Nina Fuchs und Fabio Widmer mit dem Rekordfahrzeug «Grimsel».

Rasant: «Wie ein Ritt auf der Kanonenkugel»

Kein Auto beschleunigt schneller als das Elektroauto «Grimsel». Nina Fuchs und Fabio Widmer waren an der Rekordfahrt beteiligt.

Ein sonniger Vormittag auf einer Piste des Flugplatzes Dübendorf. Es ist der 22. Juni und Nina Fuchs (24) drückt das Gaspedal ihres Rennautos voll durch. Die Kraft von 2 G drückt sie mit dem zweifachen ihres Körpergewichts in den Sitz, ihr Kopf wird mit voller Wucht an die Stütze gepresst. Nach 1,513 Sekunden und 30 Metern knackt sie die Grenze von 100 Stundenkilometern. Weltrekord. Wer nun aber an benzingeschwängerte Luft und das kreischende Heulen von Verbrennungsmotoren denkt, irrt. Das Rekordgefährt «Grimsel» ist ein Elektroauto, nahezu geräuschlos, nur 168 Kilo schwer und bringt dennoch 200 PS Leistung auf den Asphalt. Wie kommt man dazu, ein solches Vehikel zu steuern? «Nun ja, von Steuern könne unter diesen Bedingungen weniger die Rede sein, sagt Fuchs schmunzelnd, «man ist vor allem damit beschäftigt, das Auto gerade zu halten.» Nina Fuchs ist Mitglied des Akademischen Motorsportvereins Zürich, der 2006 von ETH-Studierenden gegründet wurde. Letztes Jahr hat sie sich für das Team beworben und wurde bald gefragt, ob sie auch Beschleunigungsrennen fahren möchte. Nina Fuchs wiegt 51 Kilo und in diesem Metier gilt nach wie vor das Motto «leichter ist schneller.» Und so ist denn auch der «Grimsel» das leichteste Fahrzeug, das die Studierenden bisher entwickelt haben. Wer dem Auto in der vereinseigenen Werkstatt im Zürcher Technopark leibhaftig gegenübersteht, würde auch kaum auf einen anderen Gedanken kommen. Wie ein zu klein geratener Formel-1-Flitzer sieht es aus. Unscheinbar und fast niedlich. Und dennoch erreicht kein Serienfahrzeug, auch keines mit Verbrennungsmotor, eine vergleichbare Beschleunigung. «Wow! Wie ein Ritt auf der Kanonenkugel», sagt Vereinspräsident Fabio Widmer (25), der auch schon hinter dem Steuer sitzen durfte. Alles sei viel direkter, unmittelbarer, alles reagiere viel schneller: «Es ist verdammt schwierig, mit diesem Fahrzeug sanft zu fahren», sagt er schmunzelnd. 

Leidenschaftliche Fahrerin

Gemächliche Fahrten sind Nina Fuchs’ Sache nicht. Die Lenzburgerin hegt eine immense Faszination für Technik und Fahrzeuge. «Motorsport fand ich immer sehr spannend», sagt sie, die sich sehr früh für Rallyes begeistern konnte und sich für ihr Leben gern mit dem Auto oder dem Motorrad fortbewegt. Hat man also einfach einen leichtgewichtigen Adrenalin-Junkie hinter das Steuer des «Grimsel» gesetzt? Nein, denn das verdankt sie ihrer anderen Leidenschaft, dem Tüfteln. Bereits seit dem 14. Lebensjahr bastelt sie an diversen Fahrzeugen herum: «Töffli – Roller – erstes Auto, das alles habe ich mindestens einmal komplett zerlegt und wieder zusammengebaut.» Als Studentin der Elektrotechnik an der Fachhochschule Nordwestschweiz hat sie von dem Projekt erfahren und war sofort Feuer und Flamme. Während eines Jahres entwirft und konstruiert das studentische Team von Grund auf ein eigenes Rennauto. Als praktischer Teil des Ingenieursstudiums. Für Fabio Widmer liegen die Vorteile klar auf der Hand: «Man kommt in ein Team rein, knüpft gute Beziehungen und kann etwas bauen, das sich am Limit des technisch Machbaren befindet.»
Zu Beginn des Studienjahrs kommt das 30-köpfige Team zusammen und es werden Arbeitspakete verteilt. Das erste halbe Jahr besteht fast nur aus Konzeptarbeit. Irgendwann steht ein digitales Modell, dann gehen die einzelnen Komponenten in Produktion. So bereichernd die ganze technische Arbeit auch sein mag, wissen doch alle, dass sie das Auto bauen, um einen Wettkampf zu gewinnen. Der internationale Konstruktionswettbewerb «Formula Student» ist für viele ein besonderer Ansporn. «Wir können zeigen, was wir geleistet haben», sagt Fuchs. Mittlerweile treten über 500 Teams verschiedener Universitäten weltweit mit ihren selbst konstruierten Boliden in verschiedenen Disziplinen gegeneinander an. Dabei gewinnt nicht zwangsläufig das Team mit dem schnellsten Auto, sondern das mit dem besten Gesamtpaket aus solider Konstruktion, strategischer Finanzplanung und guter Rennleistung.

Den Rekord zurückgeholt

Seit 2010 engagiert sich das Zürcher Team ausschliesslich in der Klasse der Elektrofahrzeuge – und machte schon bald von sich reden. 2014 folgt der erste Beschleunigungsrekord. Mit 1,785 Sekunden. Dieser wurde im Jahr darauf von einem Team der Universität Stuttgart um sechs Tausendstelsekunden unterboten. «Das hat uns extrem gewurmt», sagt Fabio Widmer, «Das lässt man nicht einfach auf sich sitzen.» In Dübendorf holen sie schliesslich entscheidende Hundertstelsekunden he-raus, indem sie den Heckflügel entfernen, das Fahrzeug tiefer legen und die Reifen vorwärmen. Beim Rekordversuch sind diese Dinge erlaubt, bei normalen Formula-Rennen hingegen nicht.
Das neuste Auto trägt den Namen «Gotthard». Und vielleicht wird es dem Team auch in dieser Saison einen Rekord bescheren. Möglicherweise wieder mit Nina Fuchs am Steuer.

...im Leben der Rekordhalter 

2014
Fabio Widmer ist im Studententeam, das einen ersten Beschleunigungs-rekord aufstellt (1,785s).

2015
Studenten der Uni Stuttgart unterbieten den Zürcher Rekord um sechs Tausendstelsekunden.

2016
Nina Fuchs beschleunigt den «Grimsel» in 1,513 Sekunden von null auf hundert Stundenkilometer.

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Text:
Nicolas Bollinger
Foto:
Christoph Kaminski
Veröffentlicht:
Montag 29.08.2016, 10:00 Uhr

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