Eine Katze sollte ein Zuhause haben. Oder zwei? Maunzerli alias Bobby hatte Variante 2 gewählt.

Red hält die Ohren steif

Ein alter Hund leidet unter einer Ohrenentzündung. Die Antibiotika wirken nicht wirklich. Schliesslich müssen drastische Massnahmen her, um sein Leben zu retten.

Der langohrige Cocker Spaniel schüttelte immer wieder seinen Kopf. Dies tat er so vorsichtig, dass man ihm seine Ohrenschmerzen förmlich ansah. Die Besitzerin legte unzählige Mittelchen auf den Praxistisch. «Ich weiss, dass ich Reds Ohren gut pflegen muss. So lange Ohren fangen schnell an zu stinken.» Sie habe einmal wöchentlich seine Gehörgänge sorgfältig gereinigt und ihm dann die Ohren für mehrere Stunden aufgebunden, damit sie gut austrocknen konnten. «Verfilztes Fell habe ich auch immer wieder mit der Schere weggeschnitten. Doch ich habe ihn bereits mit einer Ohrenentzündung übernommen und es nie richtig in den Griff gekriegt.» Sie streichelte den alten Hund. Ich wusste, dass Reds erste Besitzerin lange krank gewesen war.

Sobald ich Reds Ohr anheben wollte, knurrte er. «Irgendetwas an seinen Ohren zu machen, ist unmöglich. Als Erstes schauen wir einmal, um was für Bakterien es sich handelt.» Mit viel Überzeugungskunst und einer starken Assistentin gelang es mir, mit einem Ohrtupfer einen Abstrich zu nehmen. Red musste ohne Therapie nach Hause und mehrere Tage warten. Dann hielt ich den Laborbericht in den Händen. Der Hund beherbergte einen Keim in seinen Ohren, der gegen die meisten üblichen Antibiotika resistent ist. Seine Gehörgänge waren so zugeschwollen, dass es un möglich war, mit Ohrentropfen irgendetwas auszurichten.

«Ohrentropfen sind eh sinnlos. Ich kann unmöglich mehrmals am Tag Reds Ohren berühren. Da wird der nette, alte Hund plötzlich zum Biest», meinte die Besitzerin tags darauf. Wir entschieden uns, ihm Antibiotika in Tablettenform zu verabreichen. Im Anschluss daran musste er zu einer Haut- und Ohrenspezialistin, um sich seine Gehörgänge genauer untersuchen zu lassen. Eine Woche später sass Red wieder auf meinem Behandlungstisch. Seine Entzündung reichte über den Gehörgang ins Ohrinnere hinein. Die Tabletten hatten nur eine geringe Wirkung gehabt. Wirklich helfen konnte nur noch eine Operation.

Der alte Red musste ins Spital. Zwei Wochen später sah ich ihn wieder. Er hatte einen Kragen um, schien aber munterer zu sein. «Red ist seit der Operation wie neu. Er spielt und rennt und freut sich wieder, trotz Kragen», erzählte seine Besitzerin und streichelte ihm über den Kopf. «Streicheln darf ich auch wieder!» Vorsichtig zog ich dem alten Hund die Fäden. Seine Gehörgänge existierten nicht mehr. Unter seinen Ohren war nur Haut zu sehen. «Seine Ohren müssen sehr geschmerzt haben, nun darf auch ich ihn anfassen», sagte ich. Red drehte den Kopf zu mir. «Eigentlich sollte er jetzt ganz taub sein», meinte die Besitzerin. «Doch ich habe das Gefühl, dass er immer noch auf seinen Namen hört.» Er wedelte. «Jedenfalls riecht meine Wohnung nicht mehr so stark nach altem Hund!»Schmerzen schlagen auch einem Hund aufs Gemüt.


 (Coopzeitung Nr. 24/2014)

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Chantal Ritter

Tierärtztin

Foto:
Getty Images
Veröffentlicht:
Mittwoch 04.06.2014, 15:59 Uhr

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