Sybil Schreiber geniesst auf der Fähre die kühle Gischt des Wasserfalls in Neuhausen.

Reiselustig: Vom Zapfenzieher zur Heiterkeit

Erste Etappe: Von der Limmat in Zürich an den Rhein in Eglisau, vom Wasserfall in Neuhausen bis zur Weinprobe in Schaffhausen.

SIE: Wo sollen wir beginnen?

ER: Am Start. In Zürich.

SIE: Zürich ist aber auch das Ziel.

ER: Du meinst: «Der Weg …

SIE: «... ist das Ziel», ja. Sagte schon Konfuzius, aus …

ER: … China.

SIE: Genau. Damit haben wir den perfekten Einstieg in unsere monatliche Serie über die Grand Train Tour. Sie wurde nämlich vor allem für Gäste aus Asien konzipiert, die so in vier, acht oder 14 Tagen die Schweiz im Zug erfahren können.

ER: Wir aber haben mehr Zeit.

SIE: Zum Glück! Schliesslich sollten wir die Schönheiten der Schweiz nicht allein den Gästen überlassen.

ER: Also dann: Zürich. Schreiber, die ihr halbes Leben an der Limmat verbracht hat, führt mich zum Frühstück in ihr geliebtes Kitschkaffee von damals: das Schober. Hier ist alles süss, vor allem die Dekoration: rote Samtsofas, Kronleuchterchen, Tapeten, Goldspiegel. Schreiber ist verzückt, bröselt mit ihrem Gipfeli den Tisch voll und will für unterwegs pastellfarbene Maccarons kaufen. Kalorienbömbchen als Reiseproviant?

SIE: Was zählt Schneider Kalorien in einer Confiserie? Wir wollen nicht abnehmen, sondern etwas erleben und geniessen. Als ich ein zweites Gipfeli bestelle, wird er ungeduldig: «Los, auf nach Eglisau!», drängt er. Ich will ihn zum Lachen bringen: «Gibts da Egli und Sau?»

Er: in Eglisau mit einem Vivi Kola

Er: in Eglisau mit einem Vivi Kola
Er: in Eglisau mit einem Vivi Kola

ER: Humor ist Geschmackssache. Aber Fische gibts in Eglisau viele, denn das Städtchen liegt idyllisch am Rhein. Ein imposantes Bahnviadukt überspannt den Fluss: Der Fachwerkträger ist 90 Meter lang, daran schliessen zwei Vorbrücken mit neun und zwölf Steinbögen an. Schreiber hört gelangweilt zu. Wir steigen aus der S-Bahn und spazieren auf die andere Flussseite. Dort lade ich Schreiber an der Promenade zu einer Kindheitserinnerung ein: Vivi Kola. 1938 von der Mineralquelle Eglisau ausgetüftelt, vor wenigen Jahren wiederbelebt.

SIE: Schneiders Kola erinnert mich auch an meine Kindheit: Meine Vivi hiess Bach, und die vergötterte ich. Sie lebte auch am Rhein, nur wenige Kilometer flussabwärts im Städtchen Kaiserstuhl. Wasserwege sind nun mal Lebensadern, und um ein Haar wären wir selbst vor zehn Jahren nach Eglisau gezogen. Hätte uns auch gut gefallen, denke ich, als wir in der Altstadt an Künstlerateliers und trendigen Kaffees vorbeiflanieren. Da fallen mir zwei zusammengebaute Häuser auf: Das eine heisst «Zur Auferstehung», das andere «Der Zapfenzieher». Symbolisch? Feiert man eine Auferstehung mit einem guten Schluck Wein?

SIE + ER: am Rheinfall

SIE + ER: am Rheinfall
SIE + ER: am Rheinfall

ER: «Wie viele Bahnstationen hat Neuhausen?», frage ich Schreiber, als wir nach kurzer Fahrt am Rheinfall eintreffen. «Wen interessiert das bei diesem Anblick?», fragt sie. Mich. Neuhausen hat nämlich drei Bahnhöfe. Ich platziere rasch meine weitere Vorrecherche: «Von hier stammen unsere Jasskarten und ziemlich viele Waffen.» Schreiber gibt sich unbeeindruckt, was mich ärgert, aber nur kurz, denn nun hechten wir auf die Fähre, die zum Felsen mitten im Rheinfall tuckert. Und auf einmal wird mir klar, dass ich seit meiner Kindheit dieses Naturwunder nicht mehr vor Ort erlebt habe.

SIE: Schneider verschlägt es endlich die Sprache. Wahnsinn, wie die Wassermas-
sen über Felsen tosen und die Gischt Regenbogen in den Himmel zaubert. Mulmig wird mir aber, als wir auf den Felsen klettern, der aus der Kaskade ragt. Die Treppe ist erstaunlich steil und schmal, Wassertröpfchen benebeln meine Brille und es herrscht Touristenstau. Menschen aus der ganzen Welt vor mir, neben mir, über mir.

ER: Grossartig! Beeindruckt lese ich im Prospekt: 150 Meter breit, 23 Meter Fallhöhe, 13 Meter tiefes Becken. Im Zug versehe ich Schreiber mit diesen wichtigen Hintergrundinfos. Sie kontert: «Durchschnittliche Abflussmenge? Alter des Wasserfalls?» Keine Ahnung. Sie schon: «600 000 Sommersekundenliter und 15 000 Jahre.» Oha! Ich blicke möglichst gelassen aus dem Fenster, bis wir in Schaffhausen einfahren. «Dieser Bahnhof gehört zu zwei Dritteln der Schweiz und zu einem Drittel den Deutschen», sage ich. Sie lacht.

Erker in Schaffhausen

Erker in Schaffhausen
Erker in Schaffhausen

ER: Warum lachst du?

SIE: Was reitet dich dauernd, Reisequizmaster zu spielen?

ER: Wer mit Wissen reist, reist zweimal: mit den Augen und mit dem Hirn.

SIE: Ich reise mit den Augen. Vom Bahnhof sind es ein paar Schritte in die Altstadt, und schon gebärdet sich Schneider wieder als Führer: «Am 1. April 1944 bombardierte ein amerikanisches Geschwader Schaffhausen. Vierzig Tote! Grausam!» – «Weisst du auch etwas Fröhlicheres?», frage ich. «Ja, in Schaffhausen regnet es unterdurchschnittlich wenig.» Wenig Regen, das gefällt mir. Wir schlendern bei Sonnenschein durch die Gassen. Überall prachtvolle Erker. Verziert, bemalt, geschnitzt, vergoldet. Und fast jedes Haus hat einen Namen: «Zur Hoffnung», «Zur schwarzen Straussenfeder», «Zum Otter», «Zum Frieden».

ER: Apropos Frieden. Wir trennen uns. Ich gehe mit Stadtführerin Ingrid Küng auf die «Bombardement-Führung».

SIE: vor dem Haus der Heiterkeit in Schaffhausen.

SIE: vor dem Haus der Heiterkeit in Schaffhausen.
SIE: vor dem Haus der Heiterkeit in Schaffhausen.

SIE: Mal ohne meinen selbst ernannten Reiseleiter durch die Stadt ziehen, tut auch gut. Ich mach mich also ohne Herr vom Acker und spaziere zum Herrenacker, dem wunderschönen Platz vor dem Stadttheater. Zufrieden lege ich eine Pause ein. Kinder spielen am Springbrunnen, der Wasser aus dem Boden spuckt. Nur gucken, nichts müssen, das ist der Reiz des Reisens. Auf dem Weg zum Museum Allerheiligen, unserem Treffpunkt, finde ich das Haus «Zur Heiterkeit». Mein Haus! Ich schlüpfe aus den Schuhen und lege einen Heiterhaustanz auf das Kopfsteinpflaster. Ich bin Touristin, ich darf das. Da werde ich plötzlich von hinten umklammert.

ER: im Kreuzgang Allerheiligen in Schaffhausen

ER: im Kreuzgang Allerheiligen in Schaffhausen
ER: im Kreuzgang Allerheiligen in Schaffhausen

ER: Noch ganz bewegt von der Führung mache ich mich auf zum Treffpunkt. Nahezu 400 Bomben fielen auf die Südstadt. Auch auf das Kloster Allerheiligen und das benachbarte Gefängnis. Ein Häftling konnte im Chaos aus seiner Zelle flüchten. Statt zu fliehen, half er aber, die unbeschädigten Gemälde aus dem Klostermuseum zu bergen. Auf dem Weg dorthin sehe ich Schreiber. Sie tanzt. Allein. Barfuss. Puh, wenn sie glücklich ist, ist sie gnadenlos. Rasch umarme ich sie und zerre sie ins Museum Allerheiligen. Dort, im idyllischen Kreuzgang, findet gerade die jährliche «Schaffhauser Wyprob» statt. Dreissig Winzer aus dem Blauburgunderland kredenzen ihre Weine, viele davon sind prämiert – und wir kosten weit mehr als nur Pinot Noir: Ausgeschenkt wird, man staune, auch einheimischer Merlot, Zweigelt, Riesling und Sauvignon Blanc!

SIE: Ich hoffe nur, dass nach diesem Zapfenziehen unsere Auferstehung ohne Kater erfolgt – denn wir müssen weiter nach Stein am Rhein.

In Zürich

In Eglisau

In Neuhausen

  • Den Rheinfall vom Adventurepark aus, kletternd aus Baumwipfeln bewundern: www.ap-rheinfall.ch

In Schaffhausen

Unsere Kolumnisten Sybil Schreiber und Steven Schneider sind unterwegs in der Schweiz. Sie folgen der Grand Train Tour und berichten
einmal im Monat über Bekanntes und Unbekanntes. Heute: Folge 1 von Zürich nach Schaffhausen.

Links zur ersten Etappe

www.conditorei-schober.ch
www.vivibar.ch
www.schaffhauserland.ch
www.rheinfall.ch
www.allerheiligen.ch
Die ganze Grand Train Tour of Switzerland
Tickets für die Grand Train Tour
Portal zu allen weiteren touristischen Infos

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

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Sybil Schreiber und Steven Schneider
Veröffentlicht:
Montag 26.09.2016, 14:14 Uhr

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