Wenn er spricht, hören alle zu. Steven Spielberg bei den Dreharbeiten zu seinem neusten Werk «Big Friendly Giant». Rechts: Penelope Wilton als Queen.

«Ich gehe vor Kindern in die Knie»

Am 18. Dezember wird Steven Spielberg 70 Jahre alt – na und? Es warten noch 22 Projekte auf den Meisterregisseur.

Er ist eine der einflussreichsten Persönlichkeiten in der Geschichte des Films. Ist nicht nur Regisseur und Produzent, sondern Magier, Aufklärer, Ermahner, Poet. Am 18. Dezember 2016 wird Steven Spielberg 70 Jah-
re alt. Wir gratulierten ihm in Cannes, bei der Weltpremiere seines jüngsten Films «Big Friendly Giant».

Mr. Spielberg, Sie wirken milde, gütig und in sich ruhend. Eher wie ein Märchenonkel als einer der mächtigsten Filmmogule unserer Zeit …
Danke für das «gütig». Aber Ruhe habe ich wohl eher nicht. (lacht)

Das ist das Erstaunliche: Sie müssten unter Vollstrom stehen. Allein 17 Projekte als Produzent und 5 als Regisseur stehen als «geplant» in Ihrer Filmografie. Mit Verlaub: Warum immer noch dieser Stress? Sie besitzen genug – sogar drei Oscars!
Aber für mich ist Filme drehen keine Arbeit! Sonst würde ich mich dasselbe fragen ... (lacht) Regie zu führen ist für mich eher wie ein Hobby. Es bereitet mir Vergnügen. Ich verstehe es als Geschenk und Privileg. Es ist anstrengend und dauert den ganzen Tag – aber es fällt für mich nicht unter die Kategorie «Arbeit».

Wie nennen Sie es sonst, was Sie antreibt, morgens um fünf Uhr an ein Filmset zu wanken?
Es ist eher ein kreativer Drang. Als ob es mich an einer Stelle juckt und ich es nicht abstellen kann. Ausserdem: Seitdem ich älter bin, brauche ich nicht mehr so viel Schlaf. Wenn ich Regie führe, schlafe ich höchstens fünfeinhalb Stunden, wenn ich frei habe, nicht mehr als sechs.

Ihr Filmdebüt haben Sie schon mit 13 Jahren gegeben – ein 40-minütiger Kriegsfilm. Woher kam Ihre frühe Leidenschaft?
Von meinem Vater. Als ich fünf war, nahm er mich zu meinem ersten Film mit – «The Greatest Show on Earth». Das war eine fast traumatische Erfahrung, denn der Film war ein riesiges Spektakel, mit Zugunglück, Tieren, Zirkus und mehr – das hat mich überwältigt!

Das klingt auch nicht wirklich kindgemäss.
Mein Vater war Soldat im Zweiten Weltkrieg, er war als Funker in Burma im Einsatz und später in Karachi stationiert. Auch seine Freunde stammten aus der Armee. Ich habe also immerzu die Geschichten der Kriegsveteranen gehört. Erst, wenns zu grausam wurde, wurden wir Kinder aus dem Zimmer herausbugsiert.

Für Steven Spielberg ist das Filmemachen ein kreativer Drang.

Für Steven Spielberg ist das Filmemachen ein kreativer Drang.
http://www.coopzeitung.ch/Steven+Spielberg_+_Ich+gehe+vor+Kindern+in+die+Knie_ Für Steven Spielberg ist das Filmemachen ein kreativer Drang.

Also kam von Ihrem Vater – der stolze 99 Jahre alt ist – nicht nur das Interesse fürs Kino, sondern auch für Kriegsthemen, eine Ihrer Spezialitäten. Dabei haben auffallend viele Ihrer Figuren eine schwierige Beziehung zum Vater.
Das kommt wohl von meiner eigenen Vater-Sohn-Beziehung. Mein Vater ist für viele meiner Macken verantwortlich, für meine «Gestalt», wie wir auf Jiddisch sagen. Ich liebe meinen Vater, vor 25 Jahren haben wir uns wieder miteinander versöhnt. Als ich den Oscar für den Kriegsfilm «Private Ryan» bekam – einer der bewegendsten Momente meines Lebens! – habe ich auf der Bühne meinem Vater gedankt und ihm den Oscar gewidmet.

Wie waren Sie als Junge? Wovon haben Sie geträumt?
Ich hatte extrem oft Albträume, aus denen ich schreiend aufgewacht bin. Meine Eltern waren völlig verzweifelt. Als ich etwa vier war, holten sie einen Arzt zu uns, um rauszufinden, was mich plagte. Sie hatten schon befürchtet, ich sei schizophren.

Was hat der Doc beim kleinen Spielberg festgestellt?
Ich erinnere mich nicht mehr ans Gespräch. Aber ich weiss noch bis heute, wie grässlich die Träume waren! Schliesslich bescheinigte er nur eine hyperaktive, brutale Vorstellungskraft. Meine Fantasie terrorisierte mich geradezu.

Wie stehts heute mit Ihren Träumen?
Meine Vorstellungskraft ist noch immer hyperaktiv, aber meine Träume sind heute wesentlich angenehmer.

Sie haben etwa 60 Filme auf die Leinwand gezaubert: mal Action-, mal Familienfilme, mal historische, mal Sci-Fi-Stoffe. Besteht bei dem wilden Cocktail ein Schema?
Die Filme kreuzten einfach meinen Weg. Ich balanciere meine Filmthemen nicht absichtlich. Das, was zuerst kommt, was mich am stärksten intellektuell und emotional beeindruckt, damit beschäftige ich mich zuerst. Ich kann nicht mal genau sagen, warum ich «Ja» sage. Das passiert impulsiv. Es ist auch für mich ein Mysterium!

«

Meine Fantasie terrorisierte mich geradezu.»

Wie: Was zuerst kommt, mahlt zuerst?
Wenn ich ins Grübeln komme, ob ein Projekt das Richtige ist, frage ich mich: «Wie mies würde ich mich fühlen, diese Geschichte nicht zu erzählen?» Wenn die Antwort lautet: «Ich könnte nicht mehr mit mir selbst leben», muss ich mich für das Projekt entscheiden. Aber ich befasse mich immer nur mit einer Geschichte zurzeit.

Einspruch: Während Sie mit «Jurassic Park» noch im Schnitt sassen, haben Sie schon «Schindlers Liste» gedreht.
Da habe ich mich auch geschunden. Die Ergebnisse waren zwar beide fantastisch, doch für mich war es eine schreckliche Zeit. Ich habe viel Herzblut in «Jurassic Park» gesteckt. Aber als ich mich voll und ganz auf «Schindlers Liste» konzentrieren musste, musste ich zeitgleich digitalisierte Dinosaurier-Einstellungen genehmigen!

Wie schafft man es, zwischen Fantasie-Urviechern und dem realen Grauen des Holocaust hin- und herzuschalten?
Das war hart, aber ich musste da durch. Ich versuchte nicht sauer zu werden, wenn ich täglich mit Dinos aus einem Film behelligt wurde, der mir plötzlich nichts mehr bedeutete. Denn seit dem Drehstart von «Schindlers Liste» war diese Geschichte und ihre Botschaft mein Ein und Alles geworden. Mein Leben. Ich brauchte jeden Abend eine Stunde, um mich wieder runterzuholen.

Sind Ihnen alle Ihre Filme gleich lieb oder gibt es doch einen «wichtigsten» Film?
Der Film, der das meiste und Beste bewirkt hat, ist «Schindlers Liste». Dieser Film hat extrem viele Menschen in ihrer Meinung zum Holocaust geprägt. Der Film wurde in Schulen, sogar an Polizeiakademien vorgeführt und hat frische und wichtige Impulse gegeben.

Haben Sie je herausgefunden, was passiert, wenn Sie mal länger keinen Film drehen?
Ich habe zwei Mal Regiepausen für jeweils drei Jahre eingelegt. Ich fand einfach keinen interessanten Stoff. In der Zeit wurde ich zunehmend unausstehlich und mischte mich als Produzent zu sehr in die Filme meiner Regisseure ein, was die gar nicht witzig fanden. Daher: Solange es meine Frau nicht stört, wie viel ich arbeite, mache ich weiter. Meine Kinder hatten eher ein Problem damit.

Sie haben sieben Kinder. Das war dann aber lauter Protest im Hause Spielberg!
Meine Kinder waren oft genervt, dass ich abends so spät nach Hause kam. Eine Zeit lang nahm ich sie dann mit zum Dreh, aber das langweilte sie auch schnell. Da ist mal für 45 Sekunden Action angesagt, aber danach folgt eine Stunde Umbau. Was meinen Sie, warum keins meiner sieben Kinder Regisseur geworden ist!? Kein einziges! (lacht laut)

«

Erst E.T. hat mich überhaupt dazu gebracht, Vater werden zu wollen.»

Vor der Kamera haben Sie eine Zauberhand für Kinder, man denke an Drew Barrymore in «E. T.» oder zuletzt an Ruby Barnhill in «BFG». Die meisten Regisseure meiden Kinderdarsteller eher ...
Ich behandle sie nicht wie Kinder, sondern wie Partner. Bei «E. T.» gab mir meine langjährige Drehbuchautorin Melissa Mathison mal den entscheidenden Tipp: «Du redest viel mit Drew, aber du bist so viel grösser als sie. Kannst du nicht in die Knie gehen, wenn ihr miteinander sprecht?» Das mache ich seitdem: Ich gehe vor Kindern in die Knie.

Auch im übertragenen Sinn? Und auch als Vater?
(lächelt) Alles, was ich mit Kindern mache, muss in Augenhöhe passieren. Kinder wollen gern erwachsen sein, schneller, als uns lieb ist! Ich bin beispielsweise untröstlich, dass meine Kleinste wirklich schon 20 Jahre alt ist! Die Jüngste von sieben –  also mein Baby! Das macht mich wirklich wehmütig ... Ich würde sie am liebsten ewig als «meine Kleine» behalten. Aber Kinder möchten lieber wie Erwachsene behandelt werden. Ich fürchte, ich dränge mich auch gern ins Leben meiner Kinder, auch wenn sie mich längst nicht mehr brauchen.

Seit den Dreharbeiten zu E.T. ist Drew Barrymore dem Meisterregisseur ans Herz gewachsen.

Seit den Dreharbeiten zu E.T. ist Drew Barrymore dem Meisterregisseur ans Herz gewachsen.
http://www.coopzeitung.ch/Steven+Spielberg_+_Ich+gehe+vor+Kindern+in+die+Knie_ Seit den Dreharbeiten zu E.T. ist Drew Barrymore dem Meisterregisseur ans Herz gewachsen.

Sie wurden mit knapp 40 das erste Mal Vater. Warum haben Sie so lange gewartet?
Erst «E. T.» hat mich überhaupt dazu gebracht, Vater werden zu wollen. Die Film-Kinder sind mir beim Dreh sehr ans Herz gewachsen, besonders Drew Barrymore! Als der Dreh vorbei war, habe ich eine Woche gelitten und hatte den Blues. Da wurde mir klar, dass ich tatsächlich eigene Kinder haben wollte. Das grösste Geschenk, das «E. T.» mir machte, war nicht der kommerzielle Erfolg und die Möglichkeit, ab dann als Filmemacher unabhängig zu sein, sondern dass in mir der Wunsch geweckt wurde, Vater zu sein.

Sie haben Adoptiv- und leibliche Kinder. Was prägt eine moderne Familie heutzutage? Hat sich der Archetypus der Familie verändert?
Heute gibt es viel mehr Einflüsse, die auf die Kinder wirken: neben den Eltern, besten Freunden und Lieblingslehrern haben sie auch noch die Social Media, die einen wahren Krieg um die Aufmerksamkeit der Kids veranstalten. Die spannende Frage ist: Welche Werte werden im Kind verankert? Die der Gesellschaft, wie die Sozialen Netzwerke sie vermitteln, und der Angst, nicht von ihnen angenommen zu sein? Oder die Werte, die es in der Intimität eines Zuhauses vermittelt bekommt? Um das Kind wird richtig gerangelt. Das war in meiner Kindheit natürlich ganz anders.

Was bereitet Ihnen an der aktuellen Generation der Erwachsenen die grösste Sorge?
Zynismus. Er stellt meist infrage, dass jemand aus reinen, unegoistischen Motiven handelt. Weil Zyniker so etwas einfach nicht kennen. Ich weiss, dass es grössere Probleme gibt, wie Terror, Flüchtlingsströme, Welthunger und, und, und. Doch diese Nöte werden durch Zynismus noch zusätzlich befeuert.

Brauchen wir heute mehr Eskapismus im Kino denn je? Erklärt das den übermächtigen Erfolg der Superhelden-Sagas und der Filmmärchen?
Ich finde es okay, der Realität zu entfliehen und in ein Märchen einzutauchen. Dafür sind Märchen doch gedacht: um uns von der Realität zu erholen. Vielleicht kommt man aus diesem Film mit etwas mehr Vorstellungskraft heraus und der Hoffnung, dass auch die eigenen Träume wahr werden können. Vielleicht inspiriert man dann sogar andere dazu, für das zu kämpfen, was richtig ist.

Lebenswerk eines Unermüdlichen

Bereits im zarten Alter von acht Jahren wurde Steven Spielberg von seinem Vater mit einer Super-8-Kamera ausgestattet. Er verpflichtete sogleich seine Schwestern und Freunde für seine filmischen Erstlinge.

1975 brachte ihm «Der weisse Hai» den Titel eines Hollywood-Wunderkindes ein. Auch fast alle seiner darauffolgenden Filme spielten Rekordsummen ein, und mit «E. T.» und «Jurassic Park» eroberte er die Hitlisten der erfolgreichsten Filme aller Zeiten.

Trotz anspruchsvoller Werke wie «Die Farbe Lila» oder «Das Reich der Sonne» – von Kritikern als unreif und oberflächlich verpönt – erreichte Spielberg mit «Schindlers Liste» endlich die verdiente Anerkennung und bekam den lang ersehnten Regie-Oscar. Für das Holocaust-Drama erhielt er im Ganzen sieben Oscars und für seinen schockierenden Kriegsfilm «Der Soldat James Ryan» deren fünf.

Sein jüngster Film «Big Friendly Giant» – ein märchenhafter Fantasyfilm – ist ein weiteres Meisterwerk des Regiekünstlers aus den USA.

Steven Spielberg ist am 18. Dezember 1946 in Cincinnati geboren und seit 1991 mit Kate Capshaw verheiratet. Laut «Forbes» hat Spielberg ein Vermögen von 3,4 Milliarden US-Dollar.

Kommentare (0)

Danke für Ihren Kommentar

Enthält dieser Kommentar bedenkliche Inhalte?

Der Text wird geprüft und eventuell bearbeitet oder blockiert.

Ihr Kommentar

Bitte vergessen Sie nicht Ihren Kommmentar.

Bitte geben Sie Ihren Namen an.

Pflichtfeld
Bitte geben Sie Ihre E-Mailadresse an.










Bitte beachten Sie beim Kommentieren unsere Netiquette und gehen Sie respektvoll miteinander um.



Login mit Coopzeitung-Profil

schliessen
Fehlertext für Eingabe

Fehlertext für Eingabe

Passwort vergessen?