Schneiders Tastsinn

Zwischen den Zeilen hören beide laute Töne.

Sybil Schreiber: Es gibt Geräusche, die halte ich fast nicht aus: Bohrer beim Zahnarzt, Styroporgeknirsche und Schneider beim Schreiben an seinem Pult. Wenn er mir gegenüber in die Tasten haut, dann hat das nichts mit flottem Tanz der Finger zu tun. Nein. Wenn er schreibt, dann kämpft er: Er nimmt von weit oben Anlauf, lässt seine Hände im freien Fall auf die arme Tastatur donnern, um von dort aus wie bei einer Hetzjagd Buchstaben zu zerquetschen.

«

Sobald er schreibt, wackelt mein Schreibtisch.»

Sobald Schneider schreibt, wackelt mein Schreibtisch. Die Orchidee vibriert. Das Telefon klappert. Alles zittert, selbstredend auch meine Nerven. Ich schaue hin: Er blickt verklärt aus dem Fenster. Unglaublich: Schreibt wie ein Rasender und lässt dabei den Blick über den Garten schweifen.
Dass ich ihm gegenübersitze und keinen Text zustande bringe, bemerkt er natürlich nicht. Er ist versunken. Ich hingegen bin auf hundertachtzig. Und das immer öfter, weil er neustens auch gern zu Hause arbeitet. Klar, dass meine Arbeitsleistung dabei auf der Strecke bleibt. Um einem spontanen Streit vorzubeugen, schreibe ich ihm eine Mail. Schicke sie ab. Gegenüber macht es pling. Und siehe da: Seine Finger halten inne. Welch’ Ruhe!

Steven Schneider: Auch wenn ich gerade an meinem Pult in unserem Arbeitszimmer sitze: Vor meinem geistigen Auge sehe ich mich der mächtigen Aare bei Döttingen entlang wandern.

«

Ich schreibe zu laut. Schön formuliert.»

Ich schreibe eine Reportage und tippe all die Bilder in den Computer, die aus den Tiefen meiner Erinnerung in rasendem Tempo aufsteigen. Da reisst mich ein leises Pling aus meiner Konzentration. Verflixt, ich hätte die Mail ausmachen sollen. Ich schau rasch nach. Ach. Von Schreiber. Ich lese: «Liebster, kannst du auch leise schreiben?»
Kaum habe ich es fertig gelesen, kommt von gegenüber ein forsches: «Und?» Ich blicke an meinem Bildschirm vorbei zu meiner Frau. «Was und?» «Ich kann nicht arbeiten, wenn du auf deiner Tastatur Boogie-Woogie spielst.» «Boogie-Woogie? Das hast du noch nie gesagt.»
«Du wirst es öfter zu hören bekommen: Wenn ich ‹Boogie-Woogie› sage, heisst das: Du schreibst zu laut.» Ich schreibe zu laut. Schön formuliert. Schreiber findet sowieso, dass ich durchs Leben trample, während sie ihren Weg auf leisen Sohlen geht. Da klingelt das Telefon. Sie nimmt ab. Ich ergreife die Flucht. Denn wenn Schreiber telefoniert, muss ich raus. Ihre Lautstärke halte ich keine zehn Sekunden aus.

(Coopzeitung Nr. 34/2013)

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Ferdinando Godenzi
Veröffentlicht:
Montag 19.08.2013, 09:37 Uhr

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