So schmeckt ewiges Leben

Er: Ich sitze mit Schreiber und unseren Töchtern am uralten Holztisch in der kleinen Küche meiner Schwiegermutter. Sie lebt seit 30 Jahren im grünen Herz Italiens. Und wie überall in Italien ist das Essen auch in Umbrien wichtig. Fast schon ein Lebensinhalt. Meine Verwandten im Friaul reden eigentlich immer übers Essen, auch meine deutsche Schwiegermutter tut das – jedoch nicht in dem Sinn, der mir lieb wäre: Denn meine Schwiegermutter ist Vegetarierin. Dagegen habe ich nichts. Doch sie verzichtet nicht nur auf Fleisch, sondern auch sonst auf vieles, das mir köstlich schmeckt. Die dottori haben ihr gesagt, was für eine bessere Gesundheit und ein langes Leben richtig ist: weder Zucker noch Butter, kein Käse, keine Lasagne, keine Pizza, kein Wein, Kaffee ja, sofern er aus Getreide ist.

 
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Sie verzichtet auf alles, was ich gerne mag.»

Das alles ginge ja noch, würde meine Schwiegermutter nicht darauf bestehen, dass wir alle dieselbe Diät wie sie halten, wenn wir bei ihr sind. «Schmeckt es dir?», fragt sie mich. Ich blicke auf mein zweifellos gesundes Essen: Linsen, Dinkel, Kichererbsen, Tofu. Daneben ein Glas stilles Wasser.
«Ganz lecker», sage ich, auch wenn es weit entfernt von einer italienischen Genussreise liegt.

Sie: «Das halte ich nicht länger aus!», sagt Schneider. Armer Tropf. Am dritten Tag kommt jeweils die Krise. Ich kann ihn verstehen. Da fahren wir neun Stunden in den Süden, und er, mein Halbitaliener, der die Mittelmeerküche so liebt, bekommt von meiner Mutter nur gesunde, deutsch angehauchte Vollwert-Küche vorgesetzt.

Weil Schneider respektvoll sein will, trinkt er keinen Wein, verzichtet auf ossobucchi und costine und beklagt sich nicht. Zumindest nicht vor dem dritten Tag.

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Immer am dritten Tag bekommt er die Krise.»

«Für heute Abend meldest du mich bei deiner Mutter ab. Ich gehe ins Dorf!»
«Das könnte sie empfinden.»
«Mir egal. Ich habe den Dinkel bis hier», erklärt er und hält sich die Hand waagerecht unters Kinn. «Ich gehe ins Restaurant, bestelle mir frittierte olive ascolane, dann eine panzanella, danach pappardelle al cinghiale und zum Schluss ein Wildschweinragout! Dazu trinke ich eine Flasche rosso bastardo!»
Ich seufze. Einerseits, weil ich meine Mutter nicht vor den Kopf stossen will, andererseits weil ich selber so richtig Lust auf ein italienisches Abendessen habe! Vorsichtig erkläre ich später meiner Mutter, dass wir eventuell gerne mal im Ort essen würden. Sie strahlt mich an: «Tolle Idee, ich komme mit.»

 (Coopzeitung Nr. 31/2016) 

Mehr zu den Kolumnisten unter: www.schreiber-schneider.ch

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Heiner H. Schmitt
Veröffentlicht:
Montag 01.08.2016, 10:00 Uhr

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