Ruth Maria Kubitschek: «Neid gibt Falten im Gesicht»

Persönlich. Schauspielerin und Autorin Ruth Maria Kubitschek (82) über ihr Buch «Anmutig älter werden», Eifersucht, Schlüsselerlebnisse und den Schweizer Pass. 

Coopzeitung: Was tun Sie, damit das mit dem «Anmutig älter werden» so gut klappt wie bei Ihnen?
Ruth Maria Kubitschek: Man muss sehr viel Mut haben, neugierig sein und nie glauben, dass früher alles besser war. Wenn das Alter sich bemerkbar macht, mal der Rücken, mal der Fuss, mal die Hand wehtut, sollte man das mit Humor nehmen. Und das Wichtigste ist, dass man das Leben liebt und weiss, wie wertvoll es ist. Ganz egal, ob man jung oder alt ist.

Welche Rolle spielt dabei Ihr wundervoller Garten, in dem wir sitzen?
Wie dem Garten muss man auch dem Leben immer wieder eine Chance geben, schön zu sein oder schön zu werden. Wie den Garten mit Blumen und Bäumen, versuche auch ich immer wieder mich selbst zu schmücken, in dem ich jeden Tag versuche, das Negative in mir zum Positiven zu wenden. Damit hat man bis zum Ende seiner Tage sehr viel zu tun! Das Wunder-bare am hohen Alter ist, dass man lange die Chance hat, sich zu veredeln.

In welcher Hinsicht ist es Ihnen schon gelungen?
In meinem Beruf passiert es dir oft, dass furchtbar gerne eine Rolle spielen würdest, aber je-mand anders vorgezogen wird. Wenn du dann in Wut und Neid verfällst, hast du wirklich verloren, denn Neid zerfrisst dich und macht Falten im Gesicht. Seit ich das erkannt habe, sage ich mir: Wunderbar, nun muss nicht ich, sondern die Andere die Kritik einstecken.

Und im Privatleben?
Da ich immer Männer hatte, die auch bei anderen Frauen ankamen, weil sie sehr charmant und begabt waren, hatte ich sie nie alleine und war sehr eifersüchtig. In der Mitte meines Lebens, bei einer ziemlichen grossen Liebe, habe ich den Mann verlassen. Das war zwar schmerzhaft, aber auch befreiend. Seither kenne ich keine Eifersucht mehr, sondern schenke Vertrauen. Wer es missbraucht, ist selbst Schuld und hat die Konsequenzen zu tragen.

Gab es ein Schlüsselerlebnis, das Ihre Lebenseinstellung verändert hat?
In jungen Jahren habe ich immer Rotz und Wasser geheult, wenn ich an ein Begräbnis musste. Ich habe den Tod nicht verstanden. Als ich Ende 40 war, habe ich innert zwei Jahren fünf mir sehr nahe Menschen verloren: Meine Eltern und einen Freund, ein weiterer Freund und mein Bruder haben sich sogar umgebracht. Um die Fassung nicht total verlieren, musste ich einen Weg finden, um mich mit dem Tod zu versöhnen.

Wie haben Sie das geschafft?
Ich fragte mich: Was ist der Tod? Ist dann alles zu Ende? Ich begann die alten Griechen zu lesen sowie das tibetanische und das ägyptische Totenbuch. Ich kam zum Schluss, dass es im Grunde keinen Tod gibt, nur einen Übergang. Dadurch hat der Tod seinen Schrecken verlo-ren. Die begrenzte Zeit, die wir hier auf Erden sind, will ich jedoch nutzen, um meine Aufträ-ge so gut wie möglich zu erledigen.

Führen Sie Ihren späten Aufstieg zur Star-Schauspielerin mit 50 als «Spatzl» in der Se-rie «Monaco Franze» auch darauf zurück?
Es muss wohl mit der Ausstrahlung zu tun haben. Ich hatte schon vorher viel gespielt, aber erst jetzt bekam ich die tollen Rollen in «Monaco Franze», «Kir Royal» und «Das Erbe der Guldenburgs».

«

Ich bürste und klopfe mich, damit ich gut durchblutet bleibe.»

Konnten Sie diesen Erfolg geniessen?
Leider nicht. Als ich bekam, wovon ich immer geträumt hatte, merkte ich, dass mich der Er-folg nicht satt machte. Ich wollte tiefer schürfen. Ich verliess München und brach mit nur vier Lampen und ein paar Geschenken an den Bodensee auf. Ich liess meine grosszügige Stadt-wohnung und alles, was sich darin angesammelt hatte, zurück und zog mit 60 in ein Zimmer nach Salenstein. Das war toll, auch wieder ein Neuanfang, der viel alten Schmerz gekappt hat!

Haben Sie bewusst in Kauf genommen, als Schauspielerin ins Abseits zu geraten?
Ich habe gemerkt, dass meine Entwicklung als Mensch wichtiger ist als meine Karriere, zumal es auch für eine Schauspielerin von Nutzen ist, als gereifte Persönlichkeit eine stärkere Aus-strahlung zu haben. Heute ist es mir genauso wichtig, mich in Büchern und Bildern ausdrü-cken zu können wie in Filmen. Beim Malen und Schreiben ist man allein und sein eingener Schöpfer. Im Gegensatz dazu ist man Schauspielern in einer Gemeinschaft und «nur» Inter-pret. Ich geniesse diese Abwechslung.

Was – ausser, das Ihr Vorname drin steckt – macht Ihren Wohnort Fruthwilen für Sie zu einem magischen Ort?
In die Landschaft habe ich mich schon vor 50 Jahren verliebt, als ich zum ersten Mal meine Freunde auf Schloss Salenstein besuchte. Danach schienen meine Sorgen immer verschwun-den, wenn ich von München her kommend in Meersburg den See erblickte. Ich habe hier aber auch mehr Menschen getroffen, die mir ans Herz gewachsen sind.

In diesem Jahr wurden Sie eingebürgert. Was bedeutet Ihnen der Schweizer Pass?
Mir gefällt die Art der Schweizer. Die würden dich nie ausfragen, sind höflich, zurückhaltend und liebenswürdig. Als ich eingebürgert wurde, haben mir viele Schweizer geschrieben, sie würden sich freuen. Ich fühle mich als Mensch angenommen.

Wie würden Sie Ihre Titelrolle im aktuellen Kinofilm «Frau Ella» beschreiben?
In dieser Mischung aus Komödie und Roadmovie spiele ich eine einfache alte Frau, die von einem jungen Mitpatienten aus einem Krankenhaus entführt wird, weil er fürchtet, sie würde die geplante Operation nicht überleben. Da ich früher meist damenhafte oder adelige Figuren dargestellt habe, wird mich das Publikum – so schrecklich, wie ich aussehe – kaum wieder-kennen. Das macht aber nichts. Dieser wunderbare Film bringt auch so die Generationen zusammen.

Was tun Sie, um in der Realität mit 82 noch schön auszusehen?
Wenn man jung ist, denkt man, alles sei prima. Wenn man älter wird, muss eine Schauspiele-rin schon sehr viel tun. Nicht, dass ich spritzen oder schnippeln lasse, aber ich bürste und klopfe mich, damit ich gut durchblutet bleibe, lese viel, meditiere und verausgabe mich nicht allzu sehr. Das hält mich einigermassen frisch.

Sie leben hier, er in der Schweiz. Wie funktioniert Ihre 37-jährige Beziehung mit «Traumschiff»-Produzent Wolfgang Rademann?
Das hängt mit dem Menschen zusammen. Der Wolfgang ist in der Landschaft des Fernsehens, in der ich beruflich verankert bin, in allem, was er macht, ehrlich, fair und absolut authen-tisch. So kann ich ihm – wie keinem anderen Mann, dem ich begegnet bin – total vertrauen.


Was erwartet die Zuhörer auf Ihrer Lesetournee?
Ich lese nicht nur aus «Anmutig älter werden», sondern erzähle auch frei. Das Beste ist, wenn die Leute fragen und sich ein Dialog ergibt. In der Schweiz habe ich noch wenig Erfahrung, wie das Publikum reagiert. Das Interesse an Lesungen ist erst jetzt erwacht, nachdem sich dieses Buch zum Besteller entwickelt hat, weil offenbar viele Frauen es verschenken.

Welches Buch liegt grad auf Ihrem Nachttisch?
«Ein Hunderjähriger stieg aus dem Fenster und verschwand»


Welches ist Ihr Lieblings-Romanheld?
Rhett Butler aus «Vom Winde verweht»


Und welche Vorbilder haben Sie in der Wirklichkeit?
Nelson Mandela


Welchen Film haben Sie zuletzt gesehen?
meinen eigenen Film «Frau Ella»


Und welchen Film würden Sie gerne wieder einmal sehen?
«Citizen Kane»

Ihr Lieblings-Filmheld?
Orson Welles, auch als Typ Mann: intelligent, kein Schönling


Was für Musik hören Sie gerade?
indische Musik


Welche CD würden Sie auf die einsame Insel mitnehmen?
«Cäcilien Messe» von Gounot


Mit welchem Musiker würden Sie gerne einmal einen trinken?
Mozart


Was kochen Sie selbst?
alles


Ihre Lieblingsspeise?
Zwetschgen- oder Marillenknödel


Ihr Lieblingsgetränk?
grüner Tee


Mit wem essen Sie am liebsten?
mit meinem Lebenspartner Wolfgang Rademann


Und wo essen Sie am liebsten?
zuhause oder bei uns im Dorf im „Adler“ und im „Hecht“


Mac oder PC?
PC


Auto oder Zug?
Auto


Wein oder Bier?
Bier (lacht)


Pasta oder Fondue?
Pasta


Joggen oder Walken?
Walken


Berge oder Meer?
Berge und Meer (lacht)


Wann haben Sie zuletzt geweint?
bei den traurigen Szenen in «Frau Ella», als ich völlig vergessen habe, dass ich mir selbst zusah ... (lacht)


Wie bringt man Sie zum Lachen?
leicht. Ich lache gerne und da genügt der kleinste Anlass. Ich mag Humor, wo man sich nicht über andere lustig macht, sondern eher über sich selbst


Welches Tier wären Sie am liebsten?
Gar keines. Mir tun die meisten Tiere so leid, dass ich nicht in ihrer Haut stecken möchte.


Wovon träumen Sie?
Tja, noch einmal selbst mit dem Auto durch Europa zu fahren.


Was ist für Sie das grösste Glück?
Dass man zufrieden ist mit dem, wer man ist und was man hat, und sich nichts anderes wünscht als die zu sein, die man ist.

Ruth Maria Kubitschek

Beruf: Schauspielerin, Autorin, Malerin

Geboren: 2. August 1931 in Komotau (Böhmen)

Zivilstand: seit 1976 liiert mit «Traumschiff»-Produzent Wolfgang Rademann (78)

Wohnort: Fruthwilen TG (Teil der Gemeinde Salenstein)

Laufbahn: Nach einem Theaterengagement mit einer Ostberliner Bühne blieb Ruth Maria Kubitschek 1959 im Westen, wurde 1966 durch den Durbridge-Strassenfeger «Melissa» bekannt und ist seit den Kult-Serien «Monaco Franze» (1983) und «Kir Royal» (1986) unvergesslich. Ihre drei Romane wurden 2007 und 2010 mit ihr in der Hauptrolle verfilmt.

Aktuell: Buch und Hörbuch «Anmutig älter werden», Kinofilm «Frau Ella» mit Matthias Schweighöfer. Lesungen in Brig-Glis (27. November), Kreuzlingen (4. Dezember), Thun (25. Februar 2014), Zürich (7. März 2014).

Mehr Informationen auf der Website von Ruth Maria Kubitschek

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Reinhold Hönle

Autor

Foto:
Christoph Kaminski
Veröffentlicht:
Sonntag 27.10.2013, 00:00 Uhr

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