Silvia Aeschbach, Buchautorin und Journalistin

Silvia Aeschbach: Die dünne Haut

Wir man mit dem Alter dünnhäutiger? Kann man diesen Prozess aufhalten?

In den letzten Monaten frage ich mich immer öfter: Ist meine Haut dünner geworden oder gibt es tatsächlich mehr Elend auf der Welt? Wenn es nach wissenschaftlichen Untersuchungen geht, ist mein Empfinden subjektiv. Das Leid hat nicht zugenommen, aber durch die sozialen Medien ist es in unserer Wahrnehmung nähergerückt.

Diese logische Erklärung kann ich akzeptieren. Doch wenn es um meine Empfindungen geht, ist es (leider) so, dass ich dünnhäutiger geworden bin. Eigentlich müsste man ja meinen, dass mit zunehmendem Alter genau das Gegenteil geschieht: Man hat viel erlebt, erfahren und gesehen und so mit der Zeit eine gesunde Distanz zu seiner Umgebung entwickelt. Oder so, wie es uns früher von älteren Menschen prophezeit wurde: «Werde nur mal erwachsen, und du wirst lernen, alles aus einer anderen Perspektive zu sehen!»

Meine Perspektive hat sich insofern verändert, als es mir immer schwerer fällt, Schlimmes auszublenden. Und ich frage mich, wie es andere Menschen machen, wenn sie beispielsweise Bilder von Kindern im syrischen Bürgerkrieg sehen.

Manchmal muss ich mich wirklich zusammennehmen, damit ich mich bewusst von traurigen Bildern und Gedanken lösen kann. So wie kürzlich, als ich beruflich in London war. Die freie Zeit wollte ich für einen Shoppingbummel im traditionsreichen Warenhaus Liberty nutzen. Auf dem Weg dorthin fiel mein Blick auf einen Mann in schmutziger Kleidung, der an eine Mauer lehnte – und bettelte. Ein nicht ungewohnter Anblick in einer Grossstadt. Neben dem alten Mann lag, in eine warme Wolldecke gehüllt, ein grosser, brauner Mischlingshund, dessen gepflegtes Fell sich augenfällig von der struppigen Mähne seines Besitzers abhob. Zynisch könnte man jetzt sagen: Ein klassischer Fall, der Penner schaut besser zu seinem geliebten Freund als zu sich.

Ich will nicht pathetisch sein, aber der Nachmittag war für mich gelaufen. Auch die Note, die ich dem Mann zusteckte, half nicht, mich besser zu fühlen. Es war doch nur ein Tropfen auf den heissen Stein.

Und ich fragte mich (leicht hysterisch): Wird das jetzt immer schlimmer mit meiner Dünnhäutigkeit? Werde ich mir einen Kokon spinnen müssen, um mich vor all dem Schweren zu schützen?

Ich habe eine gute Freundin, die es genau so macht. Sie schafft es, vieles auszublenden, das auf der Welt geschieht, und konzentriert sich einfach auf jene Dinge, die ihr ein gutes Gefühl geben: anspruchslose Filme, unterhaltende Bücher, unkomplizierte Menschen. Und sie lebt gut damit.

Das ist nicht mein Weg. Ich denke mir, dass es Zeit wird, erwachsen zu werden und der Realität ins Auge zu schauen. Auch wenn es schmerzhaft ist, diese auszuhalten. Es ist besser, immer wieder mal den heissen Stein mit einem oder zwei Tropfen abzukühlen. Auch wenn dies auf den ersten Blick sinnlos scheint.

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Text:
Silvia Aeschbach
Foto:
Heiner H. Schmitt
Veröffentlicht:
Montag 14.05.2018, 09:00 Uhr

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