Sextest

Schreiber: Ich habe Schneider, der morgens bereits im Dunkeln vor der Arbeit mit dem Hund loszieht, ein Thermo-Merinowolle-Teil geschenkt. Höllisch teuer und wollig gut. Für meinen Schneider eben nur das Beste!

Nach seinem Waldgang treffen wir uns zum Morgenkaffee in der Küche, er mit frischen Wangen und in besagtem Wollhemd. Ich umarme ihn, da blitzt an seinem Rücken durchs zarte Gewebe nackte Haut vor. Ein Loch! Hinten in der Mitte, unterhalb vom Nacken. Etwa vier Zentimeter lang, der Stoff zerfetzt. Ritschratschfutsch.

«

Ich zeig ihm, wies geht: nicht ziehen, nicht zerren.»

Da er wohl kaum eine wilde Begegnung im Wald hatte, muss der Schranz eine andere Ursache haben. Ich löse mich aus Schneiders Armen, nehme die Wollwunde unter die Lupe und weiss genau, wie das passiert ist.

Schneider reisst sich beim Ausziehen das Hemd jeweils von hinten mit beiden Händen über den Kopf, zerrt am Ausschnitt und zwängt seinen Schädel durch. Eine bescheuerte Art, sich der Kleidung zu entledigen. Richtig wäre: Von vorne mit gekreuzten Armen den Pullover am Bund greifen und sachte über das Gesicht und den Kopf schieben. Nicht ziehen. Nicht zerren. Schieben! Ich zeige ihm meine Technik. Er grinst und sagt: «Ich tu’ vieles für dich, aber so weit gehe ich nicht!»

Schneider:  Schreiber zieht ihr T-Shirt aus. Mit klarer Absicht: Ich soll lernen, wie man das macht …

Ha! Als ob ich das nicht wüsste. Ich beherrsche das Ablegen textiler Oberteile seit Jahrzehnten. Aber eins ist sicher: nicht auf diese Weise. So wie sich Schreiber das T-Shirt auszieht, tun es nur Frauen. Sieht zwar sexy aus, wenn sie mit gekreuzten Armen den Stoff über ihre Taille nach oben streift, aber Männer machen das so: Sie greifen beidhändig vorne am Ausschnitt und ziehen diesen nach oben, packen dann hinten am Kragen an und, schwupp, rutscht das Teil über den Skalp. Einfach, schnell, praktisch.

«Es gibt eben Kleidungsstücke», erklärt Schreiber schulmeisterlich, «die man zart behandeln muss. Die gehen sonst kaputt.»

«

Eins ist sicher: So mach ich das nicht!»

Kaputt? Natürlich habe ich das Loch gesehen, aber erstens dachte ich, dass es der Belüftung diente, und zweitens schien mir das Leibchen sowieso ein Billigteil zu sein, so dünn wie es ist.

«Du weisst schon, dass das Pulliausziehen eine Art Sextest ist, oder?» erkläre ich. «Das war mal Thema eines ‹Tatorts›. Darin entlarvte sich ein vermeintlicher Mann, weil er den Pulli wie eine Frau auszog. Verstehst du?»

«Was soll ich verstehen?»

«Dass ich ein richtiger Mann bin!»

 (Coopzeitung Nr. 45/2016) 

Die Kolumnisten live mit ihrem Programm «Spesen einer Ehe»: 17. November Dinnerlesung in Aeschi SO, Gasthof Kreuz; 25. November Langenthal.

Mehr zu den Kolumnisten unter: www.schreiber-schneider.ch

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Heiner H. Schmitt
Veröffentlicht:
Montag 07.11.2016, 09:39 Uhr

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