Es braucht nicht unbedingt grosse Spielplätze: Viele Kinder – auch Lara (10) und Siena (4) – haben Freude an ein paar Murmeln.

Raus hier! Draussen spielen – es gehört zur Kindheit

Die Strasse mit Kreide verschönern, mit den Rollschuhen ein paar Büchsen umkurven oder einem Ball hinterherjagen – was früher Kindheitsalltag war, ist heute kaum mehr vorhanden.

Samstagmorgen halb zehn in Pratteln BL. Der erste Schnee dieses Winters rieselt leise zu Boden. Ich bin gerade in ein Buch vertieft. «Draussen spielen» heisst es. Ein Lehrbuch von Christiane Richard-Elsner (55). Die deutsche Autorin hält darin ein starkes Plädoyer für das Spiel der Kinder «im Freien», ausserhalb der Wohnung und ausserhalb der Räume von Tagesstätten und Ganztagsschulen. Richard-Elsener trägt viele Fakten zusammen, die belegen, dass es generell nicht gut um das Spiel der Kinder steht. Ganz besonders fehle aber das Verständnis der Erwachsenen für das Draussen-Spielen.

Vielmehr als das Vorwort schaffe ich jedoch nicht. Denn jetzt passiert, was am Wochenende oft passiert: Unsere ältere Tochter Lara (10) steht vor mir, der Blick verzweifelt, die Augen flehend. «Papi, mir ist laaaangweilig!» Und egal, was ich ihr jetzt entgegne – ich weiss, was kommt. Ich versuche es trotzdem: «Spiel doch mit deinen Legos oder lies ein spannendes Buch oder noch besser … schreib endlich einmal deiner Brieffreundin in Spanien zurück.»

Dass sie das nicht hören will, ist mir klar, und ich weiss auch ganz genau, was sie mich eigentlich fragen wollte. Nämlich, ob sie mit ihrer kleinen Nintendo-Konsole spielen darf. Die gibt es aber nicht, weil die dafür vereinbarte wöchentliche Nutzungszeit eh schon überschritten ist.

Die Wochenend-Bescherung

Zu jeder Jahreszeit: Ballons sorgen für viel Action – vor allem, wenn es windet.

Zu jeder Jahreszeit: Ballons sorgen für viel Action – vor allem, wenn es windet.
http://www.coopzeitung.ch/Raus+hier_+Draussen+spielen+_+es+gehoert+zur+Kindheit Zu jeder Jahreszeit: Ballons sorgen für viel Action – vor allem, wenn es windet.

Der Knall ihrer Zimmertüre besagt: Die Fünftklässlerin hat das «Nein» zwar zur Kenntnis genommen, von Wohlwollen aber keine Spur. Immerhin hat sie es geschafft, das Interesse ihrer bald vierjährigen Schwester Siena zu wecken. Und ganz nach ihrem interfamiliären Vorbild ruft diese nun aus dem Nachbarszimmer: «Papiiii, mil (das «r» geht noch nicht) ist laaaangweiliiig.» Das wiederum bringt die Grosse – die sich mittlerweile in einen dicken Harry-Potter-Schinken vertieft hat – zurück ins Geschehen. «Sieeena sei still, ich kann bei diesem Krach nicht lesen.»

Die Eugstersche Wochenend-Bescherung kommt mal wieder in Fahrt. Bevor die beiden Wonneproppen auf die Überholspur ausscheren können, der Geistesblitz. Ich erinnere mich an meine morgendliche Lektüre und ein Blick aus dem Fenster bestätigt: ein paar wenige Schneeflöckchen tanzen noch immer in der Luft.

«Lara, Siena, es schneit!» Was jetzt folgt, ist Anschauungsunterricht, wie schnell Kinder einen Tenuewechsel vollziehen können – wenn sie denn wollen. Eben noch im Pitschi, stehen die beiden ein paar Minuten später in wettertauglicher Vollmontur unter der Türe. Ich drücke jeder noch einen aufgeblasenen Ballon in die Finger und schon stürmen sie nach draussen. Selten sehe ich die beiden in ihren Zimmern so ausgelassen mit etwas beschäftigt wie jetzt mit ihren Luftballons im Freien. Ich realisiere: So anspruchsvoll sind sie ja gar nicht. Eigentlich würde ich jetzt selbst gerne ein wenig mitspielen. Doch ich überlasse meine beiden Töchter sich selbst, denn genau für das macht sich Christiane Richard-Elsener in ihrem Lehrbuch stark: «Sind die Kinder draussen, sind sie ein Stück weit weg von der Beaufsichtigung und möglichem Eingreifen von Erwachsenen.» Das wiederum biete den Kindern die Möglichkeit, selbstständig Spielideen und Regeln auszuhandeln, Fehler zu machen und diese aus eigener Einsicht wieder zu korrigieren.

Kinder bewegen sich viel zu wenig

Versteckis spielen, die Strasse mit Kreide verschönern, bei den Nachbarn ein Gloggezügli machen oder mit den Rollschuhen den Hang hinunterbolzen – vor Jahrzehnten alltägliche Spielerfahrung für die meisten Kinder, heute kaum mehr vorhanden. Doch es wäre so wichtig – ein evolutionär angelegtes Bedürfnis. Und, es ist längst kein Geheimnis mehr: Die meisten Kinder bewegen sich trotz vielfältiger Sportangebote zu wenig. Immer mehr Kinder sind übergewichtig, einige davon gelten gar als krankhaft fettsüchtig. Seit den Achtzigerjahren ist der Anteil der dicken Kinder um 50 Prozent gestiegen; die krankhafte Fettsucht, die sogenannte Adipositas, tritt sogar doppelt so häufig auf. Die Gründe liegen auf der Hand: Statt draussen herumzutoben, sitzen die Kinder zu Hause vor dem Fernseher oder Computer und stopfen fettige und süsse Sachen in sich hinein. Die Gefahr, dass Kinder in einen Teufelskreis geraten, ist gross: Weil sie sich wenig bewegen, nehmen sie zu, und weil sie zugenommen haben, bewegen sie sich weniger.  

Das liege aber nicht nur an den Kindern, betont Richard-Elsener. «Das Spiel im Freien ist ein blinder Fleck in der Moderne.» Das Bedürfnis von Kindern, sich frei draussen zu bewegen, nach Lust und Laune die Umgebung zu erforschen, sei nämlich da, werde aber kaum wahrgenommen. «Und es wird von allen Seiten bedrängt, durch den Strassenverkehr, Prioritäten von Erwachsenen, ängstliche Eltern, Ganztagsbetreuung, Mediennutzung usw.», erklärt die Autorin. Die Spielräume, buchstäblich, werden also kleiner und kleiner, und kaum jemand spricht es an. Höchste Zeit also, das zu tun!

Das Poltern an der Terrassentür lässt mich aus meiner Lektüre hochschrecken. Lara und Siena, beide klitschnass und verdreckt, wollen wieder rein. Ihre roten Backen und die glücklich leuchtenden Augen bestätigen mir: Sie hatten Spass da draussen.

Lehrbuch: Für mehr Freiheit

http://www.coopzeitung.ch/Raus+hier_+Draussen+spielen+_+es+gehoert+zur+Kindheit Raus hier! Draussen spielen – es gehört zur Kindheit

Was ist Draussenspiel? Welche entwicklungsfördernden Wirkungen hat es? Warum spielen heute so wenige Kinder draussen? Das sind unter anderem Themen dieses Buches.

Christiane Richard-Elsner: «Draussen spielen». Im Handel oder für Fr. 29.40 plus Fr 5.–  Versandkosten unter: www.cooopzeitung.ch/shop

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Andreas Eugster

Redaktor

Foto:
Elena Monti
Veröffentlicht:
Montag 08.01.2018, 08:56 Uhr

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