Wolfgang Nentwig ist fasziniert von diesen Lebewesen, die so viele Menschen erschrecken.

Spiderman: «Wir müssen uns beeilen»

Wolfgang Nentwig, Professor für Ökologie an der Uni Bern, hat sein Leben den Spinnen verschrieben.

Es gibt eine Spinne, die heisst «Xyphinus rogerfedereri». Weil die Spinnenforscherin, die diese Art beschrieb, ein grosser Tennisfan ist. Eine andere Spinne trägt den Namen «Hersilia nentwigi». Sie lebt und jagt auf Baumstämmen in Indonesien. Und wurde nach Wolfgang Nentwig, Professor für Ökologie an der Universität Bern, benannt. Der 63-Jährige beschäftigt sich seit seinem Studium mit den achtäugigen Wesen, deren Gegenwart so viele Menschen aufschreien und eiligst aus dem Zimmer stürzen lässt.
Eigentlich sind es aber die achtbeinigen Spinnen, die vor uns Angst haben. Sie sind hochsensibel, wie Nentwig beim Gespräch im Naturhistorischen Museum in Bern sagt. Im frostigen Keller duftet es nach einem beissenden Gift, das dafür sorgt, dass die toten Spinnen in ihren Schaukästen nicht zu Staub zerfallen. Wolfgang Nentwig zieht einen Holzkasten hervor, betrachtet die haarigen braunen Vogelspinnen darin und sagt fast ehrfurchtsvoll: «Die Tausenden von Härchen auf dem Körper reagieren auf jede Berührung, jedes Geräusch – jedes Haar ist mit einem Nerv ausgestattet.»
Noch mehr beeindrucken ihn die Fähigkeiten der Spinne, die so viel mehr kann als andere Tiere: «Sie fliegt, sie krabbelt, sie produziert Spinnfäden und sie baut Netze», sagt Nentwig. Zudem habe sie stets ihr eigenes Rettungsseil mit für den Notfall sowie ein Sehfeld von 360 Grad. Es gibt sie überall auf der Welt, sie kann sich jeder Umgebung anpassen, und man weiss so wenig über sie, dass man als Forscher ständig Neuland betritt. Das mag der Biologe an seinem Beruf. Die immer wieder kleinen Herausforderungen, die ihn stets aufs Neue kleine Erfolge feiern lassen.

Zerstörte Lebensräume

Nun aber stellt er sich mit Spinnenforschern aus aller Welt einer grossen Herausforderung: Aufgrund von Hochrechnungen weiss man, dass derzeit erst die Hälfte aller Spinnenarten erforscht ist. Dafür benötigte man 250 Jahre. Nentwig und seine Kollegen möchten die andere Hälfte in nur 30 Jahren erforschen. «Gegenwärtig werden viele Lebensräume der Spinnen zerstört. Deshalb müssen wir uns beeilen», erklärt der Professor. Das Projekt der «Association for the Promotion of Spider Research» ist einzigartig in der Wissenschaft und könnte zukünftig als Vorbild für andere Fachgebiete dienen. Es kostet 30 Millionen Franken. «Die Ergebnisse aus der Spinnenwissenschaft sind für uns Menschen wichtig, weil wir sie in vielen Gebieten einsetzen können», sagt Nentwig.
So fliessen Erkenntnisse über die Spinnenseide heute etwa in die Arbeit der Materialwissenschaftler ein: Sie haben zusammen mit Designern die erste Outdoorjacke aus synthetischer Spinnenseide entworfen, den Moon Parka des Outdoorspezialisten The North Face. Die Jacke ist robust, reissfest, leicht – sowie ziemlich teuer und derzeit noch gar nicht im Handel. «In zehn Jahren jedoch», da ist sich Nentwig sicher, «können wir alle diese Jacke kaufen.»
Auch die Industrie macht sich das Wissen über Spinnen zunutze. Sie fertigt hochelastische Seile aus synthetischer Spinnenseide an, die besonders hohen Belastungen standhalten. Und die Pharmaindustrie interessiert sich für das Gift, das die Spinne in der freien Natur zum Fang ihrer Beute einsetzt. Aus ausgewählten Komponenten des Spinnengifts könnten zukünftig möglicherweise Krebsmedikamente hergestellt werden. Zudem könnte das Gift im Kampf gegen Bakterien zum Einsatz kommen, weil es die Zellmembran zerstört – sowie in der chronischen Schmerztherapie, da es die Nervenzellen vorübergehend lähmen und somit ausschalten kann. Bis dahin ist es aber noch ein weiter Weg, die Pharmaindustrie auf der ganzen Welt forscht derzeit dazu.
Für das Spinnengift ist Nentwigs Frau zuständig. Sie ist Biochemikerin und hat sich darauf spezialisiert. Die beiden lernten sich zu Studienzeiten in Marburg kennen. Im Jahre 1988 lockte ein Posten an der Universität Bern das Paar in die Schweiz. Nachdem die Familienplanung abgeschlossen war (sie haben zwei Kinder), begannen sie, gemeinsam zu forschen. Das tun sie bis heute.

«Ich mache weiter»

In zwei Jahren wird Nentwig pensioniert. Auf die Frage, was danach komme, sagt er ohne das leiseste Zögern: «Ich mache weiter.» Einfach im Büro zu Hause, wo rund zehn Meter Bücher über Spinnen stehen, und nicht länger an der Universität. Aber immer noch im Austausch mit den Spinnenforschern aus der ganzen Welt.
Wer das Vorhaben der «Association for the Promotion of Spider Research» unterstützen möchte, kriegt ein besonderes Geschenk. Als Dankeschön werden die Spinnen auf Wunsch nach dem Mäzen benannt. «Es könnte also bald auch eine Spinne mit Ihrem Namen geben», sagt Wolfgang Nentwig noch, bevor er durch die langen Gänge zu seinen Spinnen und Studenten davoneilt.

 

Wolfgang Nentwigs Lieblingsspinnen

Cupiennius salei
Die «Bananenspinne», aus Zentralamerika: Weil wir diese Art seit fast 40 Jahren untersuchen. Es gibt kaum eine Art, über die wir mehr wissen.

Argiope bruennichi
Die Wespenspinne, eine in Europa weitverbreitete Radnetzspinne: Weil sie sehr schön ist.

Salticus scenicus
Die Zebraspinne, die grösste einheimische Springspinne: Weil sie so zutraulich ist.

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