Reichlich umarmen

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Schreiber: Mir sind spontane Zärtlichkeiten im Alltag wichtig. Die übrigens, so lasse ich Schneider wissen, auch sehr gesund sind. Es ist erwiesen, dass zum Beispiel regelmässig umarmte Kinder weniger anfällig für Grippeviren sind und sich besser entwickeln. Eine amerikanische Familienforscherin geht sogar so weit und fordert, dass man einander zwölf Mal täglich drücken sollte, damit das gesamte Familienleben besser wird.

«Dann müsste ich euch also 36 Mal täglich umarmen», sagt Schneider.

Aha. Er will diese grossartige Idee mathematisch kleinrechnen. Lass ich aber nicht zu: «Es geht nicht um eine Zahl, es geht darum, die Wärme des anderen und sein Herz zu spüren.»

«

Spontane Zärtlichkeiten sind wichtig.»

«Wie lange soll so eine Umarmung denn dauern?»

«Keine Ahnung, eine Minute oder so? Wir können es ja grad mal ausprobieren.»

Ich gehe auf Schneider zu. Er schaut auf seine Uhr. Dann lege ich meine Arme um seine Schultern, er grinst und sagt: «Ist das jetzt Therapie oder freiwillig?»

«Freiwillig. Und? Fühlt sich doch gut an.»

«Schon, ja, aber ich kann nicht auf meine Uhr gucken.»

Und schon windet er sich frei: «Ich muss noch was erledigen.»

Schneider kapierts nicht! Na wenigstens gibt er mir spontan einen Kuss – direkt auf meine Brille.

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Schneider: «Warum küsst du meine Brille?», fragt Schreiber.

«Wollte die Stirn treffen, ist aber zu hoch oben.» – «Und warum gibst du auf einmal Stirnküsse?» – «Die sind bestimmt auch gut für die geistige Entwicklung.»

«Quatsch!», sagt Schreiber.

«Genau! Deshalb: Woher soll diese Amerikanerin wissen, dass uns zwölf  Umarmungen guttun. Die kennt uns doch nicht!», sage ich. «Die ist vielleicht einsam und schreibt solches Zeug, damit sie jemand umarmt.»

«

Woher weiss die, was uns guttut?»

Schreiber lacht: «Ist doch nichts Schlimmes.»

«Nein. Wir tun es ja eh viel, nur zähle ich nicht. Zählen ist zwanghaft.»

«Nein, es ist eine Erinnerungshilfe.»

«Ach ja? Zehn Uhr abends, es läuft Champions League und du kommst im Pyjama in die Stube runter und sagst: ‹Gerade gemerkt, wir sind erst bei acht, wir müssen noch vier Mal.›»

«Hä?»

«Ja. Und wie lange ist dann die Pause zwischen den Umarmungen, damit sie einzeln zählen? Es wird Mitternacht, du schläfst zu wenig und das macht unser Familienleben auch nicht besser.»

Wieder lacht sie: «Also gut. Ich erzähle nichts mehr von der Amerikanerin und ihrem Buch», sagt sie – und umarmt mich erneut. Vernünftigerweise nur wenige Sekunden. «Gut so», sage ich. Doch sie erwidert: «Nun sind wir aber erst bei zwei.»

«Mein Leben als Paar» – die besten Kolumnen der letzten drei Jahre als Buch. Infos auf der Website von Schreiber und Schneider.

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Heiner H. Schmitt
Veröffentlicht:
Montag 29.05.2017, 11:00 Uhr

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