Umgeben von Instrumenten: Roman Riklin in seinem Atelier.

Roman Riklin: «Erwachsenwerden ist aufwühlend»

Vollblut Er komponiert und textet mit Erfolg, für grosse Musicals ebenso wie für die Kleinkunstszene. Nun bringt er «Mein Name ist Eugen» auf die Bühne.

Das Mundart-Musical «Ewigi Liebi» war der bislang grösste Erfolg. Neben vielen anderen Projekten macht er mit dem Trio «Heinz de Specht» Musikkabarett mit schwarzem Humor. Bald folgt der nächste Streich von Roman Riklin (43) – das Musical «Mein Name ist Eugen».

Wie kamen Sie auf das «Eugen»-Buch – waren Sie selbst in der Pfadi?
Nein. Ich habe das Buch als Jugendlicher gelesen. Aber jetzt bei der erneuten Lektüre hatte ich noch mehr Spass daran. Für Kinder sind die Geschichten lässig, weil man sich mit den Figuren identifizieren kann: Sie haben Blödsinn im Kopf, sie sind originell und mutig. Später ist es aber noch viel lustiger, weil man sich an die eigene Pubertät erinnert und weil sich der doppelte Boden dieser Geschichten erst den Erwachsenen erschliesst.

Was ist denn das Doppelbödige an den Streichen Eugens und seiner Freunde?
Es geht meist um Missverständnisse: Die Kinder geraten in Situationen, in denen sie aus ihrer Sicht richtig reagieren, was Erwachsene aber ganz anders sehen. Insofern trifft das Prädikat «Jugendbuch-Klassiker» nicht ganz zu. Offenbar waren es von Anfang an eher Erwachsene, die das Buch gelesen und später den Film gesehen haben. Auch unser Musical richtet sich an die ganze Familie, an Jung und Alt gleichermassen. Es erzählt im Kern die Geschichte vom Erwachsenwerden. Das betrifft nicht nur die, die gerade mittendrin stecken, sondern ist auch ein aufwühlender Teil der Biografie aller, die das schon hinter sich haben.

Hat uns die Buchvorlage des Berner Pfarrers Klaus Schädelin aus den 1950er-Jahren heute noch etwas zu sagen?
Natürlich hat sich die Gesellschaft seither stark verändert. Aber das Überschreiten der Schwelle zwischen Jugend und Erwachsenenwelt ist ein zeitloses und universelles Thema. Den Prozess der Emanzipation des Jugendlichen von der elterlichen Gewalt gibt es, seit es Menschen gibt. Wir belassen die Geschichte auf der Bühne in den 1950er-Jahren. Heute könnte zwar kein Lehrer ungestraft seine Schüler ohrfeigen – diese übertriebene Strenge ist für uns undenkbar. Aber der Erwartungsdruck, unter dem die Jugendlichen stehen, ist heute mindestens ebenso hoch wie damals. Ich meine, durch die historische Distanz fällt es uns sogar leichter zu erkennen, dass heute wie damals psychologisch genau dieselben Mechanismen spielen.

 
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Die Gitarre hat viel erlebt.

Die Gitarre hat viel erlebt.
Die Gitarre hat viel erlebt.

Wie war das bei Ihnen – sind Sie auch in der Pubertät ausgebrochen?
Ich würde mich als Schlüpfer bezeichnen: Da ich aus einer grossen Familie komme mit fünf Geschwistern, war der Fokus der Eltern immer darauf gerichtet, wo oberflächlich gesehen die gravierendsten Probleme bestanden. Das war nicht bei mir – so konnte ich schlüpfen und die Pubertät ohne viel Konflikt mit den Eltern durchmachen, dafür aber ausgeprägt mit den dazugehörigen inneren Konflikten. Unsere Eltern sind sehr respektvoll mit uns umgegangen und haben mich als Kind immer sehr ernst genommen – mich, meine Wünsche, meine Interessen. Hinzu kam, dass die älteren Geschwister kräftig vorgespurt hatten. Ein Einzelkind muss die ganze Reibung alleine aushalten. Von den Eltern ist ja auch eine Entwicklung gefordert, wenn das Kind in der Pubertät steckt: Sie müssen das Loslassen lernen, und das ist ebenso aufwühlend.

Sie waren also zuhause der Jüngste?
Nein, ich bin der erste der zweiten drei. Also der viertälteste und der drittjüngste.

Ah ja. Und Sie hatten ein musisches Elternhaus? Oder wie wurden Sie zu dem, was Sie heute sind?
Das hat bestimmt viel mit dem Elternhaus zu tun. Meine Eltern waren sehr talentierte Musiker, auch wenn sie es nicht zum Beruf gemacht haben. Meine Mutter hat auch komponiert und dirigiert. Musik hat bei uns zuhause immer eine zentrale Rolle gespielt und es war selbstverständlich, dass jedes Kind ein Instrument lernt. Das durfte man selber wählen. Ich fand das mit sechs keine gute Idee, und dachte, wenn ich das grösste Instrument nenne, das mir einfällt, muss ich es nicht spielen. Ich meinte Kontrabass, wusste den Namen aber noch nicht und sagte Cello. So habe ich mit sieben angefangen, Cello zu lernen. Was im nachhinein ein riesiger Glücksfall war, denn für mich ist es bis heute das schönste Instrument.

So weit, so klassisch …
Das war mein Einstieg und meine Basis – bis 17 war ich im Cellounterricht, dort lernte ich Notenlesen und sammelte viel Erfahrung in diversen Ensembles. Das Ausbrechen aus dem Korsett von Klassik und Barockmusik ist mir auf dem Cello nicht gelungen. Ich begriff damals noch nicht, dass ich auch mit dem Cello Unterricht bei einem Zigeunergeiger oder Jazzpianisten hätte nehmen können. Da ich keinen Lehrer fand, der mir andere Musik zeigen konnte oder wie man auf dem Cello improvisiert, waren Gitarre und Klavier, die ich mir selber beigebracht hatte, mein Ausweg.

Unersetzlich: der Notizblock.

Unersetzlich: der Notizblock.
Unersetzlich: der Notizblock.

Wie wurde aus dem Cello-Schüler wider Willen der Profi?
Mich hat es von den Geschwistern einfach am stärksten erwischt. Ich machte das am intensivsten, sammelte von klein auf alle Instrumente und wollte auf allen spielen, Saxofon ebenso wie Querflöte oder jede Form von Gitarre und Bass. Aber auch das Geschichtenerzählen gehört für mich dazu, ob im Drei-Minuten-Song oder in der grösseren Form – Musiktheater oder Musical. Auch das liegt bei uns in der Familie: Mein Vater schreibt Bücher, meine Mutter hat Lyrik und Prosa geschrieben. Auch das Anekdotenerzählen gehört in unserer Familie zur Tradition – das geschriebene wie das gesprochene Wort waren sehr zentral.

Sie hatten schon bald grossen Erfolg als Musiker …
Das ist ein wenig übertrieben. Für das was wir als Spät-Jugendliche – also noch bevor wir 20 waren – mit «Mumpitz» gemacht haben, brachten wir es relativ weit. Wir spielten Mundart-Rock, das fand grossen Zuspruch, stiess aber auch an seine Grenzen. Möglicherweise durch die damals nicht vorhandene Akzeptanz der Sprache, aber vielleicht war das für uns auch nur eine Ausrede. In den Zeitungsartikeln ging es immer um den Dialekt. Man könne in St. Gallerdeutsch keine Rockmusik machen, hiess es dann. Aber wir waren authentisch, wie uns der Schnabel gewachsen war. Immer nur auf den Dialekt reduziert zu werden, war ziemlich ätzend.

Dieses Trauma haben Sie nun 20 Jahre später im Musical «Ost Side Story»  verarbeitet?
In der «Ost Side Story» geht es um einen St. Galler Künstler und FCSG-Fan, der in Zürich lebt und sich in eine Anhängerin des FCZ verliebt. Diese «verbotene Liebe» bringt die ewige Feindschaft zwischen St. Gallern und Zürchern auf den Plan und führt letztlich gar zu Mord und Totschlag … Da bemühen wir natürlich sämtliche Klischées. Auch der sprachliche Minderwertigkeitskomplex der Ostschweizer spielt eine Rolle. Dieser ist wohl ein weltweit einzigartiges Phänomen. Ich habe noch nie von einer anderen Sippe gehört, die selber sagt, dass sie ihren Dialekt nicht schön findet. Das gibt es gar nicht. Dieses mangelnde Selbstvertrauen wirkt nach aussen und hat bestimmt dazu beigetragen, dass der St. Galler-Dialekt über viele Jahre als unbeliebt galt. Inzwischen beginnt sich das aber zu wandeln. Es brauchte für mich nach «Mumpitz» schon ein wenig Überwindung, bei «Heinz de Specht» wieder St. Gallerdeutsch zu singen. Aber es wäre ohne Frage anbiedernd, den Dialekt zu wechseln, bloss weil der eigene nicht toll sein soll. Ich komme von St. Gallen, ich singe so, und im Zusammenhang mit lustigen Liedern ist das sicher einfacher, als wenn man ernsthafte Botschaften herüber bringen möchte.

Im Trio «Heinz der Specht» scheint das ganz wunderbar zu funktionieren.
Ja, Christian Weiss und Daniel Schaub sind Zürcher und singen Züridütsch. Mit mir als St. Galler spiegelt das im Kleinen das Multikulturelle und die Dialektvielfalt unseres Landes wider.

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Auf den Dialekt reduziert zu werden war ätzend. »

Mit Daniel Schaub (l.) und Christian Weiss (r.) agiert Roman Riklin bei «Heinz de Specht».

Mit Daniel Schaub (l.) und Christian Weiss (r.) agiert Roman Riklin bei «Heinz de Specht».
Mit Daniel Schaub (l.) und Christian Weiss (r.) agiert Roman Riklin bei «Heinz de Specht».

Sie haben heute viele Projekte, aber auch Frau und Kinder – wie bringen Sie das alles unter einen Hut?
Die Reihenfolge ist falsch: Erst einmal habe ich eine Familie und das hier ist meine Arbeit. Und obwohl es mir sehr wichtig ist, dass die Arbeit nicht überhand nimmt, gelingt mir das leider nicht immer. Als selbstständiger und neugieriger Musiker tanze ich auf diversen Hochzeiten. Die Planung ist dabei eine grosse Herausforderung.

Wie muss man sich die Arbeit als Musical-Autor vorstellen – setzen Sie sich am Morgen um acht ans Klavier oder warten Sie, bis Sie die Muse küsst?
Auf die Muse zu warten, dafür fehlt mir leider oft die Zeit. Ich muss meistens auf Knopfdruck kreativ sein. Aber das habe ich gelernt, das ist mein Beruf. Ich arbeite mit grosser Disziplin, sonst wäre meine Arbeit nicht möglich. Zu Wochen- oder auch zu Tagesbeginn lege ich Prioritäten fest. Meine Arbeit ist sehr vielfältig: Konzepte erstellen, Texten, Komponieren, Dialoge schreiben, Arrangieren, Organisieren, Verhandeln … Oft gehen an einem Tag diverse Projekte über meinen Tisch, und das zum Teil in einem nicht von mir bestimmten Rhythmus. Es brennt irgendwo: Ein Musiker ruft an, weil er ein Problem hat mit einem Termin. Der ist zwar erst im Frühling, aber man muss das Problem doch jetzt besprechen und eine Lösung finden. Um wirklich kreativ zu sein, muss ich dann den Laden nach aussen zumachen. Versuchen, nicht aufs Mail zu schauen und nicht das Handy abzunehmen. Mir fünf Stunden am Stück dafür reservieren oder am Besten den ganzen Tag. Dann habe ich am Abend allerdings wieder ein Chaos, das ich am nächsten Tag wieder aufräumen muss. Das ist immer eine Art Gratwanderung. Und es ändert sich auch phasenweise: Manchmal kann ich zwei Wochen kreativ durcharbeiten, und dann gibt es Wochen, in denen ich immer am Proben bin. Dann muss man vielleicht einmal etwas umarrangieren oder notfallmässig ein neues Lied schreiben. Es gibt keine Regelmässigkeiten.

Sie arbeiten dann auch viel nachts?
«Heinz de Specht» ist das einzige Projekt, bei dem ich noch selber auf der Bühne stehe. Und da wir viel spielen, bin ich auch viel nachts unterwegs. Aber am nächsten Morgen bin ich trotzdem meist wieder um halb neun im Atelier. Obwohl ich am Liebsten nachts, wenn das Leben still steht, kreativ bin, habe ich seit Jahren meinen Rhythmus so gut es geht dem Familienleben angepasst. Für die Familie bleibt mein unregelmässiges Leben aber auch so eine planerische Herausforderung.

Haben die Kinder Verständnis dafür, dass der Papa viel weg ist und oft nur Musik im Kopf hat?
Meine Kinder machen natürlich selber Musik. Sie interessieren sich für das, was ich mache, und haben keinerlei romantisierten Vorstellungen vom Beruf des Komponisten. Sie sehen das ganz nüchtern: Da geht einer einfach schaffen. Klar, meine Kinder haben Freude, wenn ich da bin. Und sie haben auch schon mal reklamiert, weil ich zu viel weg war. Ich verbringe gerne und intensiv Zeit mit meinen Kindern. Ich glaube nicht, dass ich mich darin wahnsinnig unterscheide von anderen Familienvätern.

Ist Ihnen neben der Familie irgendetwas wichtig ausser Musik und Theater?
Nein, ich bin ein hobbybefreiter Mensch, da alles, was ich gerne mache, im Beruf stattfindet. Mit der Familie unternehmen wir mal dies, mal das. Zwei, drei Mal im Jahr gehen wir in die Berge. Doch fast am liebsten mache ich mit meinen Kindern Musik – Luan am Schlagzeug, Ronja am Klavier. Dann spielen wir zu dritt im Keller «Eight days a week». Der Höhepunkt ist, wenn auch die Mutter mitspielt und mitsingt. Dann haben wir riesige Freude an unserer Family-Band.

Vier Daten im Leben von Roman Riklin

1978 Er bekommt den ersten Musikunterricht auf dem Cello.
1992 Auszeichnung von «Mumpitz» als beste Schweizer Nachwuchsband.
2000 «Alfonsa Di Monsa», das erste Musical aus seiner Feder, wird aufgeführt.
2016 Am 5. März hat sein Musical «Mein Name ist Eugen» Premiere in Zürich.

Alles zum neuen Musical «Mein Name ist Eugen»
Website von Roman Riklin
Website von «Heinz de Specht»


Trailer zum Musical «Ost Side Story»




Heinz de Specht: Vampir us Papier


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Martin Winkel

Redaktor

Foto:
Davide Caenaro
Veröffentlicht:
Montag 16.11.2015, 15:00 Uhr

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