Das Berufsende steht bevor: Hanspeter «Housi» Lienhardt kutschierte über zwei Jahrzehnte den japanischen Botschafter durch die Schweiz. 

Sayonara: «Ich gebe immer Vollgas»

Nach 25 Jahren als Chauffeur des japanischen Botschafters setzt sich Housi Lienhardt zur Ruhe. Und fährt zur See. Ohne Rückkehr.

Als die japanische Kaiserin erschien, spürte Hanspeter Lienhardt ihre Aura. «Ich hatte Gänsehaut.» Mit glänzenden Augen erzählt der 59-Jährige, seinem Umfeld bekannt als Housi, von seiner eindrücklichsten Begegnung. Housi – wir erlauben uns, ihn fortan auch so zu nennen – ist seit 1992 Chauffeur des japanischen Botschafters in Bern. Er, der zuvor als Mechaniker, Lastwagenfahrer, Tauchlehrer und vieles mehr gearbeitet hatte, setzte sich damals gegen 130 Bewerber durch. Wie es dazu kam? «Der Botschafter fand mich sympathisch.» Doch das alleine reichte noch nicht. Es war auch die Art und Weise, wie er auftrat: geradeheraus. «Ich bin halt überzeugt von mir selbst und von dem, was ich mache», sagt er ohne falsche Bescheidenheit.
Seither hat der Botschafter zehn Mal gewechselt, Housi aber ist geblieben und in dieser Zeit vielen interessanten Persönlichkeiten begegnet: etwa Frauenschwarm Richard Gere, dem russischen Schachweltmeister Anatoli Karpow, gegen den er sogar eine Partie spielte. Oder eben der japanischen Kaiserin. Sie traf er 2002 in Basel. «Es war ein wahnsinniges Gefühl, ihr die Hand zu reichen. Als sie morgens auf der Mittleren Brücke joggte, war diese nur wegen ihr gesperrt.»

Auch als der japanische Premierminister am WEF in Davos erschien, war höchste Sicherheit geboten. «Der Auftritt wird Monate vorher geplant und geübt», sagt der Chauffeur, ohne allzu viel zu verraten. Mehr darf er nicht erzählen, seine Tätigkeit setzt auch einiges an Diskretion voraus.

Immer einsatzbereit

Nicht verboten ist ihm allerdings das Schwärmen über seine Tätigkeit. Stolz betont er, dass er als einziger Schweizer permanent auf japanischem Hoheitsgebiet in der Schweiz wohnt. In Japan selbst war er noch nie. Ein paar kleine Unannehmlichkeiten gibt es aber schon im Job. «Der Botschafter entscheidet über meine Arbeits- und Freizeit. Möchte er nach Zürich oder Genf, bin ich einsatzbereit. Auch am Wochenende.» Neben grosser Flexibilität ist auch viel Geduld gefordert. «90 Prozent meiner Zeit im Auto verbringe ich mit Warten. Es ist fast wie im Militär», scherzt der gebürtige Berner Oberländer. Er sei sogar schon einmal vergessen worden. «Ich wartete im Auto auf den Botschafter, der zu einem Essen eingeladen war. Nach einigen Stunden wurde ich darüber informiert, dass er mich nicht mehr gefunden habe und deshalb in den nächsten Zug gestiegen sei.»

Trotz seiner bewundernswerten Flexibilität und Geduld hat Housi auch Eigenschaften, die für einen Chauffeur untypisch sind – wir haben eine davon vorhin bereits angedeutet: «Ich bin viel zu direkt. In Anwesenheit des japanischen Botschafters ist das nicht immer geschickt.» Denn Japaner sind – das weiss jeder, der schon mal im Inselstaat war – sehr zurückhaltend. Housi hingegen bezeichnet sich ohne Scheu als Tausendsassa. Es gebe beinahe nichts, was er nicht könne. So übernimmt er in der Botschaft einige Tätigkeiten, die über seinen Beruf als Chauffeur hinausgehen: Er renoviert Zimmer, kümmert sich um die Aussenbeleuchtung, holt die Post. Er macht alles – «ausser schriftliche Büroarbeiten. Dafür bin ich definitiv nicht geeignet.»
Housi gibt immer Vollgas, so lautet sein Motto. Das wird auch in Zukunft so bleiben, obwohl schon bald eine gewichtige Veränderung in seinem Leben ansteht. Kurz nach seinem 25-Jahre-Dienstjubiläum ist für ihn Schluss mit arbeiten. Er geht in Frühpension und am 1. August mit seiner Frau auf Weltreise. Eine Rückkehr ist – Stand heute – nicht mehr geplant: Sayonara, Lebewohl. Auch weil Housi an der schweren Lungenkrankheit COPD leidet, die das Atmen erschwert.

Die Karibik in Sicht

Deshalb will er jetzt das Leben in vollen Zügen geniessen. «Essen, wenn ich Hunger habe, und schlafen, wenn ich müde bin.» Die nächsten vier Jahre hat er schon verplant. In Italien am Porto San Rocco in der Nähe von Triest besitzt er eine Yacht. «Mit dem Schiff fahren wir nach Griechenland und von dort nach Tunesien.» Im nächsten Frühling gehts weiter zu den Kanaren. Von dort aus folgt die grosse Überfahrt in die Karibik. Voller Vorfreude erzählt der Berner von seinem Vorhaben. «Ich möchte alle karibischen Inseln und jeden Karneval besuchen.»
Dem Abenteuer blickt er mit einem lachenden und einem weinenden Auge entgegen. Seine Freunde werden ihm fehlen. «Kommen mich nur zehn Prozent von ihnen besuchen, habe ich beinahe schon Stress.» Trotzdem sind alle herzlich willkommen, zahlen müssten seine Gäste selbstverständlich nichts. «Dafür erwarte ich von ihnen Cervelat, Landjäger und Käse als Mitbringsel.» Diese Dinge wird er am meisten vermissen. Ganz und gar nicht fehlen wird ihm hingegen die schlechte Laune der Leute am Montagmorgen. «Wenn ich heute am Bahnhof die Menschen grüsse, schauen sie mich nur doof an.»

Housis Japanisch-Tipps für Anfänger

Guten Tag/Lebewohl
Konichi wa/Sayonara

Vielen herzlichen Dank
Dômo arigatô gozaimashita

Entschuldigen Sie bitte
Sumimasen

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