Ritualfreie Zone

Schreiber: Nun stehen sie vor der Tür, die lang ersehnten Weihnachtstage. Ich habe alle Geheimfächer durchforstet und meine Geschenke aufgespürt, die ich, wie immer, seit Monaten gesammelt hatte. Ich blicke aus dem Fenster, unser Tannenbaum wartet auf der Terrasse, bald werden wir ihn schmücken und prachtvoll funkeln lassen. Seine Äste wirken, als wollten sie uns in die Arme schliessen. Wir werden ein paar Tage im Stillstand erleben, lümmeln, lesen, spielen, Besuch empfangen. Wir werden einander tief in die Augen sehen und uns für all das Gute bedanken, für die Liebe, die Wärme.

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Ich will unser persönliches Festmenü. »

Und worauf ich mich besonders freue: Wir werden unter dem Weihnachtsbaum schlafen. Die Kinder haben vor Jahren damit angefangen und ich liebe es, Felle, Decken, Kissen auszubreiten und unter dem funkelnden Gast im Wohnzimmer zu liegen. Ach, unsere Rituale zu Weihnachten! Wie wichtig sie mir sind. Nur eines gelingt uns nicht: das Weihnachtsmenü. Schneider will Berge von Häppchen, unsere Ältere will kein Fleisch, unsere Jüngere will nur Fleisch, und ich? Ich will unser ganz persönliches Schreiber-Schneider-Weihnachtsmahl. Unsere kulinarische Tradition. Eigentlich ist dies mein einziger Wunsch für Weihnachten.

Schneider: Schreiber liebt Rituale. An Weihnachten ganz besonders. Eines steuere ich bei: Am 24. gehe ich morgens mit den Mädchen in den Wald Cervelats braten. Das reicht, finde ich. Rituale aber geben Schreiber Sicherheit. Deshalb liegt sie uns seit Wochen in den Ohren, um eine bisher ritualfreie Zeitspanne – das Abendessen an Heiligabend – in eine feste Form zu pressen. Wir hatten früher Pouletbrüstchen, Rollschinkli im Teig oder Fondue chinoise. Schreiber hat zwar alles geschmeckt, aber keine der Speisen wurde von ihr zum Heiligabend-Hit ernannt.

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Rituale geben Schreiber Sicherheit.»

Unsere Ältere schlägt darum vor, dass wir gleich mit dem Dessert beginnen. Ich rate hingegen zu Thunfisch. «Nein, ich will kein leer gefischtes Meer», kontert Schreiber. Oder Fondue? «Dann riechen die Geschenke nach Käse». Vielleicht Lasagne! «Macht deine Mutter besser». Die Kleinere plädiert derweil für Schnitzel. Stets beendet Schreiber ihre Umfragen mit Kopfschütteln und dem Hinweis, dass ihr schon noch was einfalle, was das Zeug zum Klassiker habe. Ich bin gespannt und gehe die Sache pragmatisch an. Entgegen jeder Gewohnheit werde ich an diesem Heiligabend-Morgen zwei Cervelats verputzen. Dann kann kommen, was wolle.

 (Coopzeitung Nr. 52/2014)

Das Duell: Sind Rituale wichtig?

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Ferdinando Godenzi
Veröffentlicht:
Montag 22.12.2014, 07:20 Uhr

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