Rosa Versuchung

Sie: So daneben finde ich diesen Rosé nicht, aber Schneider hat da seine Prinzipien. Er weigert sich, schlechten Wein zu trinken. «Und bei diesem Wein ist die Sache klar», sagt er. «Da meldet mir mein Gaumen eindeutig: Der ist nichts wert.» Sehe ich anders. Dieser Rosé ist gewiss sehr leicht, vielleicht sogar feminin – aber deshalb gleich wegschütten? Kommt nicht infrage! Ich verkorke die Flasche wieder und beschliesse, den Wein für einen Risotto zu verwenden. Dafür ist er allemal geeignet. Bin gespannt, ob Schneider, der mich gern mit seinem Weinfachwissen volldröhnt, den Rosé im Risotto überhaupt herausschmeckt.

«

Sieht edel aus. Und es ist tatsächlich ein 2012er.»

Am anderen Tag schaue ich erstmals genauer auf die Etikette. Sieht ziemlich edel aus. Das macht mich neugierig. Ich tippe die Weinbezeichnung in den Computer ein, und was verrät mir ein Online-Weinshop? Dieser Rosé kostet sage und schreibe 28 Franken, sofern es ein 2012er ist. Ich sehe nach: Unserer ist ein 2012er! Ha! Da hat sich Schneider aber gründlich getäuscht. Sofort schicke ich ihm ein Mail mit dem entsprechenden Link in sein Büro. Seine Antwort kommt prompt: «Bitte kühl stellen! Diesen Wein trinken wir heute Abend aus unseren edlen Gläsern.»

Er: Am Anfang eines neuen Jahres leeren wir stets unseren Vorratsraum. Wir essen Confi von anno dazumal, verarbeiten Rotkraut in Dosen, deren Etiketten verblichen sind, entdecken Lebkuchen aus längst vergangenen Adventszeiten. Ausserdem sortiere ich mein kleines Weinlager neu. Deshalb gerät mir ein Rosé zwischen die Finger. Wohl ein Geschenk, denn ich kaufe nie Rosé. Oder hat Schreiber ihn besorgt? Sie könnte so etwas mögen – und ich hätte dann wieder mehr Platz für echten Wein. Also nehme ich die Flasche mit in die Küche und schenke in unsere Alltags-Weingläser ein. Wir stossen auf den Feierabend an und beim ersten Schluck weiss ich, warum ich Rosé nicht mag.

«

Und sofort weiss ich, warum ich Rosé nicht mag.»

«Hm, süss», schwärmt Schreiber.Genau drum. Und diese blasse Farbe! Sie hebt das Glas gegen das Licht. «Sieh mal, die Farbe. So sanft.» Fad, würde ich meinen. Wie verdünnter Rotwein. Ein kraftloses Gesöff. Schreiber hingegen schwärmt: «Rosé! Das schmeckt nach Jugend, als ich im Englischen Garten mit meinem ersten Freund picknicken war und wir zum ersten Mal ...» «Ist ja gut!», werfe ich ein. «... zum ersten Mal Wein tranken.» Sie kichert: «Rosé war damals halt das Billigste.» Genau! Billig! Darum sage ich: «Den kippen wir weg.»

 (Coopzeitung Nr. 04/2016) 

Mehr zu den Kolumnisten unter: www.schreiber-schneider.ch

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Heiner H. Schmitt
Veröffentlicht:
Montag 25.01.2016, 00:00 Uhr

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