Sandro Brotz wirft sich fürs «Rundschau»-Jubiläum in Schale: «Eine Portion Selbstdarstellung gehört zum Job. Sie darf jedoch nie überhandnehmen.»

Sandro Brotz: «Ich bin kein Grillmeister, sondern Journalist»

Sandro Brotz (48) über 50 Jahre «Rundschau», einstudierte Plattitüden und Gianni Infantino, der bis jetzt alle Einladungen abgelehnt hat.

Sandro Brotz auf schwieriger Mission: Im Herbst 2016 interviewte er Syriens Machthaber Baschar al-Assad: «Indem wir ihn befragten, konfrontierten wir ihn mit seinen Taten.»

Sandro Brotz auf schwieriger Mission: Im Herbst 2016 interviewte er Syriens Machthaber Baschar al-Assad: «Indem wir ihn befragten, konfrontierten wir ihn mit seinen Taten.»
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Das runde Jubiläum der «Rundschau»Die «Rundschau» zählt zu den ältesten Sendungen des Schweizer Fernsehens, die es noch gibt. Am 3. Januar feiert das Politmagazin um 20.55 Uhr mit einer Sondersendung seinen 50. Geburtstag. Besonderer Beachtung erfreut sich jeweils das kontroverse Interview; dabei wird ein Gesprächspartner in die Mangel genommen. Hauptmoderator und Anchorman ist Sandro Brotz (48), der seit 2012 bei der «Rundschau» arbeitet – nebst seinem Moderatorenjob heute auch als stellvertretender Redaktionsleiter.

  

Sandro Brotz, es gilt das gesprochene Wort. Also nicht, dass Sie mir nach dem Gegenlesen eine Weichspüler-Version schicken!
In Ordnung. Ich habe einen angriffigen Interviewstil, da muss ich damit rechnen, dass ich selber so befragt werde.

Sie teilen aus, können aber selber nicht einstecken.
Beweise bitte!

Als Sie wegen Ihres Interviews mit dem syrischen Machthaber Baschar al-Assad kritisiert wurden, reagierten Sie auf Facebook empfindlich.
Als Journalist Sandro Brotz spiele ich eine Rolle, und da gehören harte Fragen dazu. Es wäre merkwürdig, wenn ich nicht akzeptieren könnte, dass sich andere mit unserer Arbeit kritisch auseinandersetzen. Das bringt uns weiter. Trotzdem muss ich nicht mit jedem Kritikpunkt einverstanden sein. Beim Assad-Interview wagten wir uns in die Höhle des Löwen. Da habe ich Mühe mit Kritikern, die mich aus ihrem sicheren Büro mit der grossen Analyse belehren wollen, ohne zu berücksichtigen, wie schwierig die ganze Interviewsituation war.

Trotzdem dürfen Sie sich nicht darüber beklagen, wenn Sie angegriffen werden: Mit Ihrem aggressiven Interviewstil schaffen Sie sich Feinde.
Das gehört zu meinem Jobprofil dazu. Die meisten verstehen allerdings, dass wir investigativen Journalismus betreiben und mit direkten Fragen gerne geschärfte Antworten provozieren möchten.

Geschärfte Antworten? Schön wärs! Oft habe ich das Gefühl, dass nur die Fragen wichtig sind. Die müssen möglichst pointiert sein, die Antworten spielen gar keine Rolle mehr.
Das ist zuweilen der Fall – vor allem, wenn das Gegenüber mit einstudierten Plattitüden antwortet und es nur seine Botschaften äussern will. Meist lasse ich es aber nicht dabei bewenden, sondern führe das Gespräch manchmal auch in eine unerwartete Richtung, um den Interviewten aus der Reserve zu locken.

Schade, sieht man nicht, wie es nach der Sendung weitergeht. Dann bekommen Sie von Ihren Gesprächspartnern sicher etwas zu hören!
Gar nicht. Die meisten wissen, worauf sie sich bei uns einlassen. Die sehen das als einen Hosenlupf in Worten. Man fasst sich hart an, doch am Ende gibt man sich die Hand und schüttelt dem Gegner das Sägemehl von der Schulter. Nur zwei hatten Mühe mit meinem Stil, diese beiden Ausnahmen sind bekannt …

…  Christoph Mörgeli und Ueli Maurer, der Ihnen während eines Beitrages über den Kampfflieger Gripen eine «journalistisch schwache Leistung» vorwarf.
Ich stehe zu hundert Prozent hinter dem Beitrag. Es gehört zur Tradition dieses Landes dazu, dass sich mächtige Personen kritischen Fragen stellen müssen. Das bedeutet nicht, dass ich meine Gäste aufs Glatteis führen möchte. Darum geht es mir nicht.

Das klingt jetzt alles so versöhnlich. Dabei hagelt es sicher Absagen, wenn Sie mögliche Gesprächspartner anfragen. Wer will sich schon freiwillig grillieren lassen!
Stimmt auch nicht! Nur eine Person sagt regelmässig ab. Ich habe ihn schon ungefähr zehn Mal angefragt: Fifa-Präsident Gianni Infantino. Ich bleibe jedoch hartnäckig und ermuntere ihn, sich unseren Fragen zu stellen. Er sagte bei seinem Antritt, dass er für Transparenz stehe. Dann wä-
re es schön, wenn er diese auch einlösen würde. Meist begründete er es mit terminlichen Schwierigkeiten. Wir kommen gerne dorthin, wo er gerade Zeit hat – ob in London, Moskau oder Honolulu.

Er will sich eben auch nicht grillieren lassen!
Ich habe eher den Verdacht, dass seine Bedenken inhaltlicher Natur sind und er möglicherweise auch den Vergleich mit Sepp Blatter scheut, denn der war schon in unserer Sendung. Das Wort «grillieren» gefällt mir überhaupt nicht. Ich bin kein Grillmeister, sondern Journalist seit meinem 18. Lebensjahr. Mich umtreibt die Neugierde. Ich möchte wissen, weshalb jemand etwas macht. Grillieren ja, aber nicht im Fernsehstudio, sondern im Sommer irgendwo draussen im Freien.

«

Ich will nicht der Krawallinterviewer der Nation sein.»

Sandro Brotz

Sie sind sicher viel zu eitel, um zuzugeben, dass Ihnen auch schon ein Interview misslungen ist.
Jeder, der vor der Kamera steht und seine Eitelkeit bestreitet, sagt nicht die Wahrheit. Eine Portion Selbstdarstellung gehört zu unserem Job. Sie darf jedoch nie überhandnehmen. Nach keinem meiner rund 150 Interviews war ich bis jetzt hundertprozentig zufrieden. Ich finde immer etwas, das ich noch besser hätte machen können. Und bei zwei Interviews gebe ich offen zu, dass sie richtig misslungen sind.

Nämlich?
In einem Beitrag über schwer kranke Kinder ging es darum, dass man bei deren 24-Stunden-Betreuung sparen wollte. Das bewegte mich sehr, entsprechend emotional wurde ich dann beim
Interview mit dem Chef des Bundesamtes für Sozialversicherungen. Das war nicht gut. Und in meiner Anfangszeit bei der «Rundschau» antwortete ein Wirtschaftsführer auf keine meiner Fragen. Als ich mir später die Sendung nochmals anschaute und sah, wie ich ihm auf den PR-Leim gekrochen war, regte ich mich fürchterlich auf. Aber ändern konnte ich es nicht mehr, weil wir die meisten Interviews live aufnehmen.

Sie sind auch Baschar al-Assad auf den Leim gekrochen! Dank Ihrem Interview durfte er seine Propaganda breittreten.
Hätten Sie das Interview nicht gemacht? Assad ist ein mutmasslicher Kriegsverbrecher. Indem wir ihn befragten, konfrontierten wir ihn mit seinen Taten. Wir haben ihn ja nicht nur 1:1 reden lassen, sondern luden auch Experten ein, die seine Aussagen einordneten.

Die «Rundschau» feiert ihren 50. Geburtstag. Weniger erfreulich ist der Marktanteil: 18,8 Prozent sind nicht gerade der Hammer …
… ein hervorragender Wert  …

…  aber nicht zur besten Sendezeit!
Einspruch. Erstens ist unser Marktanteil zuletzt wieder gestiegen, zweitens sind 18,8 Prozent für eine Politiksendung in direkter Konkurrenz zur Champions League mehr als respektabel. Wir haben ein treues Stammpublikum …

… wovon die Hälfte auf Ihre Krawallinterviews wartet.
Mein Ziel ist es nicht, der Krawallinterviewer der Nation zu sein. Sondern ich möchte den Dingen auf den Grund gehen. Und dafür muss ich hartnäckig sein. Jeremy Paxman hat auf BBC in den Neunzigerjahren dem damaligen Innenminister Michael Howard zwölf Mal dieselbe Frage gestellt: «Haben Sie einen Mitarbeiter unter Druck gesetzt?» Deshalb muss ich schmunzeln, wenn man mir bereits nach der Wiederholung einer Frage vorwirft, dass ich penetrant hartnäckig sei.

Wer im Beruf so angriffig ist, kann zu Hause sicher nicht auf harmlos umschalten!
Ich habe im Privaten tatsächlich schon zu hören bekommen: Wir sind jetzt nicht in der «Rundschau»! Aber das ist die Ausnahme. Ich bin abseits der Kamera viel harmoniebedürftiger, als viele glauben würden.

Früher waren Sie stark übergewichtig. Dann begannen Sie mit Ausdauersport und übertrieben es auch da. Sie sind masslos.
Ich arbeite intensiv, lebe intensiv. Aber im Vergleich zu früher weiss ich nun besser, wo meine Grenzen sind. Und beim Ausdauersport steht heute die Freude im Vordergrund und nicht mehr die Zeit. Vielleicht hat es auch mit den drei Velounfällen zu tun, die ich in den letzten Jahren erlitt. Einmal wurde ich richtiggehend von einem Auto
abgeschossen. Ich habe die «Rundschau» dann mit gebrochenen Rippen und Kreuzbein moderiert – gut versteckt unter dem Anzug. Seitdem gehe ich im Sport alles ein wenig gemächlicher an.

Sie sind FCZ-Fan. GC aber hat mit Trainer Murat Yakin die besseren Perspektiven.
Das war jetzt die mit Abstand provokativste Behauptung in diesem Gespräch. Totaler Hafechäs! Was meine politische Meinung anbelangt, äussere ich mich öffentlich nicht. Anders beim Fussball. Der FCZ wird immer in meinem Herzen sein. FCZ forever!

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Andreas W. Schmid

Redaktor

Foto:
Christoph Kaminski, SRF
Veröffentlicht:
Dienstag 02.01.2018, 09:44 Uhr

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