Erik lernt von Mutter Brigitte, den Verkehr genau zu beobachten und zu warten, bis die Autos ganz still stehen und nur bei Grün zu gehen.

Schulanfang: Sicherheit auf dem Weg

Dieser Tage beginnt für viele Erstklässler die Schule. Wir zeigen auf, wie der Schulweg für die Kleinen sicherer wird.

Für den 6-jährigen Erik beginnt in diesen Tagen der Ernst des Lebens. Endlich kann er den Kindergarten hinter sich lassen und kommt zu den «Grossen», sprich in die erste Klasse. Darauf ist er mächtig stolz. Umso mehr, als er ja bereits ein wenig schreiben und rechnen kann. Nur, der neue Lebensabschnitt hält auch gehörige Herausforderungen bereit. Denn bevor Erik im Schulzimmer sitzt, muss er erst einmal dorthin gelangen. Und das ist nicht ganz ohne: Das Burgfelderquartier am Stadtrand von Basel hält auf dem Schulweg etliche verkehrstechnische Knacknüsse für die Kleinsten bereit: unübersichtliche Quartierstrassen, stark von Grenzgängern befahrene Ein- und Ausfallachsen in die Stadt, Fussgängerstreifen, Ampeln und auch Strassenbahnüberquerungen.
Das macht auch Brigitte Lässer Sorgen. Als Mutter macht sie sich natürlich so ihre Gedanken, wie sie erklärt: «Zwar habe ich zu Erik bereits ein grosses Vertrauen. Trotzdem, so ein Schulweg ist neu und der Verkehr im Quartier beträchtlich.» Die Sorgen sind verständlich. Denn wo Erwachsene sich problemlos im Verkehr bewegen, tun Kinder sich schwer. Schliesslich haben sie keine Erfahrung und müssen alle Verhaltensregeln, wie sie den Schulweg sicher zurücklegen können, erst einmal lernen. Kommt dazu, dass kleine Kinder eine ganz andere Wahrnehmung als Erwachsene haben. Ihre Sinne sind noch nicht so geschärft und das Einschätzungsvermögen von Distanz und Geschwindigkeit, etwa bei einem herannahenden Auto, ist noch nicht richtig ausgeprägt. Ebenso fehlt ihnen das Gefahrenbewusstsein.

Franco Castronari Verkehrspräventions-spezialist der Kantonspolizei Basel.

«Vor allem aber sind sie klein. Dadurch haben sie nicht nur eine andere Perspektive, sondern werden auch gerne übersehen», sagt Franco Castronari. Er ist Verkehrspräventionsspezialist der Kantonspolizei Basel-Stadt. Entsprechend empfiehlt er den Eltern, die sich nun mit dem Schulweg ihrer Kleinen auseinandersetzen müssen, heikle Stellen aus der Höhe ihrer Kinder zu betrachten. Sprich, auch einmal bewusst in die Hocke zu gehen. «Wir nennen das ‹Projekt 120 Zentimeter›. Das ist sehr aufschlussreich, weil man damit eine Ahnung davon bekommt, was das Kind wirklich sieht und was eben nicht», wie der Spezialist erklärt.

So sieht das Kind den Verkehr …

… und so sieht der Autofahrer diese Situation

Unfallfalle Fussgängerstreifen

Das gilt besonders bei der grössten Gefahrenstelle des Schulwegs, dem Fussgängerstreifen. Denn obschon der Streifen für Sicherheit sorgen soll, ereignen sich bei ihm die meisten Unfälle. Teilweise mit tragischen Folgen für alle Betroffenen.
Deshalb gilt nach wie vor die altbekannte Regel «Lose, Luege, Laufe» als wichtigster Sicherheitsfaktor. Sprich, den Kindern zu erklären, dass sie den Streifen erst betreten dürfen, wenn alles frei ist oder die Motorfahrzeuge angehalten haben und vollkommen zum Stillstand gekommen sind.
Allerdings gibts speziell bei den Streifen noch ein ganz anderes Problem: Längst nicht alle sind an einem idealen Ort und viele davon entsprechen auch nicht neusten Erkenntnissen der Unfallprävention. «Manche alte Streifen sind schlecht einsehbar für den motorisierten Verkehr, weil sie sich beispielsweise an einer unübersichtlichen Stelle befinden», erklärt Castronari. Das ist aber nicht alles. Oft fehlen auch bauliche Massnahmen wie etwa Mittelinseln oder Massnahmen wie gezielte Geschwindigkeitsanpassungen oder eine ausreichende Beleuchtung.

Grosser Sanierungsbedarf

Von geschätzten 50 000 Fussgängerstreifen in der Schweiz gilt laut dem Bundesamt für Unfallverhütung BfU knapp die Hälfte als nicht den aktuellen Sicherheitsnormen entsprechend und damit als sanierungsbedürftig. Gerade Fussgängerstreifen in ländlichen Regionen erweisen sich oft als unsicher.
Die Kosten, um alle Schweizer Fussgängerstreifen auf die neusten Sicherheitsstandards umzurüsten, würden rund 1,5 Milliarden Franken betragen. Das Bundesamt für Strassen Astra spricht von einem Umsetzungsproblem von Kantonen und Gemeinden bezüglich der Sicherheit von Fussgängerstreifen. Nicht wenige Gemeinden scheuen nämlich die Kosten und entfernen die Streifen lieber gerade ganz, als teure Sanierungsmassnahmen ins Auge zu fassen.

Es gibt viel zu tun: Drücken, bei Grün gehen und trotzdem auf den Lastwagen achtgeben!

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Der Kanton Bern machts vor

Dass es aber auch anders geht, zeigt exemplarisch der Kanton Bern. Dieser hat alle seine Fussgängerstreifen punkto Sicherheit überprüfen lassen und die Sanierung von rund einem Fünftel veranlasst. Die Berner Baudirektorin Barbara Egger hat dabei rund 500 Streifen priorisiert, die auf Schulwegen liegen. Damit hat sie dort den Hebel angesetzt, wo es am nötigsten ist. Denn die Sicherheit der Schulkinder ist ihr ein wichtiges Anliegen. Das kantonale Tiefbauamt arbeitet bei der Sanierung der Fussgängerstreifen eng mit den betroffenen Gemeinden zusammen. Diese verfügen oft über wichtige lokale Kenntnisse, die für die Festlegung der Art der Massnahmen unabdingbar sind. Die Erkenntnis dabei: Oftmals braucht es gar nicht aufwendige Massnahmen, um zusätzliche Sicherheit zu schaffen. «Manchmal reicht es, ein Gebüsch ein Stück zurückzuschneiden oder einen Parkplatz, der die Sicht versperrt, um ein paar Meter zu verschieben», erklärt die Baudirektorin. Mittlerweile ist mehr als die Hälfte der Fussgängerstreifen saniert und mit jeder Woche werden es einige mehr. Insgesamt investiert der Kanton Bern für die Sanierung der Fussgängerstreifen auf Schulwegen rund fünf Millionen Franken.
Ebenso hat der Kanton Zürich unter Federführung des Tiefbauamtes in Zusammenarbeit mit dem Amt für Verkehr und der Kantonspolizei Zürich das Projekt «Sichere Fussgängerstreifen auf Kantonsstrassen» aufgegleist und im Jahr 2013 alle 2226 Fussgängerstreifen im Kanton überprüft. Seither wurden 560 Fussgängerübergänge optimiert, wie Thomas Maag, Mediensprecher der Baudirektion des Kantons Zürich, erklärt: «Viele Fussgängerstreifen liessen sich mit einfachen Massnahmen sicherer machen. Zum Beispiel haben wir Signaltafeln durch hochreflektierende Pendants ersetzt oder Büsche und Sträucher zurückgeschnitten.» Damit zeigt auch Zürich, dass sich mit verhältnismässig kleinem Aufwand oft viel an Sicherheit gewinnen lässt. Wo grössere bauliche Massnahmen erforderlich sind, werden diese im Rahmen von Strassensanierungen sukzessive umgesetzt. Zudem hat der Kanton Zürich auch rund zehn Fussgängerstreifen entfernt, die ein Sicherheitsrisiko dargestellt haben, wie Thomas Maag bestätigt: «So paradox das klingen mag: Streifen am falschen Ort vermitteln eine falsche Sicherheit und sind dadurch gefährlicher als keine Streifen.»

Der beste Weg: der sicherste

Für Franco Castronari ist es deshalb auch wichtig, dass die Eltern, noch bevor sie den Schulweg mit ihren Kindern begehen, diesen erst einmal selber auskundschaften und sich dabei in die Augen der Kinder versetzen. Manche Gefahr lässt sich oft durch einen kleinen Umweg umgehen, wie der Experte erklärt: «Der sicherste Weg ist der beste, nicht der kürzeste.»
Allerdings sei es auch so, dass Kinder oft einen eigenen Weg finden, wie Castronari sagt: «Die Kleinen haben eine andere Sicht auf die Dinge. Oftmals suchen sie auch nach Abwechslung auf dem Schulweg und finden so oft Alternativen, bei denen ihnen wohler ist.»
Der Rest sind die bekannten Mittel, wie der Experte sagt: «Die Kinder müssen sich klar an die Regeln halten, gut sichtbar sein, etwa mit Leuchtstreifen ausgestattet sein. Der Rest ist Vertrauen.» Sprich, so gut die Kinder zu Beginn ihrer «Schulkarriere» begleitet werden sollten, den Schulweg sollten sie dann baldmöglichst alleine oder zusammen mit anderen Kindern gehen. Ein Sicherheitsaspekt, der nämlich nicht zu unterschätzen ist. Denn den Kindern Vertrauen zu schenken, heisst gleichzeitig, ihnen Verantwortung zu übergeben. Mitunter ist dies nämlich eine der besten Präventionsmassnahmen überhaupt.

Augen auf und Abstand halten!  

Ältere Kinder benutzen für den Schulweg oft das Velo. Auch hier ist Sicherheit oberstes Gebot.
In der Regel dürfen Kinder ab dem 5. Schuljahr den Schulweg mit dem Velo zurücklegen. Die heutige Dichte im Strassenverkehr bedeutet für Velo fahrende Kinder jedoch eine grosse Herausforderung. Deshalb sollten Kinder das Velo für den Schulweg nur benutzen, wenn sie geübt sind und sich sicher fühlen. Nebst einem strassenverkehrstauglichen Velo mit funktionierenden Bremsen und Beleuchtung ist es auch wichtig, die folgenden Sicherheitstipps für Velo fahrende Kinder, wie sie der Verband Pro Velo Schweiz empfiehlt, zu beachten.

  • Wo immer möglich mindestens 70 Zentimeter Raum für Ausweichmanöver einhalten. Distanz halten empfiehlt sich auch, weil der Belag am Rand oft schlecht ist, Schachtdeckel lauern oder vom Trottoir her Gefahren drohen.
  • Von den ausgezogenen oder unterbrochenen Leitlinien mindestens 70 Zentimeter Abstand halten. 
  • Unachtsame Autofahrende und -insassen öffnen manchmal völlig überraschend die Tür und es kommt zum Zusammenstoss.
  • Sich nie neben einen stehenden Lastwagen oder Bus stellen, wenn mit dem Fahrer kein Blickkontakt möglich ist! 
  • Vor dem Linksabbiegen immer einen Blick zurück werfen, ein gut sichtbares Handzeichen geben und rechtzeitig einspuren.
  • Blick zurück (Handzeichen, wenn nötig) und mehr Abstand vom Strassenrand, bevor man in den Kreisel fährt. Im Kreisel leicht rechts von der Spurmitte fahren und vor dem Ausfahren deutliche Handzeichen geben.
  • In der Dämmerung und nachts nur mit eingeschalteten Lichtern fahren. Dabei helle Kleider und Reflektoren an Speichen und Hosenklammern tragen.
  • Einen Helm wählen, der gut sitzt und weder Hören noch Sehen einschränkt.
  • Nie in eine Parklücke ausweichen, um anderen Fahrzeugen Platz zu machen. Das Einbiegen in die Fahrspur kommt für andere oft überraschend!
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Die Tipps für den Autofahrer

Motorisierte Verkehrsteilnehmer müssen dieser Tage mit vielen kleinen Kindern auf dem Schulweg rechnen. Darum gilt:

  • An Fussgängerstreifen immer ganz anhalten. Kinder lernen, erst zu gehen, wenn die Räder still stehen.
  • Bei Kindern am Strassenrand immer Bremsbereitschaft erstellen. Gegebenenfalls Geschwindigkeit reduzieren.
  • Sich nicht von Handys und Ähnlichem ablenken lassen.
  • Immer mit Licht fahren, Scheiben sauber halten. 
  • Bedenken Sie, dass bei nasser Witterung die Sicht eingeschränkt ist und die Bremswege länger sind.

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Mit dem vor allem in der Westschweiz populären «Pedibus» bestreiten Kinder den Schulweg in begleiteten Gruppen zu Fuss. Dabei legen die Eltern, welche die «Pedibus-Linie» betreiben, die Route, Zeit und Haltestellen fest und führen den «Pedibus» auch selber ein- bis zweimal die Woche. Die angeschlossenen Schüler werden dann bei der Haltestelle in der Nähe ihres Hauses abgeholt und in der Gruppe in die Schule und wieder zurück begleitet.

Mehr Infos, um auch eine eigene «Pedibus-Linie» zu gründen

Frage der Woche

«

Mit dem Auto in die Schule?»

In vielen Ländern werden Kinder mit dem Auto in die Schule gefahren. Bei uns wird empfohlen, den Schulweg zu Fuss zu gehen. Was ist besser? Sagen Sie uns Ihre Meinung dazu in den Kommentaren.

Stefan Fehlmann

Redaktor

Foto:
Tobias R. Dürring, Niels Ackermann/Rezo
Veröffentlicht:
Montag 15.08.2016, 16:01 Uhr

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