Alex Wilson knackte im Juni in Weinheim innert weniger Stunden die Rekorde über 100 und 200 Meter.

Schnellster Schweizer

Alex Wilson erklärt, wieso er rasanter unterwegs ist als je zuvor und weshalb er sich mit flotten Sprüchen zurückhält.

«Ich habe noch nie einen Bus verpasst»

«Ich habe noch nie einen Bus verpasst»
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Alex Wilson konnte es nicht fassen. «Was, ich bin langsamer als ein Nilpferd?», wunderte er sich bei einer Begegnung vor sechs Jahren. Wir hatten ihn mit den Geschwindigkeiten der Tiere konfrontiert. Wilson war schon damals der schnellste Sprinter der Schweiz, doch für ein Nilpferd, das bis zu 48 Stundenkilometer schnell rennen kann, immer noch zu langsam. Usain Bolt, der rasanteste Mann der Welt, war bei seinem Weltrekord über 100 Meter mit fast 45 Stundenkilometern unterwegs.
Alex Wilson ist seitdem noch schneller geworden. Im Frühling knackte der 26-jährige Basler mit jamaikanischen Wurzeln innert weniger Stunden gleich zwei Rekorde – über 100 Meter (10,11) und 200 Meter (20,37). Um es mit einem Nilpferd aufzunehmen, ist das zwar noch immer nicht schnell genug, aber für eine Teilnahme an den Leichtathletik-Weltmeisterschaften in London vom 4. bis 13. August reicht es allemal.
Beim Interview in seinem Heimstadion Schützenmatte in Basel ist Alex Wilson ganz der Sprinter und locker drauf – ohne aber zu blödeln. Noch nie hat der Vollprofi seinen Sport so ernsthaft betrieben wie in dieser Saison.

Alex Wilson, was bringt es im normalen Alltag, der schnellste Schweizer zu sein?
Neben der Bahn bin ich sehr langsam. Dann schlurfe ich so richtig in der Gegend herum. Manchmal hat es aber tatsächlich seine Vorteile, schnell zu sein: Ich habe noch nie ein Tram oder einen Bus verpasst. Ein Sprint – und zack, schon bin ich an der Haltestelle. Obwohl ich oft sehr spät dran bin, reicht es immer noch.

Sie sind seit Jahren der schnellste Schweizer, der breiten Öffentlichkeit aber trotzdem kein Begriff. Das ergab eine Mini-Umfrage in unserer Redaktion. Jemand verwechselte Sie gar mit einem Jazz-Musiker, der gleich heisst wie Sie. Was muss passieren, damit sich das ändert?
Ich muss die magische Schwelle von zehn Sekunden unterbieten. Dann würde sich das auf einen Schlag ändern, da bin ich mir sicher. Jetzt kennen mich trotz der beiden Rekorde tatsächlich nur die Leichtathletikfans.

Warum sind Sie so schnell wie nie zuvor?
Alles ist neu und das tut mir gut: neues Umfeld, neuer Trainer, neue Trainingsimpulse, neuer Trainingsort mit London und vor allem keine Verletzungen. Bis jetzt hatte ich jedes Jahr irgendetwas, das mich extrem behinderte und schnellere Zeiten verunmöglichte. Und last but not least: Privat bin ich auch glücklich. Das strahlt positiv auf meinen Job als Sprinter aus und umgekehrt.

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Privat bin ich glücklich. Das strahlt positiv auf meinen Job als Sprinter aus.»

Alex Wilson (26), Sprinter

Sie erlebten auch schon andere Zeiten.
Ja, und das war nicht einfach. Wenn du in deinem Job nicht zufrieden bist, dann spürt man das auch im Privaten. Es ist ein Frust, wenn es einfach nicht vorangeht. Nun ist das anders: Ich bin glücklich, dass ich regelmässig schnell laufe und sich mein Aufwand lohnt. Ich bin auf einem guten Weg und laufe regelmässig Zeiten unter 10,20 Sekunden. Das braucht es aber auch, damit ich irgendwann eine Zeit unter 10 Sekunden raushauen kann.

Sie haben unter Ihren neuen Trainern Lloyd Cowan und Clarence Callender so hart trainiert wie noch nie. Das eine oder andere Mal wollten Sie den Bettel hinwerfen. War es wirklich so schlimm?
Das Training bei den beiden in London ist hart, aber nun zahlt es sich aus. Ich wollte es erst nicht glauben, als die Trainer regelmässig noch einen Dauerlauf von fünf Kilometern einstreuten. Für einen Sprinter ist das die Höchststrafe. Oder im Trainingslager im Januar auf Teneriffa: Da musste ich immer wieder zweimal 250 Meter laufen und jeweils unter 27 Sekunden bleiben. Ich aber brauchte 31 Sekunden. «Für einen solchen Mist, den du da zeigst, sind wir sicher nicht extra nach Teneriffa gekommen!», sagten meine Trainer. Dann schickten sie mich erneut auf die Bahn, für die nächsten zweimal 250 Meter. Und wehe, ich hätte länger als 27 Sekunden gebraucht!

Hatten Sie in der Vergangenheit zu wenig trainiert, sich vielleicht auch zu wenig gequält?
Jeder Trainer hat seine eigene Philosophie. Meine jetzigen Betreuer setzen auf höhere Umfänge. Dahinter steckt die Idee, dass man an Meisterschaften innert weniger Stunden mehrmals die Bestleistung abrufen muss. Es reicht nicht, nur einmal super zu laufen. Ich würde es so sagen: Das, was ich heute an einem einzigen Tag ins Training stecke, reichte früher für eine Woche. Ich trainiere jetzt von morgens um acht bis zwei Uhr mittags.

Das ist viel und wird die meisten überraschen. Was vielleicht auch mit Superstar Usain Bolt zusammenhängt. Nach seinen Rekordläufen erklärte er gerne, dass er vorher seelenruhig frittierte Hühnerflügel gegessen habe.
Wir dürfen nicht alles ernst nehmen, was er sagt. Usain Bolt trainiert sehr hart. Das weiss ich. Und deshalb gibt es für mich nur eins: noch härter trainieren!

An den Olympischen Spielen in London 2012 erklärten Sie vollmundig: «Dr Bolt isch verby, jetzt chunnt dr Wilson!»
Stimmt ja auch, einfach mit Verspätung. (Lacht.) Bolt hört nach der WM in London auf. Ich hingegen mache weiter und habe die Zukunft noch vor mir.

In letzter Zeit sind solche Sprüche nicht mehr von Ihnen zu hören. Gehört es zu Ihrem Entwicklungsprozess dazu, dass Sie sich zurückhalten?
Ich habe gemerkt, dass es angenehmer ist, der Underdog zu sein. Wer grosse Töne spuckt, setzt sich nur noch mehr unter Druck. Es hat aber auch damit zu tun, dass ich jetzt in London trainiere und deshalb weniger von mir zu hören ist. Zudem habe ich meine Handynummer gewechselt. Es ist mir nicht mehr wichtig, jeder Zeitung ein Interview zu geben und in jedes Mikrofon zu sprechen. Das hat auch mit den Erfahrungen in der Vergangenheit zu tun. Einige Journalisten haben mich frühzeitig abgeschrieben. Nun schreibe ich sie ab. Lieber möchte ich mich auf den Sport konzentrieren. Die Resultate geben mir recht.

In der Tat. Alex Wilson galt früh als grosses Talent. In Jamaika aufgewachsen, begleitete er im Alter von 15 Jahren seine Mutter, die einen Schweizer geheiratet hatte, nach Basel. In der ersten Zeit fühlte er sich in der fremden Umgebung nicht wohl, doch dann entdeckte eine Lehrerin sein Sprinttalent und schickte ihn ins Training zu den Old Boys Basel. «Die Leichtathletik gab mir Halt», sagt Wilson, der seine Bestmarken im Sprint schon bald nach unten schraubte. Verletzungen stoppten jedoch seinen Weg nach oben, er musste sich immer wieder von Neuem aufrappeln. Den Mut verlor er deswegen nie. Und wird nun für seine Beharrlichkeit belohnt.

Was ist Ihnen von Ihrer Ankunft in der Schweiz in Erinnerung geblieben?
Ich erinnere mich, dass ich Unmengen von Schnee sah an jenem Dezembertag. Und es war spät hell und früh dunkel. Und tagsüber sehr trüb. Das war ein Schock. Es dauerte denn auch lange, bis mir irgendetwas in der Schweiz gefiel. Ich wollte schon bald wieder nach Hause, hatte grosses Heimweh.

Was vermissten Sie besonders?
Es war hart, alles von Neuem aufbauen zu müssen. Obwohl ich gerne auf die Menschen zugehe. Ich fühlte mich fremd. Es war mein grosses Glück, dass mein Talent erkannt wurde und ich so zur Leichtathletik kam.

Essen Sie jamaikanisch oder schweizerisch?
Meistens jamaikanisch. Ich möchte wissen, was in meinem Essen drin ist und verwende deshalb ausschliesslich Bio-Produkte – besonders gerne koche ich Bananen, Yamswurzeln, viel Reis, Hühnchen, Fisch, Gemüse. Mein absolutes Schweizer Lieblingsessen ist Fondue. Und ich bin ein Schoggi-Junkie. Ich weiss aber, dass ich aufpassen und mich zurückhalten muss.

An den Schweizer Meisterschaften im Zürcher Letzigrund am 21. und 22. Juli sprintet Alex Wilson zwar mit, und natürlich will er seine beiden Titel aus dem Vorjahr verteidigen. Trotzdem ist der Anlass für den 26-Jährigen nicht mehr als ein Vorgeplänkel: Richtig ernst gilt es an der WM in London von Anfang August. Dort will Wilson seine Sprintrekorde erneut knacken.

Alex Wilson ist mit ungefähr 44 Stundenkilometern unterwegs. Gegen welche Tiere hat er eine Chance? Sehen Sie selbst!

Zu Lande

Gepard

122 km/h

Windhund

110 km/h

Gazelle

90 km/h

Antilope

90 km/h

Gabelbock

85 km/h

Strauß

70 km/h

Pferd

70 km/h

Feldhase

70 km/h

Bär

50 km/h

Flusspferd

48 km/h

Afrikanischer Elefant

40 km/h

Mensch

38 km/h

Rennechse

29 km/h

Riesen-Schildkröte

0,37 km/h

Schnecke

0,027 km/h


Zu Wasser

Barrakuda

150 km/h

Schwertfisch

110 km/h

Fächerfisch

109 km/h

Seglerfisch

90 km/h

Thunfisch

85 km/h

Fliegender Fisch

75 km/h

Schwertwal

70 km/h

Delphin

70 km/h

Orka

70 km/h

Seelöwe

48 km/h

Eselpinguin

40 km/h

Lederschildkröte

38 km/h

Mensch

29 km/h

Feuerqualle

2 km/h


In der Luft - Vögel

Wanderfalke (im Sturzflug)

360 km/h

Stachelschwanzsegler

335 km/h

Mauersegler

177 km/h

Turmschwalbe

171 km/h

Kiebitz

150 km/h

Moorente

106 km/h

Brieftaube

105 km/h

Storch

45 km/h

Küstenseeschwalbe

35 km/h


In der Luft - Insekten

Libelle

57 km/h

Honigbiene

18 km/h

Stechmücke

1,4 km/h

Quelle: www.animals-planet.eu

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