Ruferin in der Wüste

Er: Verschlafen lauschen wir beim Frühstück Schreiber, die von ihrem Filmerlebnis vom Vorabend erzählt. «Wir heutigen Frauen profitieren sehr von all den kämpferischen Pionierinnen», sagt sie und blickt verschwörerisch unsere Töchter an.

Diese gähnen.

«Worum gings im Film?», frage ich und bereue es gleich wieder, als Schreiber loslegt: «Also, diese gesellschaftspolitische Komponente! Hammer! Und die Kostüme! Historisch bis ins Detail! Romantisch! Dramatisch!» «Die Kostüme?»

«

Schreiber erzählt. Die Töchter gähnen.»

«Die Geschichte. Wobei, am Anfang wars langweilig. Es ging nicht vorwärts.» So wie ihre Nacherzählung, denke ich.

«Gertrude Bell. Sie führte im Orient Expeditionen an. Schon mal von ihr gehört?» «Bell? Da läuten bei mir keine Glocken», sage ich. Schreiber überhört mein Witzchen und redet unbeirrt weiter. Die Kinder mampfen ihre Konfibrote fertig, fragen, ob sie vom Tisch können, was Schreiber jedoch ignoriert, da sie grad von einem Bell-Bräutigam erzählt.

«Und wisst ihr was? Die Grenzen, die diese Frau in der Wüste zog, gelten noch heute!» Grenzen – gutes Stichwort. Ich muss auch eine setzen, stehe auf und sage: «Super! Ich würde sagen, den Rest erzählst du uns beim Mittagessen. Einverstanden?»

Sie: Bin noch ganz berührt von diesem Film über die Wüstenfrau. Was die sich alles traute, wie die sich in der Männerwelt behauptete! Grandios! Motivierend!

Voller Begeisterung erzähle ich Schneider und meinen Töchtern, ihnen vor allem, ausführlich vom Film. Denn auch sie sollen einst starke, mutige, unerschütterliche Frauen werden, die ihren Träumen folgen, die darauf pfeifen, was andere über sie denken, die ihre Ideen umsetzen. Genau!

«Aber sie hat nicht nur gekämpft, sondern auch geliebt», sage ich, um dramaturgisch von der Gesellschaft zur Emotion zu schwenken. «Bloss heiraten durfte sie nicht, weil ihr Auserwählter unter ihrem Stand geboren war. Ist diese Regel nicht entsetzlich? Ich meine, ich hätte damals womöglich auch nicht euren Vater heiraten dürfen ...» –

«

Alle stehen auf – und schwupp, sind sie weg.»

«Dürfen wir vom Tisch?», fragt meine Jüngere, was mich kurz irritiert.

«Ja, gleich, wartet, der wirklich spannende Teil kommt noch», fahre ich fort, doch dann steht Schneider mitten in meiner Erzählung auf, die Kinder auch, und schwupps, weg sind sie. Irgendwie fühle ich mich grad so allein wie Gertrude Bell in der Wüste.

Erst recht, als mir einfällt, dass heute Mittag alle auswärts essen.

 (Coopzeitung Nr. 27/2016) 

Mehr zu den Kolumnisten unter: www.schreiber-schneider.ch

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Heiner H. Schmitt
Veröffentlicht:
Montag 04.07.2016, 16:00 Uhr

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