Sébastien Buemi hat Spass an der Formel E: «Sie ist familientauglicher als die Formel 1.»

Sébastien Buemi: «Den Lärm vermisse ich nicht»

Sébastien Buemi erklärt vor dem Formel-E-Rennen in Zürich, wie viel in dieser Rennserie vom Auto und wie viel vom Fahrer abhängt.

63 Jahre lang waren Auto-Rundstreckenrennen in der Schweiz verboten. Anlass für das Verbot war der Unfall am 24-Stunden-Rennen von Le Mans, bei dem 84 Menschen ums Leben kamen – das schlimmste Unglück in der Geschichte des Motorsports. Der Bundesrat lockerte die Bestimmung 2015, aber nur für Elektroautos. Am 10. Juni ist es nun so weit: Die Fahrer der Formel E werden mit Tempi von bis zu 240 Stundenkilometern und praktisch lautlos auf einem 2,46 Kilometer langen Rundkurs durch Zürich kurven.

Das Schweizer Aushängeschild ist Sébastien Buemi. Der 29-jährige Romand, der ebenfalls in der Formel 1 mitfuhr, wurde 2016 in der Elektroauto-Rennserie schon Weltmeister. Das Interview wurde telefonisch geführt.

Sébastien Buemi, wo erreiche ich Sie gerade?
Im Parking des Flughafens Genf. Von dort fliege ich weiter nach Berlin. Gleich gehts zum Check-in.

Bei unserer Anfrage nach einem Interview wurde schnell klar: Sie sind derzeit total ausgelastet. Ist das gut, wenn man so unter Strom E-Rennen fährt?
Schönes Wortspiel! (Lacht.) Es ist in Ordnung so, wie es ist. Die Formel E gibt halt viel zu tun, nebst den zwölf Rennen sind wir oft am Testen. Zudem bin ich weiterhin im Formel-1-Simulator von Red Bull mit dabei, das ist mir auch sehr wichtig. Vor den Rennen versuche ich frühzeitig anzureisen, um möglichst alles stressfrei anzugehen. Das funktioniert. Im Rennen kann ich mich ganz auf die Strecke konzentrieren.

Welche Eigenschaften muss ein guter Rennfahrer haben?
Ohne Talent geht nichts, aber Talent allein genügt nicht. Man muss hart arbeiten. Dazu gehört auch, die Fitness zu trimmen. Es wird oft unterschätzt, wie wichtig die Physis ist. Ein Fahrer, der Erfolg haben will, muss sich um viele Details kümmern, die den Unterschied ausmachen. Die Spitze im Rennsport ist viel breiter geworden, als sie es vor 20, 30 Jahren war. Und man muss von diesem Sport angefressen sein.


Vorschau aufs Rennen: Sébastien Buemi am 20. April vor dem Zürcher HB.

Kamen Sie mit Benzin im Blut zur Welt?
Mein Vater hat das Interesse für Autorennen tatsächlich früh geweckt. Ich glaube, ich interessiere mich, seit ich vier Jahre alt bin, für diesen Sport. Ich könnte mir ein Leben ohne Autorennen nicht vorstellen.

Was ist bei E-Rennen wichtiger: das Auto oder der Fahrer?
Ein guter Fahrer. Weil wir in den Städten fahren, sind wir noch mehr gefordert: Es gibt Wellen, Mauern, viele Kurven. Und das Qualifying besteht aus einer einzigen Runde. Da nützt dir das beste Auto nichts, wenn du einen Fehler machst. Auch findet alles am gleichen Tag statt, Qualifying und Rennen. Das fordert den Fahrer noch mehr, ebenso die Tatsache, dass wir mit Strassenreifen unterwegs sind, die weniger Grip haben. Man muss höllisch aufpassen, dass der Wagen nicht ins Rutschen kommt. In der Formel 1 ist das Auto wichtiger.

Was heisst das in Prozent?
In der Formel 1 hängt der Erfolg 80 Prozent vom Auto ab und bloss 20 Prozent vom Fahrer. Ein Lewis Hamilton würde in einem Sauber-Boliden kein einziges Rennen gewinnen. In der Formel E hingegen ist es ausgeglichen, also fifty-fifty.


Dann können Sie sich auf Ihren WM-Titel in der Formel E etwas einbilden.
Dieser Titel war eine schöne Sache, die aber nicht einmalig bleiben darf. Das wäre zu wenig. Ich möchte nochmals in der Gesamtwertung siegen.

In dieser Saison läuft es aber nicht mehr so gut. Warum?
Nächstes Jahr wird es während des Rennens keinen Autowechsel mehr geben. Darauf stellen wir uns ein – mit einem ganz neuen Auto. Wir haben also mehr in die kommende Saison investiert und ein bisschen weniger in diese. Weil sich gleichzeitig die anderen Teams gesteigert haben, sind wir nicht mehr ganz vorne. Das hatten wir so nicht erwartet.

Was gefällt Ihnen an der Formel E besser als an der Formel 1?
Sie ist familientauglicher. Der Motorenlärm in der Formel 1 ist gewaltig. Da haben kleine Kinder an der Strecke nichts verloren. Bei der Formel E ist das anders. Den ganzen Lärm und Gestank der Formel 1 vermisse ich kein bisschen.

«

Der Umweltschutz wird bei der Formel E hochgehalten.»

Sebastien Buemi, 29

Wie gefährlich sind denn die E-Rennen?
Natürlich muss man aufpassen, aber wirklich schwere Unfälle gabs bisher keine. Nächste Saison könnte sich das Risiko erhöhen, weil die Autos noch schneller sind. Aber wirklich dramatisch gefährlicher wird es nicht werden.

Sie fuhren 55 Rennen in der Formel 1, der Königsklasse des Rennsports. Sind Sie wirklich glücklich in der Formel E?
Ja. Was nicht bedeutet, dass ich ein gutes Angebot aus der Formel 1 nicht ernsthaft prüfen würde. Aber es müsste schon einiges stimmen. Nur damit ich ein paar Rennen mehr auf dem Konto habe, wechsle ich nicht.

Aber die Formel 1 ist wie die Champions League, die Formel E die Challenge League.
Zurzeit sind wir noch klein, die grossen Gelder stecken alle noch in der Formel 1. Das wird sicher noch eine Weile der Fall sein. Aber unsere Rennserie befindet sich stark im Aufwind. Das macht Mut. Und wir haben unschlagbare Argumente für uns.


Nämlich?
Was in der Formel 1 an den Fahrzeugen entwickelt wird, hat mit dem normalen Alltag eines Autofahrers nichts zu tun: Diese Boliden sind sehr speziell: Denken Sie nur an die Frontflügel! Ein Formel-1-Wagen kann unmöglich auf der Strasse zum Einsatz kommen. Ganz anders bei der Formel E: Hier gibt es einen direkten Nutzen. Unsere Ingenieure feilen an Lösungen, die auch bei den normalen Strassenautos anwendbar sind. Was auch wichtig ist: Der Umweltschutz wird bei der Formel E hochgehalten.

Sind Sie für oder gegen Atomstrom?
Ich glaube, dass man Atomkraftwerke noch eine Weile lang braucht. Längerfristig sollte diese Art von Energie jedoch immer weniger genutzt und lieber auf Wasser, Sonne oder Wind gesetzt werden.

Fahren Sie privat mit einem Elektroauto?
Nein, ich verwende ein Hybridauto. Ich muss auf der Strasse grosse Distanzen zurücklegen. Dafür eignet sich ein Elektroauto noch nicht so.


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