Spiegel der Persönlichkeit

Die Handschrift ist so individuell wie der Fingerabdruck. Wie entsteht sie, und macht es einen Unterschied, ob man den Stift rechts oder links hält? Vor allem aber: Ist von Hand schreiben nicht hoffnungslos altmodisch?

Als meine Oma in die Schule kam, wurde ihr die linke Hand eingebunden. Sie  war Linkshänderin, wie etwa 15 Prozent der Menschen. Vor 100 Jahren war das unerwünscht – auch in der Grundschule in Schwäbisch Gmünd (D), woher meine Grossmutter Hedi stammte. Zwar schrieb sie dann ihr Leben lang mit der rechten Hand, vieles andere erledigte sie aber trotzdem mit links. Und ob sie schöner schrieb, als sie es mit links getan hätte, kann niemand beantworten.

«Die Handschrift früh umgeschulter Linkshänder sieht genauso einheitlich und filigran aus wie die von Rechtshändern. Weil nicht nur die Hand, sondern auch das Gehirn teilweise umgeschult wurde», sagt Moritz Daum (45), Professor für Entwicklungspsychologie der Universität Zürich. Planung und Kontrolle der Bewegungen fänden aber immer noch in der eigentlich dominanten Hemisphäre statt, bei umtrainierten Linkshändern also in der rechten Gehirnhälfte. Bei echten Rechtshändern ist es die linke.


Ian Soares Schardt mag die Basisschrift viel mehr als die Schnürlischrift.

Jede Schrift ist Bewegung. Iris Meier (61), Dipl. Graphologin VDG und Dipl. Coach SCA/CAS Coaching aus Hünenberg ZG: «Wenn wir ein Schreibgerät in die Hand nehmen, folgen wir den Befehlen des Hirns – und bringen uns in Schreibbewegung, die in der Schrift festgehalten wird.» Innenleben und Zentralnervensystem bestimmten, wie die Schreibtätigkeit ausgeführt werde und das individuelle Schriftbild entstehe.


Schreiben ist sehr komplex

Schreiben braucht also Köpfchen. «Ein Hirnareal namens motorischer Kortex steuert die Bewegung der Hand. Sprachliche Prozesse sind ebenfalls eingebunden, weil Sprache zu Papier gebracht wird», sagt Moritz Daum. «Es sind noch weitere Funktionen involviert, nämlich Vorstellungskraft, Kreativität, Rechtschreibung und Erinnerungsvermögen. Schliesslich schreibt man nicht nur Wörter auf, sondern Sätze, Gedanken, Geschichten.»
Schreiben ist zudem eine genetische Angelegenheit. Untersuchungen förderten zutage, dass Föten bereits ab der 15. Schwangerschaftswoche häufiger an ihrem rechten Daumen saugen als an ihrem linken. Daum: «Testete man die Händigkeit dieser Kinder zwölf Jahre später, so waren jene rechtshändig, die als Föten am rechten Daumen genuckelt hatten. Das spricht für einen starken genetischen Einfluss auf die Händigkeit.» Früh zeigen sich auch die Vorläufer des Schreibens. So «schreiben» Kleinkinder Einkaufszettel für ihren Teddy. «Selbst wenn Erwachsene den Inhalt nicht verstehen, zeigt sich das Grundkonzept der Schrift: Die Wörter stehen in einer Reihe, die Schrift geht von links nach rechts. Zwar ist sie  symbolisch, doch die Zeichen haben eine Bedeutung.»

Ob jemand rechts oder links schreibt, ist dabei unerheblich. Doch bei Linkshändern laufen andere Bewegungsmuster ab als bei Rechtshändern. «Wenn ich ein Gutachten erstelle, ist es  wichtig zu wissen, mit welcher Hand geschrieben wurde», sagt Iris Meier. «Bei Linkshändern sind gewisse graphologische Merkmale zu relativieren. So schreiben sie häufiger rechtsschräg als Rechtshänder, was mit der Handhaltung und der Lage des Papiers zusammenhängen kann.»

«

Ich glaube nicht, dass Papier und Tinte ausgedient haben.»

Iris Meier, Graphologin

Geheime Botschaften

Manche Menschen haben eine Sauklaue, andere eine elegante Schrift. Schönheit liegt aber bekanntlich im Auge des Betrachters. Graphologen mögen kalligrafische Schriften nur bedingt, da sie weniger aussagekräftig sind. «Die Handschrift ist Ausdruck der Persönlichkeit und es wäre schade, sie zu verstellen, weil man seine Schrift nicht schön findet», so Iris Meier. «Das würde ja bedeuten, dass man sich nicht traut, zu zeigen beziehungsweise zu schreiben, wie man tickt. Einigermassen leserlich sollte die Schrift aber schon sein.»


Bei der Jobsuche unwichtig

Früher war die handschriftliche Bewerbung bei der Jobsuche Standard. «Heute bildet sie eine sehr grosse Ausnahme», sagt Nadine Gembler (47), Leiterin Personal bei Coop. «Wir fordern keine Schriftproben mehr ein. Auch werden im Selektionsprozess keine graphologischen Gutachten eingesetzt. Wir arbeiten vor allem mit Assessments, die als valider gelten. Dabei stellt man konkrete Aufgaben aus dem Arbeitsalltag. Solche zusätzlichen Abklärungen trifft man aber meist bei Schlüsselpositionen.»

Allerdings braucht es Schriftexperten beispielsweise für Handschriftexpertisen im Rahmen von Ermittlungen bei Verdacht auf Urkunden- oder Unterschriftsfälschung. Hierfür nützlich könnte das von israelischen Forschern entwickelte Computerprogramm sein, das Handschriften auf Lügen analysiert. Die Graphologin kritisch: «Wir können aus der Handschriftprobe Charakterstärken und Schwächen erkennen, nicht aber die tatsächlichen Handlungen.»

Trotzdem lässt sich aus Geschriebenem viel herauslesen, denn anderen Wissenschaftlern aus Israel zufolge zeigt sich darin sogar das Frühstadium der Parkinson-Krankheit.


Die Handschrift hat laut Nadine Gembler keinen Einfluss darauf, ob jemand einen Job bekommt oder nicht.

Die Handschrift verkümmert

Die Handschrift sagt also sehr viel über einen Menschen aus. Im Zeitalter der Digitalisierung verliert sie aber zunehmend an Bedeutung. So viel uns Computer, Tablet und Handy erleichtern, so problematisch ist dieser Umstand. Von klein auf bedienen Kinder Laptops oder Ähnliches. Und nicht selten tippen sie ihr erstes Wort, statt es mit einem Stift zu schreiben. Früh übt sich, heisst es zwar, doch das ist in Sachen Computernutzung ein zweischneidiges Schwert. «Man sollte den Einzug der digitalen Medien nicht verteufeln», erklärt Moritz Daum. «Dennoch kann es dazu führen, dass selbst die Handschrift von Erwachsenen oft denen eines Schülers gleicht, da sie sich kaum bis gar nicht entwickeln konnte.»

Eine Umfrage des Deutschen Lehrerverbandes ergab, dass 31 Prozent der Mädchen und 51 Prozent der Buben Probleme haben, von Hand zu schreiben. Maria-Anna Schulze Brüning und Stephan Clauss, Autoren des Buches «Wer nicht schreibt, bleibt dumm – Warum unsere Kinder ohne Handschrift das Denken verlernen», auf dem Online-Portal «Huffingtonpost»: «Der allmähliche Verfall der Handschrift ist ein für die Gesellschaft insgesamt folgenreiches Problem, weil es das Lernen in unseren Schulen massiv beeinträchtigt. Nicht-Betroffene denken oft, es gehe nur um mangelnde Schönschrift, es handle sich vornehmlich um ein ästhetisches Manko. Nein! Es geht um ein fehlendes Fundament des Lernens.»

Motorik- und Sprachspezialist Daum bestätigt dies: «Manche Studien zeigen, dass handschriftliches Schreiben zu besserer Buchstabenverarbeitung führt als Tippen.» Tatsächlich konnten sich Studierende deutlicher an Lerninhalte erinnern, wenn sie während Vorlesungen von Hand Notizen gemacht hatten, als jene, die auf dem Laptop mitgetippt hatten. «Das Gehörte wurde von den Handschriftlern also bereits verarbeitet, indem sie es in eigene Worte fassten», erklärt der Professor. Iris Meier: «Man denke nur an die Spickzettel, die man vor den Prüfungen geschrieben hat ...»


Moritz Daum zufolge kann sich die Handschrift mancher Erwachsener wegen Computer und Co. nicht richtig entwickeln.

Schnürlischrift oder Basisschrift?

2014 ging in unserem Land eine Ära zu Ende: Die Deutschschweizer Erziehungsdirektoren-Konferenz beschloss, den Kantonen einen Wechsel von der seit 1947 vermittelten Schnürlischrift zur Basisschrift zu empfehlen. Inzwischen wird diese in den Schulen der meisten Deutschschweizer Kantone gelehrt. Statt zuerst Steinschrift und später die verbundene Schrift zu lernen, müssen sich die Kinder nun nur noch die Basisschrift aneignen. Bei dieser sind keine fixen Verbindungen oder Schlaufen mehr vorgeschrieben – die Buben und Mädchen sollen dort verbinden, wo sie möchten. So will man die Entwicklung der individuellen Handschrift fördern und erleichtern.

Ian Soares Schardt (8) besucht in Zürich die 2. Klasse und bekam die Basisschrift vermittelt. «Die gefällt mir sehr gut. Leider muss ich nun doch noch die Schnürlischrift lernen, was ich gar nicht toll finde.»

Warum Ian die Basisschrift bevorzugt, versteht Moritz Daum sehr gut: «Bei der Basisschrift gibt man wenig vor. Es wird also der umgekehrte Weg gegangen wie bei der Schnürlischrift, wo die Buchstabenformen ebenso definiert sind wie der Winkel, in dem geschrieben wird. Doch welche Form die bessere ist, da gehen die Meinungen auseinander.»

Laut einer Untersuchung der Pädagogischen Hochschule Luzern schreiben Dritt- und Viertklässler dank der Basisschrift leserlicher und flüssiger. «Wahrscheinlich ist es für die Kinder aufgrund des Erlernens nur einer Schrift bei gleichbleibenden Schreibbewegungen leichter, zügiger zu schreiben. Der Weg zur individuellen Handschrift ist so schneller offen», sagt Schriftexpertin Meier.


  

Berühmte Linkshänder

  • US-Präsidenten: Barack Obama, Bill Clinton, George Bush sen., Ronald Reagan, Gerald Ford
  • Tennis-Legenden: Björn Borg, John McEnroe, Monica Seles, Martina Navratilova, Rafael Nadal
  • Erfinder/Wissenschaftler: Isaak Newton, Albert Einstein, Marie Curie, Leonardo da Vinci
  • Schriftsteller: Franz Kafka, Johann Wolfgang von Goethe, Hans Christian Andersen
  • Komponisten/Musiker: Wolfgang Amadeus Mozart, Ludwig van Beethoven, Jimi Hendrix, Paul McCartney, Kurt Cobain
  • Maler: Albrecht Dürer, Franz Holbein, Paul Klee, Peter Paul Rubens, Pablo Picasso, Michelangelo Buonarrotti
  • Schauspieler: Charlie Chaplin, Angelina Jolie, Julia Roberts, Nicole Kidman, Kim Basinger, Marilyn Monroe, Brad Pitt, Tom Cruise, Cary Grant
  • Politiker/Könige/Kaiser: Ramses II., Alexander der Grosse, Napoleon Bonaparte, Friedrich II., Julius Cäsar, Queen Victoria, Queen Mum, Prinz William, Mahatma Gandhi
  • Wirtschaftsbosse: Bill Gates.

  

Eine Frage des Stils

Füllfeder, Kuli oder einen anderen Stift zu benutzen, ist keineswegs altmodisch. Das bestätigt Adrian Süess (34) von der Abteilung Papeterie bei Coop: «Es wird noch viel von Hand geschrieben. Natürlich nicht mehr viele Briefe, aber die meisten Menschen machen ihre Notizen noch immer auf einem Block oder in ein schönes Notizbuch.» Auch Iris Meier hält die Handschrift nicht für überholt: «Ich glaube nicht, dass Papier und Tinte ausgedient haben.»

Ob ein handgeschriebener Liebesbrief wertvoller ist als dieselben Worte in den Computer getippt, in einer E-Mail, SMS oder WhatsApp-Nachricht verschickt, ist letztlich Geschmackssache. Dennoch gibt es objektive Unterschiede. «Alleine durch die motorische Komponente kann aus einem handschriftlichen Aufsatz herausgelesen werden, wie dieser geschrieben wurde: emotional, in Eile oder in Ruhe», erläutert Moritz Daum. «Aber egal, wie stark man auf die Tastatur hämmert oder wie sanft man sie streichelt – das Geschriebene sieht auf dem Bildschirm immer gleich aus. Deshalb enthält die Handschrift immer mehr Informationen als die digitale Schrift.» Iris Meier sieht das genauso: «Ein handgeschriebener Brief hat einen anderen Stellenwert als eine rasch beantwortete E-Mail. Er ist Ausdruck von Zuwendung, Achtung, aber auch des persönlichen Stempels, den man damit hinterlässt. Eine Unterschrift hat gar eine bindende Bedeutung.»

Das verhält sich bei Rechtshändern nicht anders als bei Linkshändern. Diese waren übrigens bis in die 1970er-Jahre auch in der Schweiz oft umerzogen worden. Für die meisten eine Qual. Apropos aufgezwungene Rechtshändigkeit: Die Links-Gene meiner geliebten Grossmutter leben weiter. Und zwar in mir und meinen Töchtern. Wir schreiben zwar alle mit rechts, doch gewisse Dinge erledigen wir wie Linkshänder.


Iris Meier erstellt graphologische Gutachten und kann aus Handschriften so einiges herauslesen.
Zur Webseite von Fabian Bielefeld

Kopfsache

Bist Du links oder rechts? Das ist nicht nur eine Frage der politischen Einstellung, sondern vor allem auch eine Frage der Händigkeit. Dabei wird die linke Hand von der rechten Gehirnhälfte gesteuert und umgekehrt. Bei beiden Autorinnen beschäftigen sich im Buch mit allen Fragen rund Rechts- und Linkshänder. Warum sind eigentlich die meisten Menschen Rechtshänder? Woran erkennt man ein linkshändiges Kind und warum ist das so wichtig? Stimmt es, dass Rechtshänder logischer denken können und Linkshänder kreativer sind? Das sind nur einige der Fragen, denen nachgegangen wird. Eine Prise Humor darf natürlich auch nicht fehlen und darum wird auch folgende Frage beantwortet: Sind Helmkakadus wirklich Linkshänder und Walrosse Rechtsflosser? Eine unglaublich interessante Lektüre, nach der man seine rechts- oder linkshändigen Mitmenschen mit ganz anderen Augen betrachtet.

Christiane Stenger / Antja Tiefenthal: "Deine bessere Hälfte. Warum wir Rechts- oder Linkshänder sind und was das für unser Leben bedeutet", Edel Books, Fr. 25.40

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Susanne Stettler

Freie Autorin

Foto:
Heiner H. Schmitt, Fotolia, Alamy, Wikimedia, Stabilo Education; Infografik: Caroline Koella
Veröffentlicht:
Montag 19.03.2018, 09:29 Uhr

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