ich mich in die Emotionen hineinfallen und alles heraus lassen konnte. Die Szenen, in denen es vor allem auf die richtige Körperhaltung ankam und ich fast gar nichts tun musste, haben mir noch mehr abverlangt.

Was wussten Sie über den historischen Hintergrund des Films?
Ich war total erstaunt und geschockt, dass es in der Schweiz fürsorgerische Zwangsmassnahmen gab und die Behörden dich ohne Gerichtsverhandlung in Erziehungsheime oder Gefängnisse versorgen konnten. Ich bin froh, dass es heute nicht mehr so leicht möglich wäre, den Eltern die Vormundschaft streitig zu machen, und dass wir viel freier aufwachsen.

Wie empfinden Sie den unterschiedlichen Umgang mit der Sexualität in Ihren beiden Filmen?
In «Lina» geht es um eine junge Frau vor 50 Jahren, die sich verliebt, die Sexualität kennenlernt und dadurch quasi auf die schiefe Bahn gerät. In Wirklichkeit war es die damalige Gesellschaft, die nicht mit der Sexualität umgehen konnte. «Verdacht», der unsere heutige Zeit reflektiert, handelt von einer Schülerin, die noch nicht genau weiss, wie sie mit ihrer Sexualität umgehen soll, was für das Lehrer-Schüler-Verhältnis zum Problem wird.

Kennen Sie das aus eigener Anschauung?
Nein, ich habe das in meinem Umfeld nie beobachtet. Als ich bei den Vorbereitungen auf die Dreharbeiten mit Lehrern sprach, bestätigten sie mir jedoch, dass es nicht einfach ist, die Distanz zu den Schülern zu bewahren, da sie viel Zeit mit ihnen verbringen und viel zusammen erleben.

Haben Sie sich auch schon über die Rolle der Frau im Filmbusiness Gedanken gemacht?
Genau darüber habe ich bei den Dreharbeiten zum Kurzfilm «Inland» mit einer erwachsenen Schauspielerin sprechen können. Wie weit darf man gehen, gerade in meinem Alter? Was ist okay, was nicht? Sie sagte, dass ich mir treu bleiben und nur das tun soll, wobei ich mich wohl fühle. Daran habe ich mich bisher gehalten. Bei «Lina» fand ich bei Regisseur Mike Schaerer immer ein offenes Ohr, wenn ich Bedenken hatte. Das war wichtig, denn es ist nicht einfach, seine Grenzen auszuloten. Das muss man lernen.

… und ihr Ring – zweimal verloren und wiedergefunden.

… und ihr Ring – zweimal verloren und wiedergefunden.
… und ihr Ring – zweimal verloren und wiedergefunden.

Was war Ihre erste bewusste Bühnenerfahrung?
Mit neun Jahren spielte ich die Rolle einer Grille im Stück «Die chinesische Nachtigall» am Kinder- und Jugendtheater Metzenthin. Ich hatte entsetzliches Lampenfieber und war so bleich, dass meine Eltern Angst hatten, ich würde auf der Bühne umkippen!  

Haben Ihre Eltern Ihr musisches Talent besonders gefördert?
Als ich vier Jahre alt war, haben sie mich ermuntert, ins Kindertheater zu gehen. Seither habe ich aber alle schauspielerischen Aktivitäten aus eigenem Antrieb unternommen. Auch die Idee, aufs Liceo Artistico zu gehen, kam von mir.

Was ist der Unterschied zur normalen Kantonsschule?
Das Liceo Artistico ist ein Kunst-Gymnasium, an dem mehrheitlich italienisch  unterrichtet wird. Wir sind eine kleine Schule mit 250 Schülerinnen und Schülern, wo jede jeden kennt.


Filmszene: Lina (Rabea Egg) wird festgenommen und zur Nacherziehung ins Frauengefängnis gebracht.

Filmszene: Lina (Rabea Egg) wird festgenommen und zur Nacherziehung ins Frauengefängnis gebracht.
Filmszene: Lina (Rabea Egg) wird festgenommen und zur Nacherziehung ins Frauengefängnis gebracht.

Hat sich der Reiz der Schauspielerei für Sie im Laufe der Jahre verändert?
Früher war es mehr die Vorstellung vom Schauspielerin sein, die mich fasziniert hat. Ich war von der Kamera fasziniert und wollte unbedingt einmal in einem Film mitwirken. Jetzt, wo ich weiss, wie alles funktioniert, ist mir der Moment, in dem ich in eine Rolle hineinschlüpfen und die Figur verkörpern kann, viel wichtiger.

Wann sind Sie nervöser, bei Castings oder Dreharbeiten?
Definitiv bei Castings, da man den Regisseur oft noch nicht kennt und nicht weiss, was dieser von einem erwartet. Ausserdem kann man vielleicht den Text nicht so gut und hat keinen richtigen Spielpartner, sondern «nur» einen Regieassistenten, der dessen Text liest.

Wie geht es bei Ihnen nun weiter?
Da weder Castings noch Dreharbeiten bevorstehen und die AG Theater der Kanti Rämibühl, in der ich sonst mitwirke, ein sehr zeitintensives Stück probt, konzentriere ich mich momentan auf die Schule. Es wäre jedoch toll, wenn weitere Rollenangebote kämen.

Und was machen Sie mit den 10 000 Franken, die Sie für den Schweizer Fernsehfilmpreis bekommen haben?
Ich lege das Geld auf die Seite. Nach der Matura möchte ich gerne in England oder Frankreich eine Filmschule besuchen, und dann kann ich es sicher gut gebrauchen.

Vier Daten im Leben von Rabea Egg

2006 Als Neunjährige spielt sie eine Grille.
2012 Erste Filmrolle im Kurzfilm «Between».
2015 Sie ist im TV-Krimi «Verdacht» zu sehen.
2016 Fernsehfilmpreis für die Hauptrolle in «Lina».


SRF-Beitrag zum Schweizer Fernsehfilmpreis für Rabea Egg

Making of «Lina»

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Reinhold Hönle

Autor

Foto:
Christoph Kaminski, SRF/Pascal Mora
Veröffentlicht:
Montag 15.02.2016, 15:00 Uhr

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