Süsses Duell: «Lassen wir Taten folgen!»

Cecilia Bartoli wagt sich gerne auf Neuland – auch um wieder mehr Junge für die klassische Musik zu begeistern.

In einem 5-Sterne-Hotel in Rom. Cecilia Bartoli kommt angerauscht und ist leicht ausser Atem. «Bei diesem Verkehr ist man zu Fuss viel schneller», sagt die 51-jährige Römerin, die zu den erfolgreichsten Opernsängerinnen der Gegenwart zählt – und zugleich auch noch als künstlerische Direktorin die Salzburger Pfingstfestspiele leitet. Bartoli hat keine Zeit zu verlieren, so viele Projekte, wie sie am Laufen hat. So erscheint in diesen Tagen das Album «Dolce Duello», das sie mit ihrer Musikerkollegin Sol Gabetta aufgenommen hat; darin duellieren sich die italienische Mezzosopranistin und die argentinische Cellistin, allerdings auf süssliche Weise.

Cecilia Bartoli, welche Duelle unserer Zeit faszinieren Sie?
Ich weiss, welche mich nicht faszinieren: die politischen Duelle im Fernsehen, bei denen alle durcheinanderschreien. Man wähnt sich im Hühnerstall, wenn man diesen Streitereien zuhört. Keiner kann seine Argumente darlegen, alle unterbrechen sich ständig. Die Politiker sollten sich ein Beispiel an den Musikern nehmen.

Inwiefern?
Nicht wenige Politiker sind richtige Schauspieler und versuchen mit viel Blablabla zu überzeugen oder die Menschen hinters Licht zu führen. Das ist in der Musik nicht möglich. Da kannst du als Musiker nicht betrügen. Nur ehrliche Musik berührt die Seele.

Auf Ihrem neusten Album «Dolce Duello» messen Sie sich mit Sol Gabetta. Wie ist es zum süssen Duell gekommen?
Sol Gabetta und ich kennen uns schon seit einigen Jahren. Der Zufall wollte es mehrmals, dass wir zur gleichen Zeit in derselben Stadt auf Tournee waren. Wenn es in den Zeitplan passte, besuchte ich sie – und umgekehrt. Irgendwann beschlossen wir, dass wir etwas zusammen auf die Beine stellen wollen. Seitdem schoben wir das vor uns her. Mittlerweile sind sicher zehn Jahre vergangen. Bis wir sagten: Es reicht, lassen wir endlich Taten folgen!

Was Sie auch taten.
Ich sagte: Sol, wir müssen aber schon etwas Schlaues finden, bei dem beide ihre Stärken ausspielen können. Stimme und Violoncello sind ja nicht einfach zu kombinieren. Im Zeitalter des Barocks verbanden Komponisten wie Händel die Stimme mit verschiedenen Instrumenten. Diese musikalischen Duelle waren damals etwas völlig Normales. Vieles ist pure Improvisation, ein Spiel. Man muss stets auf der Hut sein und darauf achten, wo die Arien plötzlich kräftig, dann lieblich, schliesslich melancholisch werden.

Wie viel Zeit verbringen Sie selber in Archiven, um Werke zu entdecken, die Sie für sich und Ihre Konzerte nutzen können?
Ich habe schon drei Wochen am Stück in den Archiven von St. Petersburg verbracht. Es war nicht einfach, da reinzukommen. Erst musste ich das Vertrauen der verantwortlichen Personen gewinnen und sie von meinen Ideen überzeugen. Ja, ich habe viel Zeit in Archiven verbracht.

Ihre schönste Entdeckung?
Die schönste, zugleich aber auch verblüffendste Entdeckung war die «Norma» von Bellini. Als ich das Originalwerk studierte, wurde mir klar, wie weit die heutigen Aufführungen sich von ihm entfernt haben. Was wir da an den Konzerten hören, unterscheidet sich stark von der ursprünglichen Partitur. Das hatte ich so ausgeprägt nicht erwartet.

Das Publikum klassischer Musik gehört eher der älteren Generation an. Was muss getan werden, damit auch Jüngere an die Konzerte kommen?
Es braucht wieder überraschendere Aufführungen. Es ist nicht so, dass sich die Jungen partout der klassischen Musik verweigern. Im Gegenteil, sie gehen gerne ins Theater – wenn man neue Ideen präsentiert. Im vergangenen Jahr brachte ich die «West Side Story» nach Salzburg. Zuerst war der Aufschrei gross: ein Musical! An den Salzburger Festspielen! «Na und?» habe ich geantwortet. «Das ist ein Meisterwerk von Leonard Bernstein!» Es wurde dann ein grosser Erfolg, weil es eine Fusion von Oper, Jazz, Blues, Ballett, Tanz und einigem mehr war. Für mich war das der Beweis, dass man neue Wege einschlagen muss, um die Aufmerksamkeit der Jungen anzuziehen Denn die brauchen wir.

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Als Musiker kannst du nicht betrügen. Nur ehrliche Musik berührt die Seele.»

Ebenfalls Meisterschaft erlangt haben Sie im Kochen. Bei einem einmaligen Event erhielten Sie gar 16 Gault-Millau-Punkte für einen Sechsgänger. Wie haben Sie das geschafft?
Indem ich die Teller singend an die Tische brachte. (Lacht.) Spass beiseite: Das war in Zürich, im Restaurant Seidenspinner von Andi Stutz. In seinem Seidengeschäft kaufte ich oft den Stoff für meine Auftritte als Sängerin. Eines Tages sagte er mir: «Du musst unbedingt mit mir kochen!» Ich sträubte mich zuerst dagegen, doch er insistierte und so machte ich mit. Wenn ich mich richtig erinnere, bereitete ich Gnocchi zu … mit Trüffeln. Zum Glück war meine Mutter dabei, sozusagen als Supervisor.

Die italienische Küche ist diskussionslos die beste, oder?
Aber klar doch! Auch wenn die Franzosen immer der Überzeugung sind, dass ihre Küche die beste sei. Sie sind sehr gut im Präsentieren und Meister der Werbung. Trotzdem können sie es nicht mit uns Italienern aufnehmen, wenn es ums Essen geht. Unsere Kreationen sind unschlagbar. Ebenso die Zutaten. Die Tomaten, die wir ernten, sind durch die Sonne des Sommers gereift und haben einen wundervollen Geschmack. Die gibt es so nur in Italien. Ich will keine Tomaten aus Holland, wo die Sonne viel zu selten scheint, als dass die Tomaten richtig saftig werden könnten.

Machen wir ein Spiel: Welches Essen würden Sie mit welcher Musik unterlegen? Beginnen wir mit Spaghetti all’arrabbiata.
Eine schöne Idee, aber ich muss Sie enttäuschen. Während des Essens ist Musik tabu.

Im Ernst? Wo in Italien doch in vielen Haushalten während des Essens der Fernseher läuft!
Für mich ist das eine Unsitte. Beim Essen soll man sich in die Augen schauen, miteinander reden und vor allem das Essen bewusst geniessen. Kommt noch hinzu, dass auch die Musik die ganze Aufmerksamkeit benötigt.

Was und wann essen Sie an einem Konzerttag?
Ich habe gemerkt, dass mir Kohlenhydrate sehr gut tun. Allerdings muss ich sie frühzeitig zu mir nehmen. Bei einem Konzert um acht Uhr abends sollte ich spätestens um ein Uhr mittags essen. Wenn mein Magen während des Singens mit Verdauen beschäftigt wäre, würde das nicht funktionieren. Also nehme ich erst nach dem Konzert wieder etwas zu mir. Und das ist eine Tragödie. Denn man isst spät – viel zu spät. Deshalb ist es so wichtig, dass wir Konzertpausen einlegen können, um wieder in einen normalen Rhythmus zu kommen.

Singt es sich mit Wein besser?
Nein, überhaupt nicht. Dann würden Sie bei einem Singduell vier Säbel sehen statt zwei. Das wäre der einzige Effekt.

Wie pflegen Sie die Stimme?
Ganz einfach: Die Klimaanlage vermeiden und nicht zu viel reden.

Sie leben in der Schweiz. Was hat Sie überrascht, als Sie zu Ihrem Gatten, dem Zürcher Bariton Oliver Widmer, in die Nähe von Zürich zogen?
Was mich ebenso erstaunte wie beeindruckte, war die Toleranz, die in der Schweiz gelebt wird. Hier hat es viele Nationalitäten und trotzdem gibt es eine wunderbare Harmonie, die in anderen Ländern so nicht möglich ist. Ihr habt einen Weg gefunden, dass alle miteinander auskommen. Es wäre schön, wenn die Schweiz dieses Geheimnis, wie sie das schafft, ans restliche Europa weitergeben könnte.

Was muss in Italien anders werden?
Nächste Frage bitte! (Lacht.) Nein, ich finde, Italien muss unbedingt mehr in die Kultur investieren. Wir haben einen wunderbaren Kulturschatz, der sollte gepflegt werden. Die Politiker sollen sich darum kümmern, statt ständig ihr Blablabla im Fernsehen abzusondern. Unsere Kunstschätze sind das Erdöl Italiens.

Zurück zu den Duellen in der Musik. Wenn Sie sich mit einem modernen Sänger ein Duell liefern müssten, wen würden Sie wählen?
Es wäre toll, wenn ich mit Sting ein Duell – oder ein Duett – hätte. Schreiben Sie das bitte, vielleicht liest er es ja. (Lacht.) Sting ist ein Künstler mit grossem Charisma. Sonst fällt mir nur noch Mick Jagger ein. Ihn habe ich einmal im Lift angetroffen, abends um sieben. Er war zu seinem Konzert unterwegs, ich zu meinem. Wir waren wie zwei Banker, die zur Arbeit fahren.

Entscheiden Sie sich – ein Duett mit Sting oder aber mit Mick Jagger?
Ich kann mich nicht entscheiden. Deshalb wähle ich beide: Wir bilden ein Trio.

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Andreas W. Schmid

Redaktor

Foto:
Decca / Esther Haase
Veröffentlicht:
Montag 06.11.2017, 15:57 Uhr

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