Keiner hat den Ruf von St. Moritz in der Welt so stark verbreitet wie Hans Peter Danuser.

St. Moritz: Der Wintertourismus lernte hier laufen

Das Oberengadin war die Wiege des Wintertourismus. Ein Blick zurück mit dem letzten St. Moritzer Kurdirektor Hans Peter Danuser.

Es müssen aufregende Zeiten gewesen sein damals, als vor anderthalb Jahrhunderten in St. Moritz der Wintertourismus geboren wurde. Das Dorf bestand aus nicht viel mehr als ein paar Häusern und Ställen. «Doch nach der Helvetischen Revolution und der nachfolgenden Gründung des Bundesstaates Schweiz 1848 herrschte Aufbruchstimmung, alles schien möglich, vieles wurde realisiert», erzählt Hans Peter Danuser (67), der drei Jahrzehnte lang der wohl berühmteste Kurdirektor der Schweiz gewesen ist.

Das Kulm mit dem Erweiterungsbau Neukulm, 1911, war das erste Hotel, das im Winter Gäste empfing.

Das Kulm mit dem Erweiterungsbau Neukulm, 1911, war das erste Hotel, das im Winter Gäste empfing.
http://www.coopzeitung.ch/St_Moritz_+Der+Wintertourismus+lernte+hier+laufen Das Kulm mit dem Erweiterungsbau Neukulm, 1911, war das erste Hotel, das im Winter Gäste empfing.

Die Wette des Johannes Badrutt

Was für die Schweizer Industrie Conrad Escher war, das war für den Wintertourismus Johannes Badrutt. «Der ging auf Tutti, baute 1855 mit dem Hotel Kulm einen Palast in die Berge hinein und beschwor seine wenigen Sommer-Kunden aus Deutschland, Italien und vor allem England, auch im Winter nach St. Moritz zu kommen», so Danuser. Die englische Oberschicht kannte damals ein Wort, das in der Schweiz noch fast völlig unbekannt war: Ferien. Und zwar ohne Ende. Badrutt schlug 1864 vier Engländern vor, einen Winter in St. Moritz zu verbringen. Er wettete mit ihnen, dass ihnen der Winter genauso gut gefallen würde wie der Sommer. Sie dürften gratis logieren und so lange bleiben, wie sie wollten. Wenn es ihnen nicht gefalle, bezahle er ihnen die Rückreise. Die Engländer nahmen das Angebot an und blieben von Weihnachten bis Ostern. Der Wintertourismus war geboren.

Danuser am St. Moritzer See. Von hier stammte der Strom für das erste elektrische Licht der Schweiz.

Danuser am St. Moritzer See. Von hier stammte der Strom für das erste elektrische Licht der Schweiz.
http://www.coopzeitung.ch/St_Moritz_+Der+Wintertourismus+lernte+hier+laufen Danuser am St. Moritzer See. Von hier stammte der Strom für das erste elektrische Licht der Schweiz.
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In St. Moritz, nicht in Zürich, brannte die erste Glühbirne.»

Hans Peter Danuser (67), touristisches Urgestein

Schön, aber todlangweilig

Badrutt gewann nicht nur Wetten, er brachte auch eine Wasserstrommaschine ins Engadin: «Nicht in Zürich oder Bern brannten die ersten Glühlampen der Schweiz, sondern 1878 im und vor dem Hotel Kulm», erzählt Danuser stolz. Der Winter unter dem Engadiner Himmel war wunderschön. Aber todlangweilig. Immer noch auf die Engländer ausgerichtet, entstand darum der erste Curling-Platz der Schweiz. Danach folgte 1884/1885 der Cresta-Run. Der Bob-Run von St. Moritz nach Celerina wurde 1904 in Betrieb genommen. «St. Moritz war nicht nur die Wiege des weissen Wintertourismus, sondern auch des alpinen Wintersports», sagt Danuser. Die ersten Olympischen Winterspiele fanden nicht von ungefähr 1928 im Engadin statt. Ebenfalls vor anderthalb Jahrhunderten begann auch Davos, um die Gunst von Touristen zu werben. Doch im Landwassertal spezialisierte man sich schon früh auf den Gesundheitstourismus. Während hier viele berühmte Künstler (Thomas Mann, Ernst Ludwig Kirchner) zur Kur weilten, kreierte die Haute Volée (Schah Reza Pahlewi, Greta Garbo, Gunter Sachs etc.) in St. Moritz später das sprichwörtliche Champagner-Klima.

So sieht St. Moritz auf einer Postkarte aus dem Jahr 1905 aus.

So sieht St. Moritz auf einer Postkarte aus dem Jahr 1905 aus.
http://www.coopzeitung.ch/St_Moritz_+Der+Wintertourismus+lernte+hier+laufen So sieht St. Moritz auf einer Postkarte aus dem Jahr 1905 aus.

Mauerblümchen Wintertourismus

Und der Rest der Schweiz? Zwar wurden 1903 in Adelboden die (vielleicht) ersten Skirennen der Schweiz organisiert, doch die ersten Skiliftanlagen wurden 1934/35 in Davos und St. Moritz installiert. «Bis in die Mitte des letzten Jahrhunderts führte der Wintertourismus ausserhalb von St. Moritz ein Mauerblümchendasein», so Danuser. Doch dann begann das, was der Bündner «die Demokratisierung der Ferien» nennt: «Ab den 1950er-Jahren konnten sich immer mehr Menschen Urlaub leisten, was nichts als gerecht war.» Mit Folgen. Gemäss einer Studie der Hochschule für Technik und Wirtschaft Chur stammt heute rund ein Drittel des regionalen Brutto-Inlandprodukts des Kantons Graubünden von rund 11 Milliarden Franken direkt oder indirekt aus dem Tourismus. Die Kehrseite der Medaille sind die «kalten Betten». Danuser hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er darin eine Bedrohung sieht: «Der Gast sucht intakte Landschaften und warme, lebendige Dörfer. Beides ist wegen der Bauwut bedroht.» Er ist darum nicht gut zu sprechen auf die Politiker, welche die Umsetzung der Zweitwohnungsinitiative mit allen Mitteln verhindern wollen. In seiner 30-jährigen Ära hat Danuser das «Heidiland» erfunden, den «Glacier Express» neu lanciert, die Marke St. Moritz registriert, das Gourmet-Festival, die Ski-WM und Polo auf Schnee ins Engadin gebracht. Woher der Innovationstrieb? «Der Wintertourismus in der Schweiz muss immer wieder neu erfunden werden, sonst haben wir gegen die Konkurrenz – insbesondere aus dem Tirol und dem Südtirol – keine Chance», sagt Danuser. Der alte Johannes Badrutt hätte ob solcher Taten seine helle Freude gehabt. Doch Danuser ist der Letzte seiner Art. In St. Moritz haben sie den Kurdirektor vor sechs Jahren abgeschafft.

St. Moritz Einfach

http://www.coopzeitung.ch/St_Moritz_+Der+Wintertourismus+lernte+hier+laufen St. Moritz: Der Wintertourismus lernte hier laufen

Er war 30 Jahre lang Kurdirektor von St. Moritz – und das in einer Zeit, in der Tourismusdirektoren fast schneller gewechselt wurden als die Unterwäsche. In «St. Moritz einfach – Erinnerungen ans Champagner-Klima» hat Danuser seine Begegnungen mit den Berühmten und Berüchtigten, den Schönen und dem weniger Schönen beschrieben. Dank der QR-Codes im Buch können unter anderem Filme und Fotos via Handy abgerufen werden. Erschienen ist das Buch im Somedia Verlag.

Logiernächte in der Schweiz

Die Gästeschar ist heute internationaler

1934 generierten Schweizer Gäste 56 % der Übernachtungen, 2012 noch 44 %. Von den ausländischen Gästen stammten 1934 89 % aus den sieben wichtigsten Ländern, 2012 waren es nur noch 59 %.

Frage der Woche

«

Ist Wintersport in der Schweiz zu teuer?»

Wintersport wird stetig teurer. Viele verbringen die Ferien deshalb auch mal im benachbarten Ausland. Aber nicht nur wegen des Geldes. Auch die Gastfreundschaft soll etwa in Österreich besser sein. Was meinen Sie? Verraten Sie uns Ihre Meinung in den Kommentaren.

Hier gehts zu weiteren Wochenfragen

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Franz Bamert

Redaktor

Foto:
Yannick Andrea,  Kulm Archiv St. Moritz, swiss-image.ch, zVg
Veröffentlicht:
Montag 01.12.2014, 14:16 Uhr

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