Sags nicht!

Er: Der vergangene Drehbuch-Kursteil war wieder super spannend. Es ging um Dialoge. Texte im Film sind nämlich ganz anders als in der Realität. Im Film wird nicht geschwatzt, nur, damit etwas gesagt ist. Im Film haben Figuren immer schon vorher nachgedacht, was sie sagen wollen.

 
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Filmfiguren machen kurze, klare Sätze. «Filmfiguren reden verdichtet, weil ein Dialog eine Handlung vorantreiben muss. Ein guter Dialog erzeugt Emotionen. Er enthüllt Charakterzüge.

«

Stell dir das vor: keine Silbe zu viel. Alles mit Inhalt.»

Stell dir das nur in der Wirklichkeit vor: hocheffizientes Reden, keine Silbe zu viel, alles mit Inhalt!», schwärme ich. Schreiber lauscht meinen neusten Erkenntnissen ungewöhnlich schweigsam. Ich erkläre weiter: «Fragt ein Darsteller im Film:  ‹Schönes Wetter heute, nicht wahr, Herr Nachbar?›, dann will er freundlich sein. Das nennt sich Subtext. Verstehst du? Es geht gar nicht ums Wetter, sondern darum, dass die Figur vermitteln will, dass sie freundlich ist.» Schreiber schweigt, ich nehme ihr Geschenk an: «Ein spannender Dialog besteht also daraus, was der Sprechende nicht sagt, sondern was er denkt! Toll, oder?» Schreiber schweigt weiter. Ich nehme mal an, dass das, was sie jetzt gerade denkt, spannend sein könnte.

Sie: Schneider kennt kein anderes Thema mehr. Er lädt sich pausenlos Drehbücher aus dem Internet runter, druckt sie aus, sitzt lesend auf der Gartenbank oder sonst wo herum. Vielleicht hat er das Gefühl, dass ich in ihm einen interessanten Regisseur sehe, wenn er konzentriert in den Seiten blättert. Aber ein Drehbuch in Schneiders Hand macht aus ihm noch keinen Filmemacher.

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Er doziert – ohne Punkt und Komma.»

Er merkt gar nicht, dass er ohne Punkt und Komma doziert: «Verdichtet reden, das wäre doch auch was für uns. Im Alltag. Du gehörst ja zur Sorte der Vielrednerinnen …» Was für mich ein Kompliment ist. «… dabei ist es doch viel spannender, was man kurz und knapp – oder noch besser: gar nicht sagt.» Er kommt immer mehr in Fahrt: «Die Krönung ist deshalb, alles nur per Subtext auszudrücken ...» Ganz klar, das muss sich ein Mann ausgedacht haben! «... unser Kursleiter hats auf den Punkt gebracht: Der beste Dialog sei der, bei dem überhaupt nicht gesprochen wird. Fantastisch, nicht wahr? Taten statt Worte, das ist die Devise gegen leeres Geschwätz!» Sein Drehbuchkurs in Ehren, doch während ich meinen Mund halte, frage ich mich, ob er den «Subtext» meines Schweigens versteht: Dass er grad ziemlich viel Unsinn palavert.

 (Coopzeitung Nr. 35/2015) 

Mehr zu den Kolumnisten unter: www.schreiber-schneider.ch

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Heiner H. Schmitt
Veröffentlicht:
Montag 24.08.2015, 15:38 Uhr

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