Sylvie Marinković: Auf den Moment konzentriert

Die 16-Jährige ist für ihre schauspielerische Leistung im Film «Cure – Das Leben einer Anderen» für den Schweizer Filmpreis nominiert.

Mit ihrem Vater, der als Arzt seinen kroatischen Landsleuten nach dem Bürgerkrieg helfen will, reist Linda nach Dubrovnik. Dort freundet sich die introvertierte 14-Jährige mit der gleichaltrigen, aber viel selbstbewussteren Eta an. Bei einem Streit stürzt Eta von den Klippen. Linda schlüpft in die Rolle der Toten und geht auf eine spannende Suche nach sich selbst …  Durch ihr von Regisseurin Andrea Štaka («Das Fräulein», Goldener Leopard Locarno 2006) angeleitetes Spiel gibt die Zuger Gymnasiastin Sylvie Marinković in der Rolle der Linda einen beeindruckenden Einblick in das Innenleben des Teenagers.

Wie fühlt es sich an, als Newcomerin neben Ursina Lardi und Sabine Timoteo als beste Hauptdarstellerin für den Schweizer Filmpreis nominiert zu sein?
Bei der Bekanntgabe an den Solothurner Filmtagen ging alles ganz schnell. Ich hatte kaum die Zeit die Namen der Nominierten auf der Leinwand zu lesen. Richtig verstanden habe ich erst, was passiert war, als Andrea [Štaka] neben mir Luftsprünge machte. Dann habe auch ich mich riesig gefreut. Inzwischen bin ich jedoch wieder runter gekommen. Gewöhnungsbedürftig ist es trotzdem.

Sie haben ja auch schon einen Preis für Ihr erste Rolle bekommen ...
Ja, beim Art-house Film Festival in Batumi, Georgien. Dort war ich jedoch leider nicht bei der Preisverleihung, sondern sass zuhause und lernte für eine Chemieprüfung. Ich musste noch viel Stoff büffeln, weil ich – wie immer – spät dran war, als die SMS von Andrea eintraf: «Gratulation, wir haben den Preis für Best Actress gewonnen!» Das Handy ist mir vor Freude fast aus der Hand gefallen. Ich habe dann mit meiner Mutter und meiner Schwester noch [auf diesen Erfolg] angestossen.

Hat die Anerkennung den Stellenwert, welche die Schauspielerei für Sie hat, verändert?
Beim Film arbeitet man zwei Monate sehr hart und dann passiert ein bis zwei Jahre gar nichts - bis zur Premiere. Dann bekommt man viele Einladungen und kann alles nur noch geniessen. Die Beziehung zu meiner Arbeit ändert sich dadurch nicht. Man arbeitet ja nicht für die Anerkennung, sondern für das Projekt an sich. Die Preise motivieren jedoch sicher zum Weitermachen und verleihen Selbstbewusstsein.

Die Ohrringe sind ein Geschenk von Andrea Štaka.

Die Ohrringe sind ein Geschenk von Andrea Štaka.
Die Ohrringe sind ein Geschenk von Andrea Štaka.

Haben die Dreharbeiten Ihren Erwartungen [von der Filmwelt] entsprochen?
Wenn ich zurückdenke, finde ich es schon erstaunlich, mit wie wenig Ahnung von dem, was auf mich zukam, ich mich vor zwei Jahren auf dieses Abenteuer eingelassen hatte. Ich bin mit der Vorstellung, wie es an einem Filmset wohl sein würde, ins kalte Wasser gesprungen und habe dann gemerkt, was das für eine Knochenarbeit ist, physisch wie psychisch. Aber ich habe es geliebt, 12 Stunden auf dem Set zu sein, alles zu geben und dann zufrieden und ausgepowert ins Bett zu sinken.

Haben Sie den ganzen Text zuhause auswendig gelernt?
Nein, Andrea hat Lucia, die meine Freundin Eta spielt, und mir den Text immer erst am Vorabend gegeben und die möglichen Umsetzungen mit uns diskutiert, weil sie wollte, dass wir uns ganz auf den Moment konzentrieren. Für Andrea war es eine Herausforderung, Teenagern solch komplexe Themen zu erklären. Und die Überraschung war entsprechend gross, wie viel wir instinktiv verstanden haben, weil wir die Figuren mit der Zeit nicht mehr verkörperten, sondern waren. Nur deshalb wirken wir authentisch.

«

Beide Kulturen sind ein wichtiger Teil von mir»

Welche Parallelen gibt es denn zwischen Ihnen und Linda?
Da ich damals so alt war wie sie, tauchten in meinem Leben etwa die gleichen Fragen nach Identität und Freundschaft auf. Ich war eben ans Gymi gekommen und musste meinen Platz in der Gruppe finden. Vorher war ich nie ohne meine Zwillingsschwester unterwegs gewesen. Diesmal wollten wir bewusst nicht in die gleiche Klasse, damit ich mich emanzipiere. Früher hatte ich ihr nämlich meistens das Zepter überlassen, da sie die «toughere» von uns beiden war.

Hatte Ihre Schwester kein Interesse an der Rolle?
Sie hat sich anfangs auch beworben, aber mehr als Unterstützung für mich, weil ich mich damals allein noch nicht getraut hätte. Da wir keine eineiigen Zwillinge sind, haben wir öfter unterschiedliche Interessen. Die Blockbuster, die sie gerne schaut, sind mir zu flach, fordern das Publikum zuwenig. Arthouse-Filme sind thematisch und von der Umsetzung gewagter und ausdrucksstärker.

Lieblingsbuch: «Der Prophet» von Khalil Gibran

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Wie lief der Casting-Prozess ab?
Ich war 12 Jahre alt, als ich vom Casting gehört habe. Ich war total euphorisch und wollte das unbedingt. Man musste ein Video einschicken, in dem man sich vorstellte. Ich habe täglich mein extra dafür eingerichtetes Mail-Account gecheckt. Als ich nach sieben Wochen immer noch keine Antwort hatte, gab ich die Hoffnung auf. Dann kam Andreas Einladung zu einem ersten Kennenlernen, danach zum Improvisieren vor der Kamera.

Woher nahmen Sie den Mut?
Ich brachte keine schauspielerische Erfahrung mit, war extrem unsicher und dachte, dass meine Chancen minimal sind. Vielleicht hat mich gerade das angetrieben. Ich dachte: «Ich muss es versuchen, sonst verzeihe ich mir das nie!» So bin ich über meinen Schatten gesprungen und habe mehr als 100 Prozent gegeben.

Spiegelt der Film auch Erfahrungen mit Ihren eigenen Wurzeln?
Die Zerrissenheit zwischen den zwei Kulturen kenne ich gut. Vor allem gegen Ende der Primarschule habe ich mich oft gefragt, ob ich Schweizerin oder Bosnierin bin. Ich wusste darauf keine Antwort. Durch den Film ist mir erstmals klar geworden, was meine Verwandten während des Bürgerkriegs in Ex-Jugoslawien alles erlebt haben. Das hat mich extrem beschäftigt.

Haben Sie Ihre Eltern darauf angesprochen?
Ich habe sie danach gefragt, doch ihre Antworten fielen immer sehr knapp aus. Sie wollten nicht darüber sprechen, um uns Kinder davor zu schützen. Andrea hat mir erzählt, dass sie beim Telefonieren mit ihrer Großmutter in Kroatien oft Schüsse im Hintergrund gehört hat. Meinen Eltern ist es wohl ähnlich ergangen.

Was haben Sie von Linda in Ihre Realität mitgenommen?
Lucia und ich haben innert zwei Monaten und vor der Kamera durchlebt, wofür andere Teenager drei Jahre Zeit haben. Ich habe dabei erkannt, dass ich nicht nur beide Pässe habe, sondern beide Kulturen ein wichtiger Teil von mir sind. Da ich über Dinge, die mir Angst machten, sprechen musste, z.B. Sexualität oder Intimität mit der Freundin, bin ich gereift und selbstbewusst geworden.

Wie äussert sich das?
Nach dem Dreh wollte ich fast überall allein hingehen. Einerseits, weil ich das Alleinsein genossen habe, anderseits, weil ich stolz war, selber klar zu kommen. Ich hatte auch Mühe, mich wieder an das Leben unter Gleichaltrigen zu gewöhnen, zumal ich schon weiss, dass ich weiter im Filmbereich arbeiten möchte. Vielleicht werde ich Regie studieren. Die Schauspielerei fasziniert mich jedoch weiterhin am meisten. Aber ich habe ja [bis zur Matura] noch zwei Jahre Zeit, mir alles durch den Kopf gehen zu lassen.

Vier Daten im Leben von Sylvie Marinković

1998 Am 28. März geboren in Zug als Tochter bosnischer Auswanderer

2012 Dreharbeiten von Andrea Štakas «Cure – Das Leben einer Anderen» mit Sylvie als Hauptdarstellerin

2014 Premiere von «Cure – Das Leben einer Anderen» im Wettbewerb des Filmfestivals von Locarno

2015 13. März Verleihung des Schweizer Filmpreises in Genf (SRF2 zeigt um 21.55 Uhr eine Zusammenfassung)

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Foto:
Raja Läubli
Veröffentlicht:
Montag 09.03.2015, 17:04 Uhr

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