Yann Sommer (27) muss nicht nur den Ball, sondern das Geschehen auf dem ganzen Platz im Blick haben. 

Steuermann: «Es ist meine Aufgabe zu dirigieren»

Nati-Goalie Yann Sommer steht morgen gegen YB und in zwei Wochen gegen Portugal im Tor. Ein Gespräch über Kochen, Kindheit und Musik.    

Eigentlich habe er viel Zeit für Hobbys, sagt Yann Sommer (27) – normalerweise. Einmal täglich wird trainiert, damit bleibe noch ein halber Tag für anderes. Nun: Bei unserem Interviewtermin mit dem Nationaltorhüter spürte man wenig von dieser Zeit. Neben unserem Gespräch gab es kurzfristig noch weitere Verpflichtungen: ein Arztbesuch, ein Schiedsrichter-Briefing, Mannschaftssitzung. Es werde schwierig, sagte der Mediensprecher von Borussia Mönchengladbach nur am Telefon. Schwierig ja, aber nicht unmöglich. Yann Sommer stand der Coopzeitung für Fragen und Fotos zur Verfügung.

Sind Sie ein Perfektionist?
In gewissen Dingen ja, warum fragen Sie?

Wenn der Stürmer einen Fehler macht, hat er «knapp verpassst». Macht aber der Torhüter einen Fehler, gibts ein Gegentor. Ihre Verantwortung ist also viel grösser.
Das stimmt. Perfekt ist man nie. Aber wenn es um den Job geht, strebe ich einen gewissen Perfektionismus an. Ich mache viel, um eine gute Leistung zu erbringen – wie ich trainiere, wie ich mich vorbereite, wie ich lebe.

Sie sind einer der besten Torhüter, in Ihrer ersten Saison waren Sie sogar der beste in Deutschland mit einer Abwehrquote von 84 Prozent. Was sagen solche Werte aus?
Ich lege nicht viel Wert auf diese Statistiken. Es ist natürlich schön, wenn ich aufgrund solcher Zahlen positives Feedback bekomme. Aber diese Quoten hängen auch sehr von der Leistung der Mannschaftskollegen ab. Man hat das letztes Jahr gesehen. Da hatten wir anders gespielt, dem Gegner mehr Freiraum gelassen, entsprechend waren meine Werte schlechter. Deshalb: Das sind Statistiken. Man liest sie und freut sich, wenn es gut ausschaut.

Wann standen Sie zum ersten Mal als Goalie zwischen den Pfosten?
Mit vier oder fünf Jahren.

Yann Sommer gilt als Traum aller Schwiegermütter: Er ist Profifussballer, sieht gut aus, kann kochen und dazu sogar noch singen.

Yann Sommer gilt als Traum aller Schwiegermütter: Er ist Profifussballer, sieht gut aus, kann kochen und dazu sogar noch singen.
Yann Sommer gilt als Traum aller Schwiegermütter: Er ist Profifussballer, sieht gut aus, kann kochen und dazu sogar noch singen.

Und seit wann haben Sie keine Angst mehr, wenn ein Ball auf Sie zufliegt?
Ich hatte nie Angst, wirklich nicht. Ich wollte schon immer Goalie sein, daran hat sich nie etwas geändert.

Sie waren nie auf dem Feld?
Während meiner Juniorenzeit natürlich schon ab und zu. Es gibt ja auch immer wieder Situationen, in denen der Torhüter mit in den Angriff geht, um vielleicht ein entscheidendes Tor zu erzielen.

Machen Sie das gerne?
Gerne ist der falsche Ausdruck. Es bedeutet ja immer, dass man im Rückstand ist und dringend ein Tor benötigt. Als Goalie ist man das auch nicht gewohnt. Es geht dabei mehr darum, den Gegner zu irritieren oder eine Überzahl zu schaffen.

Experten, unter anderem der frühere deutsche Nationalkeeper Oliver Kahn, schwärmen von Ihrer Sprungkraft. Trainieren Sie diese speziell oder ist dieses Talent angeboren?
Ich trainiere das regelmässig. Ich gehöre aber unter den Torhütern nicht unbedingt zu den Grossgewachsenen. Deshalb ist es umso wichtiger, dass ich sprungkräftig, explosiv bin.

Sie gelten unter Journalisten als besonders umgänglich. Damit sind Sie eine Ausnahme in Ihrem Fach. Goalies haben sonst eher den Ruf, ein wenig verrückt zu sein.
Das ist eine veraltete Denkweise. In der heutigen Torhütergeneration fällt mir keiner ein, auf den diese Beschreibung passen würde.

Spricht man unter Kollegen über Geld, also über Löhne?
Nein.

Auch nicht versteckt, so à la: «Also für zwei Millionen Jahresgehalt müsstest du den halten ...»
Nein. Man weiss nicht, was andere Spieler verdienen.

Sie sind aktuell 10 Millionen Franken wert. Wie denkt man als Sportler über solche Zahlen?
Das sind Zahlen- und Rechenspiele. Letztlich ist der Marktwert jener Betrag, den der Verein vorgibt.

Macht das Druck, 10 Millionen Franken wert zu sein?
Nein. Ich versuche, jedes Jahr einen guten Job zu machen und mit der Mannschaft erfolgreich zu sein.

Im Juli 2015 waren Sie noch 12 Millionen wert. Seither sind Sie zwei Millionen «günstiger» geworden, und das bei einer Teuerung von circa 0,5 Prozent. Was lief da falsch?
Damit habe ich mich nicht beschäftigt.

Schon als kleiner Knirps war Yann Sommer ziemlich aufgeweckt. Eine Eigenschaft, die ihm heute als Torhüter hilft.

Schon als kleiner Knirps war Yann Sommer ziemlich aufgeweckt. Eine Eigenschaft, die ihm heute als Torhüter hilft.
Schon als kleiner Knirps war Yann Sommer ziemlich aufgeweckt. Eine Eigenschaft, die ihm heute als Torhüter hilft.

Der Franzose Paul Pogba wechselte kürzlich als Rekord-transfer für 135 Millionen Franken von Juventus Turin zu Manchester United. Wie denken Sie über solche Summen?
Natürlich ist das viel Geld, aber das ist die Entwicklung des Fussballs.

Wie wichtig ist der Goalie in einem Team, ausser, dass er Tore verhindern soll.
Sehr wichtig. Ich habe das ganze Spiel vor mir und kann es steuern. Die Verteidiger sehen nicht immer, was in ihrem Rücken passiert. Da ist es meine Aufgabe, sie zu dirigieren. Ausserdem kann ein Torwart Ruhe ins Spiel bringen – durch seine Art, das Spiel zu eröffnen oder durch seine Ausstrahlung.

Fühlen Sie sich wohl hier in Mönchengladbach?
Ich selber wohne in Düsseldorf, etwa zwanzig Minuten entfernt. Die Stadt ist toll mit einem vielseitigen Angebot an Kultur, guten Restaurants. Auch fussballerisch betrachtet fühle ich mich sehr wohl. Es ist speziell, für Borussia Mönchengladbach zu spielen. Die Stimmung ist wahnsinnig. Die ganze Stadt lebt für den Fussball.

Man hat Sie im Frühling auch mit Clubs ausserhalb von Deutschland in Verbindung gebracht, Sie sind in Mönchengladbach geblieben. Wären nicht auch drei oder vier Jahre in Italien reizvoll? Gute Küche, das Meer, viel Sonne, die Italianità?
Darüber mache ich mir keine Gedanken. Ich bin sehr glücklich hier in Gladbach. Da wäre es für mich falsch, wenn ich mir solche Gedanken machte.

Die gute Küche kann Sie natürlich nicht reizen, gutes Essen machen Sie sich ja selber. Sie haben ein grosses Faible fürs Kochen. Woher kommt diese Liebe?
Ganz klar von zu Hause. Meine Eltern haben grossen Wert auf gutes und gemeinsames Essen gelegt. Wir haben uns immer am Abend am Tisch getroffen und zusammen gegessen. Zudem hatten wir ein Ferienhaus in Südfrankreich. Dort bin ich in Kontakt gekommen mit dem Markt und frischen Lebensmitteln. Frisches Olivenöl, Sonnenblumen, Lavendel, frischer Schinken – das sind Eindrücke, die bleiben und die mich vermutlich geprägt haben.

Wie ist Ihre Küche?
Ich bin nur ein Hobbykoch, der gerne mit frischen Zutaten kocht. Durch meinen Beruf bin ich im Moment eher auf der gesunden Schiene. Das schränkt einen in der Küche natürlich auch ein, aber ich probiere verschiedene Dinge aus: diverse Varianten mit Gemüse, weil Gemüse für mich sehr wichtig ist, dann auch Fisch und Fleisch.

Wo sind Sie in Ihrer Ernährung eingeschränkt durch Ihren Beruf?
Ich versuche, Zucker ganz wegzulassen. Zudem mag ich seit Kindheitstagen keine Milchprodukte. Und seit ein paar Monaten ernähre ich mich weitgehend glutenfrei. Da bleiben nur noch frische Sachen, die ich verwenden darf.

Wo sieht sich Yann Sommer in 15 oder 20 Jahren?
Ich weiss es nicht. Das ist mir zu weit voraus. Das will ich mir offen lassen.

Und beruflich nach der Sportkarriere?
Ich habe einen Abschluss als diplomierter Berufssportler. Das war damals die einzige Möglichkeit für mich, einen Abschluss zu bekommen. Als ich in Basel gespielt habe, bin ich zur Handelsmittelschule gegangen, das konnte ich, als ich nach Vaduz ausgeliehen worden bin, nicht fortsetzen. Dann ging es für mich als Fussballer weiter nach Zürich, und dort konnte ich das Diplom machen. Allerdings hat mir damals der Rektor der Handelsmittelschule angeboten, dorthin zurückzukehren, wenn es mit der Profikarriere nicht geklappt hätte.

«

Ich spiele Gitarre, probiere Piano aus. Mir gefallen viele Stile.»

Sie haben noch eine weitere Leidenschaft: Sie spielen Gitarre. Wie intensiv betreiben Sie das?
So intensiv wie möglich, das heisst in der Regel täglich. Es ist für mich ein guter Ausgleich zum Alltag. Ich probiere auch hier neue Sachen aus – singen, neue Instrumente.

Rockmusik oder eher ruhige Töne?
Ich bin offen für beides. Ich spiele elektrische und auch Akkustik-Gitarre, probiere Piano aus. Mir gefallen viele Stile.

Ihre Karriere verlief nicht gradlinig. Mit 18 wechselten Sie vom FC Basel zu Vaduz, ehe Sie via GC zu Basel zurückkehrten und Stammgoalie wurden. Wie wichtig war dieser Umweg?
Sehr wichtig. Ich konnte bei Vaduz viele positive Erfahrungen sammeln. Ganz wichtig war sicher der Aufstieg. Er hat mir den Weg kurz zurück zu Basel, zu GC und schliesslich wieder zu Basel geebnet. So gesehen bin ich sehr froh über die Erfahrungen bei den Clubs und mit den Menschen, die ich auf diesem Umweg kennengelernt habe.

Auch im Schweizer National-team standen Sie lange im Schatten von Diego Benaglio und wurden erst nach dessen Rücktritt Stammgoalie. Wie schlimm war das Zuschauen auf der Ersatzbank?
Gar nicht schlimm. Das war in der Nationalmannschaft eine ganz andere Situation. Ich war sehr glücklich, überhaupt dabei zu sein. Diego Benaglio hat damals einen tollen Job gemacht. Er war unbestritten die Nummer eins.

Welche Chancen hat die Schweiz im kommenden WM-Qualispiel gegen Europameister Portugal?
Gute. Natürlich ist der aktuelle Europameister eine Fussballmacht, aber wir haben einen guten Teamspirit und gehen zuversichtlich in diesen ersten Ernstkampf auf dem Weg nach Russland.

Ein Leben als Goalie

  • 1992 steht Yann Sommer als Vierjähriger ein erstes Mal zwischen den Pfosten.
  • Sein erster Fussballverein ist der FC Herrliberg (1996 bis 1997). Mit neun Jahren wechselt Yann Sommer zu Concordia Basel, 2003 tritt er der Jugendabteilung des FC Basel bei, wo er 2005 als Stammtorwart der U-21-Mannschaft (1. Liga) seinen ersten Profivertrag unterzeichnet.
  • Von 2010 bis 2014 wird Yann Sommer (2010 noch als Ersatzgoalie) mit dem FC Basel viermal hintereinander Schweizer Meister und feiert mit den Rotblauen auch beachtliche Erfolge in der Champions League.
  • Am 30. Mai 2012 gibt Yann Sommer sein Debüt in der A-Nationalmannschaft beim Freundschaftsspiel gegen Rumänien. Seit dem Rücktritt von Diego Benaglio im August 2014 ist Yann Sommer Stammtorwart.
  • Zur Saison 2014/15 wechselt Sommer zum Bundesligisten Borussia Mönchengladbach, bei dem er einen bis zum 30. Juni 2019 gültigen Vertrag unterzeichnet.
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Thomas Compagno

Redaktor

Foto:
Sascha Steinbach, zVg
Veröffentlicht:
Montag 22.08.2016, 16:00 Uhr

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