Siehste!

Schreiber: Warum gibt es kein Schulfach «Richtig streiten»? Das wäre genauso ein wichtiges Fach wie: «Was ist Liebe». Oder: «Vernünftig essen». Schneider und ich haben nämlich Zoff, und zwar wegen dem Essen. Genauer: Weil ich auf unserem mehrstündigen Sonntagswaldspaziergang in einer Pause eine Tüte aus dem Rucksack geholt habe und Chips an die Kinder verteilte. «Warum nicht einen Apfel?», moserte er und setzte sich ein paar Meter entfernt hin. Jetzt schmollt er. Unsere Grössere kommt zu mir, umarmt mich und fragt, was denn los sei.

«

Erst moserte er rum. Jetzt schmollt er.»

«Ach», seufze ich, «Ärger wegen Kleinkram. Das dauert jetzt ein Weilchen und dann wirds schon wieder gut. Aber, meine Liebe, lass dir eines sagen, wenn du dir mal einen Freund suchst, dann nimm einen, der sich selbst nicht zu wichtig nimmt. Der auch mal sagen kann: Tut mir leid. Einen, der im richtigen Moment lächelt.» Ich blicke zu Schneider. Er sitzt auf einem Baumstrunk und – ich traue meinen Augen kaum – er lächelt mir zu. Als hätte er gehört, was ich gerade gesagt habe. Ich knuffe meine Tochter: «Zum Glück hab ich genau diesen Mann gefunden.» Dann marschiere ich zu Schneider, umarme ihn und sage: «Danke, dass du gelächelt hast. Ist doch alles halb so wild, gell!»

Schneider: Was soll das! Im Wald Chips verteilen! Wir machen keine Party, sondern eine Wanderung. Und wenn überhaupt: Dann gibts Chips zum Abschluss einer anstrengenden Bergtour, aber nicht nach einer halben Stunde spazieren! Das nervt! Ich sehe, dass unsere Kinder sich sorgen, weil wir streiten. Ist nicht lustig. Muss aber sein. Ich hab nämlich keine Lust, gute Miene zu machen, wenn Schreiber etwas tut, von dem sie genau weiss, dass es mich ärgert. Mürrisch schaue ich in die Welt hi-naus und verziehe den Mund, während sie genüsslich Chips kaut. Dann kommt sie rasch auf mich zu.

«

Ich bin sauer und sie macht einen auf süss.»

Hä? Eine Standpauke? Einsicht? Sie umarmt mich. Wie denn das? Ich bin sauer und sie macht einen auf süss. Da flüstert sie mir ins Ohr: «Danke, dass du gelächelt hast.» Ich? Gelächelt? Jetzt strahlt sie mich sogar an: «Bin ich froh, dass wir keine dicke Luft mehr haben!» Ach, haben wir nicht mehr? Interessant. Ihr Blick ist sanft und freundlich: «Frieden?» Jetzt ist mir alles klar! Es hat durchaus Vorteile, dass Schreiber kurzsichtig ist: Sie hat mein grimmiges Zähnefletschen als mildes Lächeln wahrgenommen. Das ist meine Chance. Ich sage versöhnlich: «Ach, ich hab’ dir doch schon längst verziehen.»

 (Coopzeitung Nr. 46/2014)

Die Kolumnisten live: 14. November Kaltbrunn; 15. November Niederlenz. www.schreiber-schneider.ch

Wann ist der richtige Zeitpunkt, um zu verzeihen?

Schreiber und Schneider debattieren heftig darüber. Ein Kompromiss scheint weit weg zu sein.
Stimmen Sie hier ab, wer recht hat.

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Ferdinando Godenzi
Veröffentlicht:
Montag 10.11.2014, 16:09 Uhr

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