Solidarität in der Provinz

Sie: Die Idee, diesmal in der Schweiz Silvester zu feiern, passt mir! Mich beunruhigt aber, mit welcher Begeisterung Schneider die Party für meine Verwandten plant. Denn Silvester hat für mich einen Haken: Mitternacht. Dieser Zwang, wach und lustig zu bleiben – mühsam! Ich bin der Typ, der bis 22 Uhr ausgiebig feiert und dann gepflegt ins Bett kippt. In München konnte ich das natürlich nie. Trotz tollem Programm kämpfte ich gegen Müdigkeitsattacken. Drei Kracher nach Mitternacht war ich dann aber in den Federn. Doch heuer feiern wir bei uns! Wozu sich also quälen?

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Dieser Zwang, wach und lustig zu bleiben.»

«In München hast du auch immer durchgehalten!», ereifert sich Schneider. «Dort waren wir zu Besuch. Jetzt haben wir Heimvorteil. Wir machen die Spielregeln!» «Mitternacht um ein paar Stunden vorverlegen?» «Tolle Idee!» «Nein, nein. Wir zeigens den Münchnern!» «Hey, das ist kein Wettkampf», bremse ich ihn. «Doch! Die Party muss legendär werden. Auch du musst Stimmung machen!» Himmel, Schneider will meinen Bruder beeindrucken und ich soll ihm dabei helfen. Also so was! Mein Bruder kommt aber zu uns, weil hier sein Hund weniger leidet. Wenn ich mich also mit jemandem solidarisiere, dann mit Pipo, dem Münchner Mischling.

Er: An Silvester fuhren wir jahrelang nach München zu Schreibers Bruder. München! Eine Weltstadt! Er und seine Familie boten uns glamouröse Feste mit wilden Karaoke-Wettbewerben, Tanzeinlagen, Bleigiessen; mit Gekreische, Gelächter und sehr urbanen Überraschungsgästen. Wir kochten gemeinsam, füllten uns gegenseitig mit hausgemachtem Caipirinha ab, wünschten einander, dass Träume sich erfüllten und umarmten wildfremde Nachbarn. Dass die Münchner ihre Stadt zum Jahreswechsel schier in die Luft sprengen und bis zur Besinnungslosigkeit feuerwerkeln, ist zugegebenermassen gewöhnungsbedürftig. Und weil mein Schwager Pipo hat, einen Hund, der bei jedem Knaller beinahe stirbt, haben wir beschlossen, diesmal gemeinsam in der Schweiz zu feiern. Denn hier in unserem Ort ist alles ein paar Nummern kleiner, vor allem das Geballere zum Jahreswechsel.

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Dieser Silvester muss der Hammer werden.»

Unsere Töchter und ich planen wie wild. Irgendwie will ich beweisen, dass auch die Provinz trotzdem das Format von München haben kann. Dieser Silvester muss deshalb der Hammer werden, denke ich. Doch der folgt erst richtig, als Schreiber zu mir sagt: «Einfach damit du es weisst: Ich würde gern vor Mitternacht ins Bett gehen.»

 (Coopzeitung Nr. 53/2015) 

Mehr zu den Kolumnisten unter: www.schreiber-schneider.ch

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Heiner H. Schmitt
Veröffentlicht:
Montag 28.12.2015, 00:00 Uhr

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