Schwindel

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Schneider: Fahre ich mit Schreiber durch die Berge, erzählt sie mir gerne, welche Höhen sie schon bezwungen hat, damals, bevor wir uns kannten. Es purzeln Namen wie Sulzfluh, Septimerpass, Piz Lunghin, Cavadiras-Hütte, Grosser Widderstein ... Das freut mich. Ich sehe uns zwei, da unsere Teenager-Töchter immer seltener mitkommen wollen, gemeinsam wirklich spannende Wanderungen unternehmen.

Was ich allerdings jetzt sehe, lässt mich daran zweifeln. Ich blicke auf ein Häufchen Elend kurz vor einem Weinkrampf, das jeden Schritt mehrmals überprüft, sich an Felsen klammert, keucht, schwitzt und zwischendurch ruft: «Ich schaff das nicht.»

«

Sie ist ein Häufchen Elend.»

Das, was wir grad nicht schaffen, ist eine zweistündige, also lockere Wanderung vom Splügenpass nach Monte Spluga, gut markiert, ein paar Seen und eine halbsteile Geröllhalde. Aber Schreiber sieht überall Abgründe. Sie lehnt an einem Felsen und flüstert: «Ich bin total unterzuckert.»

Eine Toblerone später wird mir klar, dass ich nach bald zwanzig Jahren eine völlig neue Frau kennenlerne, die mit zitternden Beinen durchs Gebirge gelotst werden muss. Sie sieht es offenbar auch so, denn sie meint: «Ist das nicht toll, dass ich immer wieder für eine Überraschung gut bin?»

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Schreiber: Dass ich nicht schwindelfrei bin, hatte ich Schneider öfter mal erzählt. Dass er sich darunter nichts vorstellen kann, erlebe ich soeben live. Der Boden schwankt, die Berge wackeln, meine Beine schlottern, alles kreiselt. Schneider lehnt ein paar Meter weiter oben im Fels und sagt: «Halt dich einfach fest, es kann nichts passieren.»

Es kann allerhand passieren, denke ich und überlege, ob ich Mitglied bei der Rega bin. Als ich an einem schmalen Grat nicht mehr weiterkomme, denn der Schlund zwischen zwei Brocken ist abgrundtief, reicht mir Schneider seine Hand. Er deutet auf einen Fels vor mir: «So, und jetzt den rechten Fuss aufsetzen, dann den linken dorthin und nun zieh ich dich rüber.»

«

Bin ich eigentlich Mitglied bei der Rega?»

Dank ihm schaffe ich den Spalt, der überwunden nur noch halb so tief aussieht. Ich muss mich setzen, brauche Zucker, Schneider zückt Schokolade, meint, dass ich das gut mache. Seine Aufmunterung beflügelt mich. Ich fühle mich sicherer. Ich werde nicht abstürzen und brauche keinen Helikopter! Dank meinem Bergführer Schneider!

Gemeinsam können wir in Zukunft noch viel mehr wandern und Gipfel erobern. Toll!

Er sieht das offenbar anders, denn er brummt: «Vielleicht wäre Golfen eher was für dich.»

Die Kolumnisten live mit ihrem Programm «Mein Leben als Paar»: 14. September Romanshorn TG; 15. September Staufen AG, 21, September Dinnerlesung in Aeschi BE. Infos auf der Website von Schreiber und Schneider.

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Heiner H. Schmitt
Veröffentlicht:
Montag 04.09.2017, 14:52 Uhr

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