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Gern gesehene Gäste: Reb- und Kellermeister Rolf Clavadetscher fährt rund 40 Erntehelfer zur Arbeit.

Ein Spass für Gross und Klein: Morgens um 9 Uhr werden die Erntehelfer mit dem Traktor in den Weinberg gefahren.

Jeder Helfer bekommt eine Schere ...

... dann geht die Wimmet in dem 6.5 Hektar grossen Rebberg los. 

Giacun und Anita Darms aus Falera schneiden die Trauben. 

Ebenso sind Kinder an diesem Tag mit von der Partie. 

Die Jugendlichen beweisen erstaunlich viel Energie und haben teilweise die Eimer noch vor den Grossen gefüllt. 

Die Arbeit im Maienfelder Weinberg ist für die freiwilligen Helfer etwas ganz Besonders. Nicht nur wegen der atemberaubende Kulisse. 

Wenn der Eimer voll ist, kommt der Traubenträger. Der muss ...

... körperlich fit sein, da sich das Gewicht der Tause auf rund 22 Kilogramm beläuft. 

Das Objekt der Begierde ist an diesem Erntetag der Blauburgunder. Er ist die meistangebaute Rotweinsorte der Schweiz.

Im Weinberg herrscht ein reger Betrieb. Weil das Wetter so herrlich mitspielt, nutzen viele Winzer den Tag, um die Arbeit eines ganzen Jahres in trockene Tücher zu bringen.

Kurze Verschnaufpause, bevor es für die Erntehelfer mit der Rückentrage... 

...wieder die Holzleiter hoch zum Traktorwagen geht.

Trauben, soweit das Auge reicht. Die werden nun gewogen und weiterverarbeitet.

Im Keller werden die Stiele von den Beeren getrennt und in die Gärtanks gepumpt.

Hierbei muss gut kontrolliert werden, dass der Tank nicht überläuft. 

Die Stiele kommen nicht in den Wein, da sie ihn bitter machen würden. Menga Clavadetscher lädt sie auf, damit sie ...

... am Nachmittag von ihrem Vater zurück in die Reben gebracht werden können. 

Der Reb- und Kellermeister vom Weingut Pola weiss: Die Stiele eigenen sich bestens als organischer Dünger fürs nächste Jahr. 

Das Mittagessen haben sich alle redlich verdient: Es gibt Ghackets und Hörnli sowie ... 

... etwas Süsses. Schliesslich müssen alle – erst recht die lieben Kleinen – für den zweiten Teil der Ernte wieder zu Kräften kommen. 

Teamwork – aus Liebe zum guten Wein

Die Traubenlese ist der Jahreshöhepunkt eines Winzers. Damit dieser Schritt der Weinproduktion gelingt, braucht es die Unterstützung von engagierten Helferinnen und Helfern.

Auch die Jüngsten helfen begeistert mit: Lana, Lynn und Gianni (von links) schneiden die Trauben vom Stock 

Auch die Jüngsten helfen begeistert mit: Lana, Lynn und Gianni (von links) schneiden die Trauben vom Stock 
http://www.coopzeitung.ch/Teamwork+_+aus+Liebe+zum+guten+Wein Auch die Jüngsten helfen begeistert mit: Lana, Lynn und Gianni (von links) schneiden die Trauben vom Stock 

Kurz vor 9 Uhr herrscht an diesem kühlen Herbstmorgen in Maienfeld GR die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm. Es ist Erntetag in den Rebbergen der Bündner Herrschaft – die Arbeit eines ganzen Jahres soll in trockene Tücher gebracht werden. «Am Morgen wissen wir noch nicht, wie viele Erntehelfer kommen werden», sagt Weingutsbesitzer Andreas von Sprecher. Doch als er vor sein Haus tritt, ist dieser Gedanke schnell vergessen. Rund 40 Helferinnen und Helfer stehen in den Startlöchern – mehr waren es noch selten. Darunter gibt es viele langjährige Unterstützerinnen und Unterstützer: Verwandte, Rentner, Sympathisanten und auch ein paar Kinder sind mit dabei. Das ist typisch für Schweizer Weingüter, ohne die Hilfe von Familie und Freunden in der Erntezeit gäbe es keinen Wein.

Viel Ausrüstung braucht ein Erntehelfer nicht: eine Schere und einen Eimer, allenfalls Handschuhe, warme Kleidung und ganz sicher gutes Schuhwerk. Die sechs stärksten Männer der Gruppe brauchen neben kräftigen Bein- und Rückenmuskeln eine Tause – so nennt man im Kreis Maienfeld die Rückentrage, die zum Transport der Trauben aus dem Weinberg bis zum Traktorwagen mit den grossen Traubenbehältern dient. Dann kann es losgehen. Ehe man sich versieht, beginnen die Erntehelfer die Früchte von den Reben zu schneiden. Was während eines Jahres wuchs, ist jetzt ganz schnell vom Stock: schnipp-schnapp, kurz kontrollieren und direkt in den Eimer. Heute werden Trauben der Sorte Blauburgunder gepflückt, die in Frankreich auch Pinot Noir heisst, und ausserdem die meistangebaute Rotweinsorte der Schweiz ist. «Mein Eimer ist voll!», ruft Arthur Rettich nach kurzer Zeit, und ein Traubenträger ist sofort zur Stelle. Seit vielen Jahren helfen der Pensionär und seine Frau Claudia bei der Ernte auf dem Weingut Pola mit. «Die Qualität scheint gut zu sein in diesem Jahr», sagt Claudia Rettich. «Manchmal müssen wir viel rausschneiden – diesmal fast nichts.» Die Erntehelfer wachen auch darüber, dass keine faulen oder unreifen Trauben in den Wein gelangen.

Ein verantwortungsvoller Job. «Die Erntezeit ist für uns der Abschluss eines ganzen Jahreszyklus», erklärt Reb- und Kellermeister Rolf Clavadetscher. «Über die Qualität entscheidet der heutige Tag nicht, diese Arbeit ist längst gemacht», führt Andreas von Sprecher weiter aus. Auch wenn manche Leute glauben, dass Winzer nur im Herbst arbeiten – unter dem Jahr müssen die Reben zum Beispiel nach bestimmten Regeln geschnitten werden, damit sie im folgenden Jahr Früchte tragen. Dann muss zum Beispiel auch das Gras zwischen den Rebzeilen gemäht werden. Schliesslich kommt noch die Überwachung der heranwachsenden Früchte im Rebberg und der werdenden Weine im Keller dazu.

Während die Ernte der 6,5 Hektar Reben mit 40 Mann drei Tage dauert, sind Rolf Clavadetscher und sein einziger ständiger Mitarbeiter oft Wochen mit einer Aufgabe beschäftigt. «Qualität entsteht im Rebberg, das weiss man erst, wenn man das mal miterlebt hat», sagt Clavadetscher. Das bestätigen auch die Erntehelfer. Wer einmal bei der Traubenernte mit dabei war, hat eine andere Beziehung zum Produkt Wein.

Traubenlese als Kulturanlass 

Durchtrainiert und mit Schwung: Helfer Daniel Sprecher (auch auf dem Titelbild zu sehen) schüttet 22 Kilo Trauben in den Behälter. 

Durchtrainiert und mit Schwung: Helfer Daniel Sprecher (auch auf dem Titelbild zu sehen) schüttet 22 Kilo Trauben in den Behälter. 
http://www.coopzeitung.ch/Teamwork+_+aus+Liebe+zum+guten+Wein Durchtrainiert und mit Schwung: Helfer Daniel Sprecher (auch auf dem Titelbild zu sehen) schüttet 22 Kilo Trauben in den Behälter. 

Helfer Daniel Sprecher ist heute als Tausenträger zugange, gerade steigt er die Holzleiter den Traktorwagen hoch, um die Trauben mit Schwung über die Schulter in die grossen Traubenbehälter zu schütten. Ganze 22 Kilogramm finden Platz in seiner Trage: «Etwas fit sein muss man schon, aber die Traubenlese ist für mich eigentlich keine Arbeit», sagt Daniel Sprecher. «Das ist ein kultureller Anlass.» Er kennt die bewegte Geschichte des Adelsgeschlechts von Sprecher genau, hat diverse Bücher und Artikel zu dem Thema publiziert und weiss auch um den kulturellen Wert des Sprecherhauses, wo die Familie heute noch wohnt und sich auch der Weinkeller befindet. Es ist kurz vor Mittag, Rebmeister Rolf Clavadetscher ist mit dem Traktor und den vollen Traubenbehältern auf dem Weg zum Haus – und auch viele Lesehelfer sind mit dabei, wenn der Mittagstisch ruft. «Es ist wichtig, dass man die Trauben bald nach der Ernte verarbeitet und dabei sauber vorgeht», erklärt Rolf Clavadetscher. Vom Hinterhof gelangen die Trauben durch ein grosses Rohr in den Keller. Dort werden zunächst die Stiele von den Beeren getrennt und diese zur weiteren Verarbeitung in die sauber glänzenden Gärtanks gepumpt. Die Stiele kommen nicht in den Wein, sie sind nämlich bitter, und das will man natürlich vermeiden. Stattdessen werden sie am Nachmittag wieder im Rebberg ausgebracht, als organischer Dünger.

Willkommene Zwischenstärkung

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Der Erntetag entscheidet nicht über die Weinqualität.»

Andreas von Sprecher, Besitzer Weingut Pola

Das Mittagessen haben sich jetzt alle verdient, auch Clavadetscher ist froh um eine Pause. Andreas von Sprechers Frau Claudia, Tochter Toya, von Sprechers Schwester Menga sowie Freundin Josy und Nachbarin Anita sind schon den ganzen Vormittag in der Küche zugange. Es gibt Salat, Hörnli und Ghackets und natürlich den eigenen Wein – für alle, die wollen. «Wir kamen etwas ins Schleudern heute», sagt Claudia lachend. «Wir wissen am Morgen ja nicht, wie viele Helfer kommen. Mit so vielen haben wir ehrlich gesagt nicht gerechnet.» Davon merken die Helfer allerdings nichts, alle werden satt und die Zeit reicht sogar noch für einen Kaffee, bevor Andreas von Sprecher wieder zum Abmarsch ruft.

Manpower gegen Naturalien

Rolf Clavadetscher leert unter Aufsicht seiner Töchter Menga (links) und Elvira die Trauben in den Trichter, der in den Keller führt. 

Rolf Clavadetscher leert unter Aufsicht seiner Töchter Menga (links) und Elvira die Trauben in den Trichter, der in den Keller führt. 
http://www.coopzeitung.ch/Teamwork+_+aus+Liebe+zum+guten+Wein Rolf Clavadetscher leert unter Aufsicht seiner Töchter Menga (links) und Elvira die Trauben in den Trichter, der in den Keller führt. 

Die Erntehelfer auf dem Weingut Pola kriegen natürlich nicht nur ein Mittagessen. Jeder kriegt auch einen kleinen Lohn – den kann man sich wahlweise in Geld oder in Wein auszahlen lassen. Die Basler Medizinstudentin Carolin Cordewener ist zum ersten Mal mit dabei und über ihre Kollegin Toya dazugekommen. «Ich habe ihre Snapchat-Einträge von der letztjährigen Ernte gesehen und da wusste ich, dass ich das einmal miterleben möchte», sagt sie. Heute arbeitet sie gemeinsam mit Carla Quevado, der Nichte der Weingutsbesitzer. Diese hat ausserdem ihre kleine Tochter Lana mit dabei, die ebenfalls tatkräftig mit anpackt. Lana hat Ferien. «Wir haben drei Wochen Ernteferien und dafür eine Woche weniger Sommerferien», erklärt sie. Und Mutter Carla präzisiert, dass die Schule in Maienfeld in Absprache mit den Winzern die Herbstferien jeweils um eine Woche in die eine oder andere Richtung verlängert. Ein Brauch aus alten Zeiten, der in Maienfeld noch aktiv gelebt wird.

Menga kontrolliert, dass der Tank beim Befüllen nicht überläuft. 

Menga kontrolliert, dass der Tank beim Befüllen nicht überläuft. 
http://www.coopzeitung.ch/Teamwork+_+aus+Liebe+zum+guten+Wein Menga kontrolliert, dass der Tank beim Befüllen nicht überläuft. 

Am Nachmittag könnte man erwarten, dass die Helfer langsam müde werden. Weit gefehlt! Dank der gegenseitigen Unterstützung schaffen sie es, bis zum Abend 10 Tonnen Trauben der Sorten Pinot Noir und Chardonnay in den Keller zu bringen, und zwei weitere Erntetage sollen folgen. Andreas von Sprecher und Rolf Clavadetscher schauen gemeinsam auf den Wetterbericht. «Morgen sieht es nach Regen aus», sagt Clavadetscher. «Bei Regen kann man keine Trauben lesen, wir wollen ja nicht, dass der Wein verwässert wird.» Sie werden ganze fünf Tage warten müssen, bis es wieder trocken wird. Es wird nochmals spannend. Wie viele Erntehelfer werden dann wohl kommen?

«Der Weinmarkt ist hart umkämpft»

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Schweizer Spitzenweine sind zu günstig. Warum, erklärt Mondovino-Experte und NZZ-Weinredaktor Peter Keller.

Die Weinernte in der Schweiz ist so gut wie abgeschlossen. Wie schätzen Sie den Jahrgang 2016 ein?
Dieses Jahr war für die Winzer relativ schwierig. Der Herbst war glücklicherweise sonnig und trocken, doch dem gingen Frost im Frühjahr und feuchtes Wetter im Sommer voraus. Der Frost sorgte für Ertragsausfälle, das feuchte Wetter für einen enormen Druck bei Pilzkrankheiten. Die Erntemenge wird 2016 wohl kleiner als üblich und je nach Region unterschiedlich ausfallen. Nur wer sehr viel Arbeit im Rebberg investiert hat, wird in diesem Jahr gute Qualität liefern können.

Wird sich diese Situation auf die Weinpreise auswirken?
Der Weinmarkt Schweiz ist hart umkämpft, die Konkurrenz aus dem Ausland gross. Deshalb sind Preiserhöhungen nicht so leicht durchzusetzen. Grundsätzlich finde ich aber, dass Schweizer Weine teurer sein sollten, vor allem im Spitzenbereich. Wenn wir nämlich die Preise für Spitzenweine aus der Schweiz mit dem Rest der Welt vergleichen, sind unsere Topgewächse immer noch günstig. Und das bei deutlich höheren Produktionskosten. Das Rebland hier ist teuer, viel muss von Hand gemacht werden. Ausserdem ist das Lohnniveau eines der höchsten in Europa. Höhere Preise wären also durchaus gerechtfertigt.

Wieso sind Schweizer Weine dann im Ausland kaum bekannt?
Die hervorragenden Weine kommen kaum über die Grenze. Das liegt vor allem an den geringen Mengen, denn die reichen gerade mal für uns selbst. Nur knapp ein Prozent geht ins Ausland, und dort beschränkt sich alles auf einzelne, wenige Namen.

Was verpassen die Weingeniesser im Ausland?
Zu unseren grossen Stärken gehören sicherlich die zahlreichen autochthonen Sorten – also Traubensorten, die nahezu ausschliesslich in einem bestimmten Anbaugebiet kultiviert werden – und einzigartigen Spezialitäten, beispielsweise im Wallis. Dazu kann man durchaus auch den Chasselas zählen, denn fast nirgendwo auf der Welt gibt es diese Sorte in einer so grossen Vielfalt. Und dann sorgt eine neue, junge, innovative Winzergeneration mit ihrem Qualitätsdenken für Dynamik. Die Schweizer Winzer werden mutiger und haben deutlich mehr Selbstvertrauen als noch vor 20 Jahren.

Interview: Dominik Vombach

Text:
Benjamin Herzog
Foto:
Yannick Andrea
Veröffentlicht:
Montag 31.10.2016, 16:45 Uhr

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