Serienfieber

Er: Früher wars in unserem TV-freien Zuhause anders. Da redeten und lasen Schreiber und ich abends im Bett. Sie spottete über meine Lesebrille, ich über ihre literarische Lektüre, die sie eisern las, ohne dass es ihr Freude machte. Ich rezitierte aus Spass Sätze aus ihrem Buch, sie lachte. Oder wir schwärmten uns von unsern Kindern vor und manchmal wurde aus unserem unterhaltsamen Bettgespräch eine sinnliche Begegnung.

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Wäre ich wie er, sie würde mich sofort verlassen.»

So viel Idylle ist zu kitschig für die Ewigkeit, und wie immer folgt auf Sonnenschein auch mal Regen, beziehungstechnisch gesprochen: eine Krise. Diese manifestiert sich darin, dass Schreiber neuestens auf einen jungen Türken mit Sixpack steht, der eigentlich Tunesier mit österreichischer Staatsbürgerschaft ist. Und dieser ist nicht nur frauenfeindlich und primitiv, sondern auch nicht der Gescheiteste. Würde ich nur eine einzige Sekunde so sein wie er, würde mich Schreiber auf der Stelle verlassen. Aber Cem, so heisst er, darf Macho sein. Obwohl, oder vielleicht gerade deshalb, weil es ihn nicht in echt gibt, sondern weil er in der TV-Serie «Türkisch für Anfänger» eine Hauptrolle spielt. Schreiber ist ihm verfallen. Und mir, mir bleibt bloss noch eine Nebenrolle.

Sie: Mit reichlicher Verspätung haben wir Fernsehserien entdeckt, bequem auf DVD fürs Sofakino daheim. Endlich verstehe ich Bekannte, die ihre Beziehung aufs Spiel setzen und nächtelang komplette Staffeln schauen. Ich bin zwar Spätzünderin, aber umso faszinierter. Rein zufällig habe ich nämlich «Türkisch für Anfänger» in unserer Bibliothek ausgeliehen: uralt, saugut, und politisch unkorrekt. Herrlich! Die deutsche Mutter ist eine verdrehte Emanze, Tochter Yagmur eine islamische Fundamentalistin, der türkische Vater ein deutscher Spiesser und Sohn Cem ist ein Macker mit Muckis, sieht temperamentvoll aus und wäre im richtigen Leben eine Zumutung.

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Im richtigen Leben wäre er eine Zumutung.»

In der Serie jedoch finde ich ihn umwerfend. Schneider nicht: «Dein Männerbild erscheint mir auf einmal sehr rückständig.» Er will ausgerechnet jetzt reden, als ich die DVD reinschiebe und mich auf drei Folgen Cem freue. «Können wir das morgen besprechen?», schlage ich vor. «Du findest das nicht in wirklich toll, oder, so viel Muskel- statt Hirnmasse?», fragt Schneider. Ich blicke ihn an: etwas Bauch, wenig Haare, viele Muskeln. Er gefällt mir. Sehr sogar. Aber trotzdem macht es Spass, mal etwas anderem als der Realität ins Auge zu sehen.

 (Coopzeitung Nr. 12/2015) 

Ist Schwärmerei für Kunstfiguren in Ordnung? Oder ist es gefährlich?

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Die Kolumnisten live mit ihrem Programm «Spesen einer Ehe»: 19. März in Baar; 20. März in Herzogenbuchsee. www.schreiber-schneider.ch

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Heiner H. Schmitt
Veröffentlicht:
Montag 16.03.2015, 00:00 Uhr

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