Rezitiert mit starkem Ausdruck: Dichterin Nora Gomringer (fotografiert im Park Hotel Winterthur).

Sabine Gisiger: «Meiner Mutter ging das auf den Wecker»

Obwohl bei Friedrich Dürrenmatts Besuchen nur wenig Fleisch für sie übrig blieb, widmet ihm die Zürcherin ihren neuen Kinofilm.

Sabine Gisiger (56), langjährige Reporterin des Schweizer Fernsehens, ist seit 1990 freischaffende Dokumentarfilmerin. Zu ihren bekanntesten Werken zählen der mit dem Schweizer Filmpreis ausgezeichnete «Do It» über einen Terroristen, «Gambit» über die Giftkatastrophe von Seveso und «Yalom’s Cure» über den Psychotherapeuten und Autor Irvin D. Yalom. Nun kommt ihr berührendes Porträt «Dürrenmatt – Eine Liebesgeschichte» ins Kino. Sie zeigt den brillanten Schriftsteller und Denker erstmals auch von seiner privaten Seite.

 
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Lenin-Statue: Erinnerung an den Dreh von «Motor nasch».

Lenin-Statue: Erinnerung an den Dreh von «Motor nasch».
Lenin-Statue: Erinnerung an den Dreh von «Motor nasch».

Welches sind Ihre ersten Erinnerungen an Dürrenmatt?
Als Kind wusste ich, wenn der Dürrenmatt, ein alter Schulfreund meines Vaters, zum Essen kommt, kocht meine Mutter sehr feines Fleisch, von dem mein Bruder und ich aber relativ wenig abbekommen werden. Deshalb, und weil ich von den literarischen Tischgesprächen im Primarschulalter nichts verstand, waren seine Besuche für mich keine Höhepunkte. 

Hat er Ihnen wenigstens etwas geschenkt?
Nein, aber meiner Mutter hat er mit Widmungen versehene Erstausgaben mitgebracht. Bei meinen Recherchen zum Film habe ich entdeckt, dass in «Frank der Fünfte» steht: «Für Ruth, mit herzlichem Dank für den Salat». Meine Mutter, die inzwischen gestorben ist, meinte dazu, das sei ja ein schöner Witz; dabei habe sie ihm immer so viel gutes Fleisch aufgetischt ...

Wann haben Sie Dürrenmatt schätzen gelernt?
Im Gymnasium mussten wir «Die Physiker», «Der Besuch der alten Dame» und «Der Richter und sein Henker» lesen. Die haben mich so fasziniert, dass ich seine übrigen Werke freiwillig verschlang. Mich hat schon damals sehr beschäftigt, was in der Politik so läuft und was Menschen anderen Menschen antun. Ich fand es toll, dass es Erwachsene gab, die darüber nachdachten und treffende Worte dafür fanden. Wenn ich ein Dossier für einen neuen Film schreibe und mir überlege, was das Universelle, der Fokus dahinter ist, lass ich mich bis heute immer wieder von Dürrenmatt inspirieren.

Wann kamen Sie auf die Idee, einen Film über ihn zu machen?
Die trug ich schon sehr lange mit mir herum, aber immer wieder kam etwas dazwischen. Erst, als mich vor drei Jahren Produzent Philip Delaquis animierte, passte alles zusammen.

War Ihnen da gleich klar, wie Sie Ihren Dokumentarfilm über eine Person, die schon 25 Jahre tot ist, machen wollten?
Nein, Philip und ich wussten nur, dass wir nicht einfach Zeitgenossen zeigen wollten, die Anekdoten über Dürrenmatt erzählen. Ich sondierte 80 Stunden Material aus Radio- und TV-Archiven, in dem er zu sehen und zu hören war, und machte daraus den  Fernsehfilm «Dürrenmatt im Labyrinth». Dabei fiel mir auf, wie selten er über Persönliches oder Frau und Kinder redete. Die Ausnahme bildete ein Radio-Interview, in dem er kurz nach dem Tod seiner ersten Frau Lotti sagte: «Wenn die Frau stirbt, führt das zu riesiger Verwirrung. Man macht irrsinnig viel Blödsinn, weiss eigentlich nicht mehr, wie man leben soll. Ich muss mir irgendwie ein neues Leben erfinden, eine neue Technik zu leben.» Das hat mich neugierig gemacht. 

Wie haben Sie Dürrenmatts Schwester Verena sowie seine Kinder Peter und Ruth dazu gebracht, erstmals vor einer Kamera über zu sprechen?
Um sie mit meinem Fernsehfilm nicht zu überrumpeln, habe ich ihn jedem von ihnen vor der Premiere bei einem Besuch gezeigt. Sie fanden nicht nur, dass er Ihrem Vater gerecht wird, er weckte in ihnen auch viele Erinnerungen und Gedanken über ihr Verhältnis zu ihm – und bei mir den Wunsch, einen weiteren Film zu machen. 

War es schwierig, sie dafür zu gewinnen?
Sie haben nicht spontan zugesagt. Sie mussten erst Vertrauen fassen. Ausserdem sind sie nun vielleicht alle in einem Alter, wo es für sie nicht mehr so wichtig ist, sich abzugrenzen oder aus Dürrenmatts Schatten zu treten. Ich glaube, sie freuen sich auch, dass die Welt in meinem Film mehr über die Bedeutung ihrer Mutter Lotti für den Vater und sein Werk erfährt.

Talisman von Tochter Zoe.

Talisman von Tochter Zoe.
Talisman von Tochter Zoe.

Halten Sie auch Ihre eigene Familiengeschichte filmisch fest?
Nein, ich habe meine heute 23-jährige Tochter nie gefilmt – auch nicht, als sie noch klein war. Ich bereue das schon ein wenig, aber damals hatte ich Beruf und Privatleben strikt getrennt. Wenigstens habe ich Polaroids und mache nun bei jeder Familiensause rasend gerne iPhone-Fotos! Wir alle möchten ja das Leben und die schönen Momente festhalten, obwohl wir wissen, dass es unmöglich ist. 

Woher kommt Ihre Passion für den Dokumentarfilm?
Schon als Kind war ich wahnsinnig neugierig. Meiner Mutter ging das auf den Wecker. Sie sagte, ich könne doch nicht immer alle Leute alles fragen ... Ein Schlüsserlebnis war mit 14 Jahren die Serie «Holocaust». Ich war in einer heilen Welt aufgewachsen und konnte gar nicht glauben, was darin gezeigt wurde. Das war mit ein Grund, weshalb ich Geschichte studierte. Als mein Vater dann einmal eine Super-8-Kamera nach Hause brachte, habe ich sie ausprobiert und gemerkt, dass sie für mich eine Legitimation darstellt, Fragen stellen zu dürfen, und dass Film ein Medium ist, mit dem man Geschichten dokumentieren kann. 

Mussten Sie sich als attraktive blonde Frau den Respekt als Dokumentarfilmerin besonders hart erkämpfen?
Ich hatte das Glück, ohne Vorkenntnisse beim Schweizer Fernsehen eine Stelle und eine umfassende Ausbildung zu bekommen, da Ende der Achtzigerjahre mehr Frauen auf den Redaktionen gefordert wurden. Wenn ich jedoch mit einem Kameramann und einem Tonoperateur bei einem Politiker ankam, um ihn zu interviewen, musste ich diesem oft erst klar machen, dass ich nicht die Assistentin bin, sondern die Fragen stelle.

Was bedeutet Ihnen Ihre heutige Haupttätigkeit als Dozentin an der Zürcher Hochschule der Künste?
Extrem viel. Ich denke, dass es in verschiedenen Phasen unterschiedliche Dinge gibt, die dem Leben Sinn geben. Mit 56 trete ich mich langsam in die letzte Phase ein. Ich freue mich ungemein, mein Wissen weiterzugeben und mich mit den jungen Studierenden auszutauschen. Ich staune oft über das Bewusstsein dieser Generation in Bezug auf Weltgeschichte, Nachhaltigkeit oder gesunde Ernährung. Wir waren in diesem Alter im Denken des kalten Krieges gefangen und haben ständig ideologische Kämpfe ausgefochten, die sehr anstrengend und oft sinnlos waren. 

Waren Sie in der Zürcher Jugendbewegung der Achtigzigerjahre aktiv?
Als es losging, absolvierte ich gerade meine Auslandsemester in Pisa. Nach meiner Rückkehr, Mitte der Achtizigerjahre, habe ich mich jedoch in der Roten Fabrik engagiert und bei einer Demo für ein autofreies Limmatquai einmal beinahe mein Leben gelassen. Wir blockierten die Strasse mit einem Plakat, auf dem stand: «Verkehren Sie doch wieder einmal zuhause!» Ein Autofahrer verlor die Nerven und gab Vollgas. Wenn ich nicht zur Seite gesprungen wäre, gäbe es mich nicht mehr.

Vier Daten im Leben von Sabine Gisiger  

1961 Im Sandkasten lernt sie ihre beste Freundin Rosmarie Amacher kennen.
1992 Geburt von Tochter Zoe. «Ich habe sie nie gefilmt, auch nicht, als sie noch klein war.»
2009 Beginn eines neuen Lebens mit dem Architekten Thorsten Nölle.
2014 Tod ihrer Mutter Ruth Gisiger, an die sie sich sehr gerne erinnert.

Mehr zum neusten Film von Sabine Gisiger​

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Reinhold Hönle

Autor

Foto:
Christoph Kaminski
Veröffentlicht:
Montag 12.10.2015, 11:59 Uhr

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