Seit langer Zeit wieder einmal solo auf Tournee: Stephan Eicher.

Stephan Eicher: «Für Langeweile habe Ich keine Zeit»

Maschinist Seine Lieder bewegen die Menschen, an der Seine ebenso wie an der Aare. Nun ist der Berner Poet mit seinen Musikautomaten auf Tour.

Er ist einer der an Erfolg und Einfluss reichsten Musiker aus der Schweiz, überschreitet gerne Grenzen, bringt Menschen zum Träumen. Das gelingt Stephan Eicher (54) auch mit den Musikautomaten, die ihn derzeit auf seiner aktuellen Tournee begleiten. Zu erleben ist dies unter anderem am 1. Juli in Kestenholz SO bei dem von Coop unterstützten Festival «St. Peter at Sunset».

Was ist das Besondere an Ihrem Projekt?
Eigentlich ist es der Entwurf einer neuen Sprache, oder zumindest eines neuen «Dialekts» in der Musik, die für mich eine der schönsten Sprachen der Welt ist: Bei ihr spielt all das, was die Menschen oft trennt, keine Rolle – ob du Mann oder Frau bist, woran du glaubst oder was du gelernt hast.

Experimentieren Sie möglicherweise auch aus Angst, sich zu langweilen?
Diese Phase ist bei mir schon 20 Jahre her! Kürzlich habe ich mein Arbeitszimmer aufgeräumt und gesehen, wie viele Ideen ich in Notizbüchern oder auf die Wand gekritzelt und auf Demotapes festgehalten habe – und die warten noch auf ihre Umsetzung! Ich habe in meinem Leben keine Zeit mehr, um mich zu langweilen.

Und wie gehen Sie mit den Erwartungen des Publikums um?
Niemand möchte seine Mitmenschen langweilen, erst recht kein Künstler sein Publikum. Trotzdem mache ich bei diesen Konzerten genau das Gegenteil. Ich lege auch grosse Pausen ein, lasse die Zeit durch die Finger rieseln und spiele so mit dem Faktor Langeweile. Dann
lüchtet, chlöpft und tätscht es plötzlich wieder und die Leute wundern sich, wie es wohl weitergeht.


 
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Weshalb wollten Sie solo auf Tournee?
Am Ende der letzten Tournee stand ich beim Montreux Jazz Festival mit über 100 Menschen auf der Bühne – meiner Band, einem Chor und einer Guggenmusik. Da fragte mein Tournee-Veranstalter, was wohl als Nächstes komme: «400 oder 500 Musiker? Muss ich eine Bank überfallen, um das zu finanzieren? Mach doch eine Solotournee, damit wir wieder mal richtig Geld verdienen!»

Und da konnten Sie nicht Nein sagen?
Ich begann darüber nachzudenken und kam auf die Idee, alle Instrumente zu automatisieren. Ich liess mir die Musikautomaten dafür von einer darauf spezialisierten Firma herstellen – und schon hatte sich die Katze in den Schwanz gebissen: Nun wurde es eine der teuersten Produktionen, mit denen ich bisher auf Tournee gegangen bin.

Im Skizzenbuch hält er seine Eindrücke fest.

Im Skizzenbuch hält er seine Eindrücke fest.
Im Skizzenbuch hält er seine Eindrücke fest.
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Ich lasse die Zeit durch die Finger rieseln … »

Wählten Sie die Lieder passend zu den Maschinen aus oder umgekehrt?
Ich musste erst den Klang der Automaten kennenlernen und konnte dann die richtigen Songs aus meinem Repertoire aussuchen. Ein sehr lustvoller Prozess! Ich kam mir vor wie ein Kind, das in eine Konditorei eingesperrt ist und sich vor lauter feinen Sachen nicht entscheiden kann, womit es beginnen soll.

Haben Sie auch eigens Songs für die Automaten geschrieben?
Es sind im Moment, drei neue Lieder für diese Tournee entstanden, aber die interpretiere ich am Piano und der Gitarre. Was ich für die Maschinen geschrieben habe, getraue ich mich noch nicht zu präsentieren, ob-wohl ich vor Neugier auf die Reaktionen schon ganz kribbelig bin.

Was reizt Sie am Umgang mit Maschinen?
Ich bewege mich da zwischen Kunst und Naturwissenschaft. Zuerst verstand ich die Automaten als eine Art Prothese und habe versucht, sie zu meinem verlängerten Arm zu machen. Nun geht es mir mehr um die Frage «Was soll die ganze Automatisierung?». Ich bin davon überzeugt, dass Apple, Google, Amazon etc. bei allem Guten, das sie auch gebracht haben, uns eines Tages um die Ohren fliegen werden.

Markenzeichen: das Foulard.

Markenzeichen: das Foulard.
Markenzeichen: das Foulard.

Was ist auf der Solo-Tournee neben der Bühne anders als sonst?
Ich kann nicht mit der Crew reisen, weil die viel früher aufstehen muss, um die Automaten am nächsten Auftrittsort zu installieren. Das ist spannend, da ich lange nicht allein unterwegs war. Ich nehme meist den Zug, lese viele Bücher und sehe die Welt anders. Nirgends gibt es mehr Selfies von Zugkontrolleuren mit mir als in Frankreich …

Erstaunt es Sie, wie oft man Sie erkennt?
Allerdings! Das kann ich mir nur so erklären, dass man wohl erst kurz vor der Pensionierung zum TGV-Kondukteur aufsteigt.

Vier Daten im Leben von Stephan Eicher

1960 Am 17. August in Münchenbuchsee BE geboren.

1984 Geburt seines ersten Sohns Carlo in Zürich.

2000 Geburt seines zweiten Sohns Raphael in Paris.

2015 Wichtig ist ihm stets der Moment, in dem er lebt.

Offizielle Website von Stephan Eicher »


Nächste Konzerte:

Mittwoch, 1. Juli, Kestenholz SO, «St.Peter at Sunset»

Freitag, 3. Juli, Kaltacker BE, Lueg Arena

Samstag, 4. Juli, Zürich, «Live at Sunset»

Website des Festivals St. Peter at Sunset »

Stephan Eicher und die Automaten

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Reinhold Hönle

Autor

Foto:
Heiner H. Schmitt, zVg
Veröffentlicht:
Montag 22.06.2015, 14:59 Uhr

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