Rotlicht-Milieu 

Er fragt sich: Warum nur habe ich ein schlechtes Gewissen?

Steven Schneider: Schreiber hats erwischt. Wie jeden Winter. Sie und ihre Stirnhöhlen machen dicht. Schniefend sitzt sie mir beim Frühstück gegenüber.

«

Schreiber leidet lautlos. Und lange.»

Ich kann mit ihrem Zustand nicht besonders gut umgehen. Meist schaue ich nicht so genau hin, wenn sie kränkelt. Eine halbe Portion Schreiber irritiert mich. Vielleicht auch deshalb, weil sie tapferer ist als ich: Erahne ich bei mir erste Anzeichen einer Erkältung, lege ich mich sofort ins Bett und werde zum Total-Ausfall. Schreiber hingegen bleibt in der gleichen Situation zwar etwas wankend, aber unerschütterlich auf den Beinen, erledigt den Haushalt, jammert nicht, leidet lautlos. Und lange. Ich funktioniere anders: Mit meiner «Sofort-unter-die-Bettdecke-und-von-der-Welt-nichts-wissen»-Therapie inklusive chemischer Wundermedizin bin ich meistens rasch wieder auf den Beinen. Schreiber aber laboriert wochenlang an einer schmerzhaften Stirnhöhlenentzündung oder einem hartnäckigen Husten herum. Schluckt homöopathische Tröpfchen, macht dauernd Rotlicht-Therapie. Das Frühstück ist vorbei, ich lasse sie schniefen, gehe ins Büro und fühle mich wie ein Betrüger. Dort plagt mich nur eine Frage: Wie heilt man sein schlechtes Gewissen?

Sybil Schreiber: Am liebsten würde ich mich in eine warme Höhle verkriechen, in der es dunkel ist, nach Kräutern duftet und niemand etwas von mir will. Geht aber nicht. Ich sollte mehrere Anrufe machen, einen Kurs vorbereiten und mit dem Hund spazieren. Vorsichtig stehe ich auf.

«

Jede Bewegung hämmert in meinem Kopf.»

Jede Bewegung hämmert in meinem Kopf. Ich ziehe mich warm an, dann schlurfe ich durchs Haus, schlucke Globuli, starte den Computer und schaue meine Mails an. Sofort tanzen die Buchstaben vor meinen Augen. Lesen, Schreiben, Denken: Alles tut weh. Bevor ich kapituliere und zurück ins Bett krieche, rufe ich meine Nachbarin an und frage, ob sie mit Lilla Gassi gehen könne. Sie sagt zu. Ich schlüpfe erschöpft unter die Decke, stelle die Infrarot-Lampe auf dem Nachttisch an und schlafe ein. Als ich aufwache, brennt meine Stirn. Vermutlich habe ich zu viel heisses Rotlicht abgekriegt. Aber ich fühle mich ein wenig besser und beschliesse, frische Luft zu schnappen. An der Haustüre treffe ich mit Schneider zusammen. Schon zurück? Und was soll dieser riesige Blumenstrauss in seinen Armen? Habe ich unseren Hochzeitstag verschlafen? Er streckt mir die Blumen hin, guckt betreten und sagt: «Mein Naturheilmittel für dich!»

 (Coopzeitung Nr 04/2014)

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Ferdinando Godenzi
Veröffentlicht:
Montag 20.01.2014, 08:04 Uhr

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