Silvia Aeschbach: «Ich glaubte, zu sterben»

Die Journalistin Silvia Aeschbach (53) spricht im Buch «Leonardo DiCaprio trifft keine Schuld» über ihre Panikattacken und bricht damit ein Tabu.

Coopzeitung:  Haben Sie keine Angst, Ihre Panikattacken durch Ihr Buch plötzlich öffentlich zu machen?
Silvia Aeschbach:  Ich überlegte mir natürlich schon vor dem Schreiben, wie weit ich gehen will. Ich erzähle viele persönliche Sachen, teil-weise sind sie jedoch verfremdet, um mich und andere Beteiligte zu schützen. Und um dieses Tabu endlich brechen zu können. Wäh-rend man über Burn-out reden darf, weil es daher rührt, dass man zu viel gearbeitet hat, trauen sich viele Menschen nicht, zu ihren Panikattacken zu stehen.

Warum nun dieses Buch?
Nachdem ich vor zwei Jahren für die «Sonntagszeitung» einen Artikel zum Thema recherchiert hatte und die Betroffenen alle anonym bleiben wollten, begann ich mir Gedanken zu machen. Ich wollte aber kein rein medizinisches oder Mitleid erweckendes Buch schrei-ben. Es sollte widerspiegeln, wie ich bin und was ich er-lebt habe. Und natürlich auch Hilfe zur Selbsthilfe geben. Neben einschneidenden Erfahrungen wollte ich auch komische, skurrile Erlebnisse schildern. Schliesslich geht es darum, sich von den Panikattacken nicht unterkriegen zu lassen und das Lachen nicht zu verlernen.

Wie oft durchleben Sie heute noch Panikattacken?
Vielleicht noch eine oder zwei pro Jahr, und sie kommen nicht mehr aus heiterem Himmel, sondern, wenn ich mich in einer Situation stark überfordert fühle, etwa bei Schreckensnachrichten.

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Ich schaute in den Himmel und bekam plötzlich Todesangst.»

Silvia Aeschbach in ihrer neuen Altbauwohnung in Zürich: «Sie gibt mir Geborgenheit. Ich liebe den Mix von Neuem und Altem.»

Silvia Aeschbach in ihrer neuen Altbauwohnung in Zürich: «Sie gibt mir Geborgenheit. Ich liebe den Mix von Neuem und Altem.»
Silvia Aeschbach in ihrer neuen Altbauwohnung in Zürich: «Sie gibt mir Geborgenheit. Ich liebe den Mix von Neuem und Altem.»

Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre erste Attacke?
Ich war 17 und das erste Mal ohne meine Eltern in den Ferien. Ich hatte am Vor-abend meinen Kopf bei einer Höhlenwanderung angeschlagen, dem aber keinerlei Bedeutung beigemessen. Am nächsten Tag legte ich mich in die Sonne, schaute an den Himmel – und bekam plötzlich Todesangst. Die Gastfamilie hielt es für einen Kreislaufzusammenbruch oder einen Sonnenstich. Erst, nachdem ich von meiner Gastmutter eine Schlaftablette und einen Schluck Wein erhalten hatte, war der Spuk innert fünf Minuten vorbei, und ich machte mir darüber keine grossen Gedanken mehr.

Wann haben Sie etwas dagegen unternommen?
Nach den Ferien fühlte ich mich in meiner Klasse so eingeengt, dass ich während der Schulstunden Panik bekam und aus dem Zimmer flüchtete – oder gar nicht mehr in die Schule ging. Darauf begannen die Abklärungen.

Welches sind die Symptome einer Panikattacke?
Es ist ein massiver psychischer und körperlicher Stress. Anders als die normale Angst kommt die Panik nicht schleichend, sondern wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Die Symptome sind schwere Übelkeit, Herzrasen, Schwindel oder das Gefühl, ohnmächtig zu werden. Man kann nicht mehr klar denken, ist darin so gefangen, dass man einfach nur noch aus dieser Situation flüchten will – Adrenalin hoch hundert! Bei Panik ist alles im Aufruhr: Körper, Geist und Seele. Ich glaubte, zu sterben.

Stimmt es, dass Panikattacken keine akute Lebensbedrohung darstellen?
Wenn jemand sonst gesund ist, schaden sie dem Körper nicht. Klar, der Blutdruck sollte nicht immer bei 180 liegen, aber einen Herzinfarkt bekommt man nicht. Die Panik kann einen jedoch verleiten, etwas Gefährliches zu tun. Zum Beispiel Türen in einem fahrenden Zug aufzureissen. Oder im Flugzeug fast durchzudrehen. Bei mir selbst war das nie der Fall. Ich konnte meine Panik immer so kaschieren, dass sie meistens niemand bemerkte. Es war ein Kampf, der im Innern tobte.

Haben die Panikattacken Ihre journalistische Karriere gehemmt?
Eher im Gegenteil. Meine Strategie im Beruf war, alles, vor dem ich Angst hatte, erst recht zu tun. Die grösste Überwindung kostete es mich, beim Tagesfernsehen live zu moderieren. Ich wusste, dass Zehntausende Zeugen würden, wenn ich eine Panikattacke hätte. Aber ich habe diese Herausforderung angenommen und wurde letztlich belohnt, da ich seltsamerweise bei der Arbeit immer am we-nigsten Panikattacken hatte.

Bei Leonardo DiCaprio sind Sie trotzdem schwach geworden. Wie kam es dazu?
Nachdem wir Journalisten schon sehr lange in einem kleinen, stickigen Hotelzimmer auf unser Roundtable-Interview mit ihm gewartet hatten, hatte ich kurz nach seinem Eintreffen am Tisch eine Panikattacke und verlor für ein paar Sekunden das Bewusstsein. Leo bemerkte es und erkundigte sich sehr nett, wie es mir gehe.

Wie konnten Sie die «Panikattacken» reduzieren?
Nach den ersten 15 Jahren ohne Diagnose, in denen es immer geheissen hatte, ich sei halt sehr sensibel, habe schlechte Nerven und sei wie meine Mutter, von der ich tatsächlich eine gewisse Disposition geerbt habe, probierte ich in den 90er-Jahren alle möglichen Sachen aus; aber eine psychoanalytische Gesprächstherapie und niedrig dosierte Antidepressiva haben mir am meisten geholfen.

Sie sind gerade innerhalb von Zürich umgezogen. Weshalb haben Sie sich diesen Stress angetan?
Weil wir unsere Traumwohnung gefunden haben. Da mussten wir einfach zugreifen!

Wie sieht die bei einer Lifestyle-Journalistin aus?
Ich mag Altbauwohnungen, weil sie mir Geborgenheit geben. Die Einrichtung ist ein Mix von Bauhaus und Bohemia. Strenge Linien treffen auf Verspieltheit. Ich liebe den Mix von Neuem und Altem.

Silvia Aeschbach

Geboren: 2. Juli 1960 in Basel
Beruf: Journalistin
Zivilstand: in einer langjährigen Beziehung
Wohnort: Zürich
Laufbahn: Silvia Aeschbach arbeitete als Redaktorin bei einem Lokalradio, bei der «annabelle» und beim Schweizer Fernsehen, wo sie auch moderierte. Sie war Ressortleiterin bei «Facts» und Chefredaktorin beim Frauenmagazin «Meyers». Heute ist sie Redaktorin der «Sonntagszeitung» und macht das Lifestyle-Magazin «encore!».
Aktuell: Am Freitag, 9. Mai, erscheint «Leonardo DiCaprio trifft keine Schuld». Erhältlich im Buchhandel.

Welches Buch liegt grad auf Ihrem Nachttisch?
Ein Krimi von Harlan Coben: «Ich finde dich»

Welches ist Ihr Lieblings-Romanheld?
Pippi Langstrumpf. Sie macht sich die Welt, wie sie ihr gefällt.

Und welche Vorbilder haben Sie in der Wirklichkeit?
Leute, die nicht nur reden, sondern machen. Und solche die Freiwilligenarbeit leisten.

Welchen Film haben Sie zuletzt gesehen?
«Crazy Stupid Love».

Und welchen Film würden Sie gerne wieder einmal sehen?
«East of Eden» mit James Dean.

Ihr Lieblings-Filmheld?
Ryan Gosling.

Was für Musik hören Sie gerade?
The Bianca Story, eine tolle Band aus Basel.

Welche CD würden Sie auf die einsame Insel mitnehmen?
Portishead: «Dummy».

Mit welchem Musiker würden Sie gerne einmal einen trinken?
Udo Lindenberg.

Was kochen Sie selbst?
Rührei.

Ihre Lieblingsspeise?
Ich habe so viele Lieblingsspeisen und liebe praktisch alles, was mein Mann für mich kocht.

Ihr Lieblingsgetränk?
Kaffee mit einem Sprutz Milch.

Mit wem essen Sie am liebsten?
Mit meinem Mann und mit meinen Freunden.

Und wo essen Sie am liebsten?
Zuhause.

Mac oder PC?
Mac.

Auto oder Zug?
Auto.

Wein oder Bier?
Weder noch. Leider bin ich auf allergisch auf das Sulfit in Weinen.

Pasta oder Fondue?
Beides.

Joggen oder Walken?
Weder noch - Spazieren!

Berge oder Meer?
Meer.

Wann haben Sie zuletzt geweint?
Letzte Woche.

Wie bringt man Sie zum Lachen?
Mit trockenem Humor.

Welches Tier wären Sie am liebsten?
Meine Hunde.

Wovon träumen Sie?
Meistens grosses Kino.

Was ist für Sie das grösste Glück?
Liebe in allen Variationen.

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Text: Reinhold Hönle

Foto:
Christoph Kaminski
Veröffentlicht:
Montag 05.05.2014, 20:14 Uhr

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