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Saubermann: «Ich wollte immer ein einfaches Leben»

Michel Simonet sieht seinen Job als Berufung: Seit 30 Jahren befreit der siebenfache Vater Fribourg von Dreck und Schmutz.

Andere streben nach Karriere, nach hohem Ansehen im Beruf und wollen möglichst viel Geld verdienen. Michel Simonet hingegen hatte immer nur eines im Sinn: «Ich wollte ein einfaches Leben führen.» Und so klopfte er 1986 bei der Stadt Fribourg an und bat darum, seinen Studentenjob als Strassenwischer dauerhaft ausüben zu dürfen. Der Verantwortliche des Strasseninspektorats war zuerst überrascht und dann misstrauisch. «Was hat der für ein Problem?», fragte er sich. «Ist er ein Idealist, der einmal die Tour macht und sogleich wieder verschwindet?» Simonet galt als überqualifiziert für den Job: Er hatte das Handelsdiplom erworben, dann beim Radio gearbeitet und Theologie studiert. Schliesslich gab sich der Chef einen Ruck und stellte den Studenten ein.

Er sollte es nicht bereuen. Michel Simonet verschwand nicht, sondern erfüllt seine Aufgabe bis heute pflichtbewusst. Seit 30 Jahren kehrt er in Fribourg die Strassen und kann sich nichts anderes vorstellen. Der 55-Jährige liebt es, draussen zu sein, «nahe bei den Menschen», etwas Nützliches zu tun, für Sauberkeit in den Strassen zu sorgen und trotzdem nicht «nur der Putzarm zu sein», wie er es bei unserem Treffen in einer Bäckerei nennt. Als Oberflächenpfleger ist er auch Fotograf, etwa, wenn sich ein japanisches Touristenpaar fotografieren lassen möchte – «wobei das in letzter Zeit wegen der Selfies weniger gefragt ist als vorher». Er ist aber auch Gepäckträger, wenn er einer alten Dame den schweren Koffer zum Bahnhof trägt, Angestellter beim Tourismusbüro, weil er so oft Auskunft erteilen muss über sein Fribourg. Er ist Polizist, Hilfschauffeur, Erzieher, Soziologe, Sanitäter, Landwirt auf dem Asphalt («wenn ich meine Abfallernte einfahre und die Strasse wie ein Stall aussieht»). Simonet zählt längst zum vertrauten Strassenbild der Universitätsstadt. Und er ist der Mann mit der Rose.

Ohne Rose fühlt er sich nackt

Als er mit seiner Sisyphusarbeit begann, steckte er schon bald eine rote Baccara-Rose an den Müllkarren. Ein tieferer Sinn stecke nicht dahinter, wie er beteuert, und wird dann doch philosophisch: «Ich weiss nicht, wer gesagt hat: Man wird zu dem, was man isst. Aber es könnte auch sein, dass man zu dem wird, was man anschaut.» Während seiner Arbeit ist das ein ganzer Haufen von oft übel riechendem Dreck. «Ich finde den Schmutz aber nicht schöner, als dies andere Menschen tun.» Er sei kein König Midas, der alles in Gold verwandle, was er berühre. Deshalb steckt er täglich bis zu zweimal eine frische Rose an den Karren, deren Schönheit er sozusagen als Antithese zum ganzen Müll betrachtet. Sie wurde ihm schon gestohlen, was ihm dann nahegeht: «Ich fühle mich nackt ohne sie.»

Michel Simonet hat viele Bezeichnungen für seine Tätigkeit: Umwelttechniker, Saubermann, Abfallfreeganer, Kippensammler. Besonders treffend für ihn ist jedoch, das zeigt sich schon nach wenigen Minuten des Gesprächs: Trottoir-Philosoph. Durch die körperliche Arbeit, die sofortige Resultate beschert, wird der Kopf frei – um zu meditieren und auch ein bisschen zu träumen. Diese Gedanken während der Arbeit hat er in den vergangenen Jahren auf seinem iPhone aufgenommen. «Dafür musste ich gelegentlich meinen Besen aus der Hand legen, die Bewohner des Quartiers mögen mir verzeihen.» Die Notizen verarbeitete er zu einem lesenswerten, mit klugen Ausführungen prall gefüllten Buch. Dieses ist mit über 16 000 verkauften Exemplaren zum Bestseller geworden, jüngst erschien im Nydegg Verlag eine deutsche Übersetzung. Michel Simonet wurde zu «Aeschbacher» eingeladen, wo er einleuchtend darlegen konnte, weshalb bei ihm das Glück auf der Strasse liegt.

Morgens um fünf Uhr beginnt er mit der Arbeit. Im Sommer ist die Morgenfrühe die schönste Zeit des Tages, im Winter hingegen angesichts der beissenden Kälte oft nur sehr schwer zu ertragen. Dann wärmt er die Handschuhe an den Heizkörpern der öffentlichen Toiletten auf. «Manchmal halten auch Passanten aus Mitleid für ein paar Augenblicke meine Hände.» Mit ihnen verrichtet er die Arbeit, die er als abwechslungsreich, aber trotzdem als einfach empfindet. «Sie erlaubt es mir, in der Gegenwart zu leben und diese zu geniessen.» 

Wenn sein Dienst nachmittags um drei Uhr nach rund 15 zurückgelegten Kilometern endet, geht er sorgenfrei nach Hause. Sieben Kinder hat er, das jüngste ist 17, das älteste bereits 31. Sie hatten immer Freude an dem, was der Vater tat, und halfen ihm manchmal an einem seiner Sonntagsdienste bei der Arbeit. Der Fribourger geht früh zu Bett, die körperlichen Anstrengungen des Tages sorgen für einen guten, erholsamen Schlaf.

Michel Simonet mag im Vergleich zu anderen weniger verdienen, seine Zufriedenheit aber ist maximal. Deshalb sagt er zum Ende des Gesprächs: «Ich hoffe noch auf weitere zehn gute Jahre auf der Strasse.»

...im Leben von Michel Simonet

1984 heiratet er seine Claudine, 1985 kommt ihr erstes Kind auf die Welt.

1986 wird er als Strassenwischer in Fribourg angestellt.

1999 Geburt von Nicolas. Die Familie ist nun mit sieben Kindern komplett.

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