So gehts: Toni Nadal (r.) nimmt sich für jeden Teilnehmer Zeit und bringt kleine Korrekturen an.

Tennisdrill mit «Onkel Toni»

Seinen Neffen Rafael Nadal führte er an die Spitze der Weltrangliste. Seit Kurzem gibt Starcoach Toni Nadal sein Wissen in der Rafa Nadal Academy auf Mallorca auch Hobbyspielern weiter – wir durften testen.

Der Taxifahrer, ein etwas untersetzter älterer Herr, hebt die Augenbrauen. Sein Blick ist schwer zu deuten. Irgendetwas zwischen Verständnislosigkeit und Verwunderung. Er fragt erneut: «Dondé?» Ich versuche es nochmals in meinem besten Spanisch: «Me llevan a la Academia de Rafael Nadal en Manacor»! Er runzelt die Stirn. Trotzdem – er drückt aufs Gaspedal.

Fernab des Massentourismus

Rund 50 Minuten dauert die Fahrt vom Flughafen Palma de Mallorca zu meinem Zielort, dem wirtschaftlichen Mittelpunkt im Ostteil der Balearen-Insel und fernab des Massentourismus. Daher wohl auch die Skepsis des Taxifahrers. Während die karge Winterlandschaft am Autofenster vorbeirauscht, schaut dieser in den Rückspiegel und fragt: «Calle?» Ich wühle nochmals in meinen Unterlagen, finde aber beim besten Willen keinen Strassennamen. Ich versuche  es auf Englisch: «To the Rafael Nadal Tennis Academy please!» Keine Ahnung, was er vorher verstanden hatte, aber jetzt weicht sein mürrischer Gesichtsausdruck einem wohlwollenden Lächeln. «Ah ... you tennis player?» Ich (stolz): «Yes!»

Auf den letzten Metern unseres gemeinsamen Weges gerät Miguel (wie er über Funk angesprochen wird) dann regelrecht ins Schwärmen und erzählt mir – vom Spanisch ins Englisch wechselnd und umgekehrt –, wie stolz die ganze Insel auf ihren Vorzeigesportler ist. Ihr Idol: Rafael Nadal (32), den Zweiten der Tennisweltrangliste, der in seiner Heimatstadt Manacor vor zwei Jahren eine Tennis-Akademie errichtete. Es ist dies der Ort, wo ich in den nächsten sieben Tagen versuchen werde, meine Fähigkeiten als durchschnittlicher Turnier- und Interclubspieler zu verbessern.

17 Stunden Tennis pro Woche

Dem Ganzen vorausgegangen war eine Mail-Ausschreibung mit folgendem Wortlaut: «Toni Nadal wird ein exklusives einwöchiges Tennistraining für Erwachsene in der Rafa Nadal Academy durchführen. Es umfasst zwölf Stunden Training mit Toni Nadal und fünf Stunden mit den Trainern der Akademie.» Für jene, die mit dem Sport rund um den gelben Filzball nicht so vertraut sind: Toni Nadal (57) ist Onkel und ehemaliger Trainer von Tennis-Superstar Rafael Nadal und führte diesen unter anderem zu 16 Grand-Slam-Titeln. Integriert im Programm sind zusätzliche Aktivitäten, wie Ernährungscoachings, Kurse über Tennismaterialien und Functional Training (etwas ganz Spezielles – ich komme darauf zurück).

Träume von Stieren

Für mich also die ideale Vorbereitung auf die bevorstehende Interclub-Saison (seit Langem wieder einmal 1. Liga) – dachte ich und meldete mich an. Genau einen Monat später stehe ich nun vor dem eindrücklichen Sportkomplex auf einer kleinen Anhöhe oberhalb Manacors. Der Stier – das Logo von Rafael Nadal – ist allgegenwärtig  – und irgendwie fordernd! Es lässt erste Zweifel aufkommen. War das wirklich eine gute Idee? Irgendwo in der Magengegend macht sich das Gefühl breit, dass sich «Onkel Toni», der in den TV-Interviews immer supernett und zuvorkommend rüberkommt, als unerbittlicher Schleifer entpuppen wird. Auch Miguel, der Taxifahrer, ist von der Anlage beeindruckt. Anscheinend hat er noch nicht viele Touristen hierherfahren müssen. Kein Wunder! Normalerweise trainieren auf dieser Anlage Kinder und Jugendliche, die es einmal bis ganz nach oben schaffen wollen. Erst seit Kurzem bietet die Akademie auch Kurse für Hobby-Tennisspieler an. Meine erste Nacht im modernen, aber schlicht eingerichteten Zimmer ist dementsprechend unruhig. Ich träume von Stieren.

Montagmorgen 08.15 Uhr erstes Treffen mit den Trainern und den anderen Kursteilnehmern in der Caféteria. Nach einer kurzen Einführung betreten wir die Courts. Die Anlage umfasst 19 Hart- und sieben Sandplätze. Wir spielen heute auf den Hardcourts. Für mich etwas gewöhnungsbedürftig, da wir in der Schweiz vornehmlich auf Sandplätzen zu Hause sind. Die Teilnehmergruppe ist bunt gemischt. Eine Französin, eine Kanadierin, ein Italiener, ein Brasilianer, ein Argentinier, zwei Amerikaner und ich. Die Trainer – drei an der Zahl – fordern uns zum Einspielen auf. Danach werden wir der Stärke nach in Gruppen eingeteilt und unterschiedlichen Plätzen und Coaches zugewiesen.

«

Den Ball mit guter Länge 50 Mal übers Netz spielen …  darauf kommt es an.»

Toni Nadal

In der stärksten Gruppe

Meine Mitspieler sind für den Rest der Woche die Französin Camille (24) – sie war schon auf dem Weg zum Tennisprofi, bevor Abnützungserscheinungen sie gezwungen hatten, eine andere Laufbahn einzuschlagen – und der bullige Argentinier Guillermo (41) mit einer brachialen Vorhand, die er wohl seinem berühmten Landsmann und Tennisprofi Juan Martin del Potro (29) abgeschaut haben muss. Unser Trio bildet die stärkste Gruppe. Es folgen zwei Stunden klassisches Tennistraining – nach je einer halben Stunde wird rotiert. Meine beiden Mitstreiter und ich dürfen zuerst bei Startrainer Toni Nadal ran. «Bei mir geht es um Kontrolle», sagt er. Einfach draufhauen könne jeder durchschnittliche Spieler. «Aber den Ball mit guter Länge 50 Mal übers Netz spielen ... da-rauf kommt es an.»

Meine anfänglichen Befürchtungen entpuppen sich als unbegründet. «Onkel Toni» ist kein Schleifer. Im Gegenteil! Er ist so nett, wie er sich in den TV-Interviews gibt. Von Starallüren keine Spur. Mit viel Geduld geht er auf jeden Einzelnen ein und bringt (wenn notwendig) kleine Korrekturen an. Ausser bei mir. «Dir gebe ich keine Tipps, du kommst aus dem Federer-Land», sagt er, grinst breit und erklärt mir, dass meine Ausholbewegung bei der Vorhand ein ganz klein wenig zu gross ist. Nach 30 Minuten wechseln wir die Courts. Unser nächster Coach heisst Fran. Bei ihm üben wir Angriffstennis. Am Ende der ersten Trainingseinheit spielen wir bei Sergio um Punkte. Ich kann gut mithalten. Gegen Camille, die Französin, verliere ich ganz knapp, die hart geschlagene Vorhand des Argentiniers entschärfe ich dagegen problemlos.

Functional Training = Horror

Knüppeldick kommt es nach dem Mittagessen: Functional Training. Mit Tennis hat das nichts zu tun. Dafür mit Schmerzen. Wir hüpfen zu ultraschnellen Beats auf der Stelle, mit nahtlosem Übergang zu Kniebeugen und Liegestütze und wieder zurück. Drillmeister José hat Spass daran – zumindest vermittelt einem das sein nerviges Dauergrinsen. Nach 60 Minuten ist Schluss. Fertig lustig. Durchgestanden hat die Stunde nur die Hälfte der Gruppe (ich bin einer davon, werde mich für den Rest der Woche aber dafür verfluchen). Am Nachmittag heisst es nochmals zwei Lektionen Bälle schlagen, bevor wir in den Feierabend entlassen werden.

Der nächste Morgen ist eine Qual. Mit schmerzverzerrtem Gesicht schleppe ich mich die Treppe zum Frühstücksraum hinunter. Der nette Herr hinter der Rezeption lächelt: «Functional Training?» Ich: «Ja?! Er: «Ich weiss!» Gerne würde ich jetzt meine geschundenen Beine im grosszügigen Wellnessbereich der Anlage pflegen lassen, doch die Trainer pfeifen uns schon wieder auf die Tennisplätze. Wenigstens muss heute das Functional Training einer Besichtigung des hauseigenen Museums weichen. Wobei die Bezeichnung «Museum» nicht ganz stimmt. Zwar sind etliche gebrauchte Schläger, Schuhe, T-Shirts und die Pokalsammlung von Rafael Nadal ausgestellt, die Hauptattraktionen sind aber diverse Sportsimulatoren (Formel 1, Drachenfliegen, Skifahren etc.) sowie ein lebensgrosses Hologramm des Superstars selbst, das einen am Eingang freundlich begrüsst.

Fazit: Die Saison kann beginnen!

Der Rest der Woche ist rasch erzählt. Tennis, Tennis, Tennis, aufgelockert durch ein Ernährungscoaching der persönlichen Beraterin von Rafael Nadal und einem ungezwungenen Abend mit Toni Nadal – gesunden Häppchen und Drinks (alkoholfrei!) inklusive. Fazit: ein unvergessliches Erlebnis mit einem der besten Tennistrainer der Welt, viel Muskelkater, neuen Freundschaften und einer verbesserten Vorhand. Die Interclub-Saison kann kommen.

Der Autor weilte auf Einladung der Rafa Nadal Academy im Trainingscamp auf Mallorca.

  • Auch Roger Federer zeigte sich bei der Eröffnung der Akademie seines Dauerrivalen beeindruckt.
  • Seinen Neffen «Rafa» formte er zum Star.
  • Auch die kommende Generation soll bei Toni Nadal lernen.
  • Den Camp Teilnehmern stehen viele Fitnessräume zur Verfügung.
  • Eine Augenweide: Die Slice-Rückhand von Redaktor Andreas Eugster bedarf keiner Korrekturen.
 

Toni Nadal (57) trainierte seinen Neffen Rafael Nadal (ATP 2) seit dieser vier Jahre alt war. Zusammen feierten die beiden 16 Grand-Slam-Titel. Heute kümmert sich der ehemalige Startrainer um die Rafa Nadal Academy in Manacor auf Mallorca.

«Die heutigen Kinder sind kompliziert»

Toni Nadal über Roger Federer: «Der Beste, den es jemals gegeben hat.»

Toni Nadal über Roger Federer: «Der Beste, den es jemals gegeben hat.»
http://www.coopzeitung.ch/Tennisdrill+mit+_Onkel+Toni_ Toni Nadal über Roger Federer: «Der Beste, den es jemals gegeben hat.»

Toni Nadal, sind Sie zufrieden, wie die Akademie läuft?
Beklagen können wir uns nicht. Wir haben hier etwas Grosses auf die Beine gestellt. Aber ich habe nicht vergessen, woher wir kommen. Ich erinnere mich noch gut, als Rafa (Rafael Nadal, Anm. d. Red.) mit dem Tennis begann. Ein ganz kleiner Club war das. Kein Luxus, wie hier.

Wie viele Kinder trainieren ganzjährig in der Akademie?
Momentan sind das 120 Schüler aus der ganzen Welt. Aber Tennis ist nur ein Teil davon. Die Rafa Nadal Academy ist auch ein Internat, basierend auf dem System der American International School.

Haben Sie darunter schon Talente entdeckt, die es auf die Profitour schaffen könnten?
Es gibt einige, die gut spielen können. Aber ... (zögert lange) die heutigen Kinder sind kompliziert!

Fehlt der nötige Ehrgeiz?
Nicht unbedingt. Aber sie sehen einen Nick Kyrgios am Fernseher, der auf dem Platz verrückte Schläge auspackt und wollen diese kopieren, statt sich auf die Grundlagen zu konzentrieren. Auch Roger Federer, Novak Djokovic und Rafael Nadal ... das sind Ausnahmetalente. Die Kinder wollen wie sie spielen, vergessen aber, dass das viel Arbeit bedeutet.

Waren Sie überrascht, dass Roger Federer und Rafael Nadal bei den Grand-Slam-Turnieren wieder die grossen Abräumer sind?
Ich habe schon ein wenig gestaunt. Wobei ich bei Rafa, wenn er antritt, immer daran glaube, dass er gewinnen kann. Wenn er gesund ist, hat er meiner Meinung nach mehr Möglichkeiten als Novak Djokovic. Und was Roger Federer betrifft ..., was soll ich da sagen. Wir wissen ja alle, wie gut er ist, was er kann. Unglaublich finde ich, wie er sich in seinem Alter noch motivieren kann und immer noch besser werden will. Das ist gut für das Tennis und gut für die Jungen, die zuschauen. Sie sehen den Besten, den es jemals gegeben hat, und dieser Beste will sich noch stetig verbessern.

Djokovic, Murray und Stan Wawrinka waren lange verletzt. Denken Sie, dass sie nochmals so stark zurückkehren, wie sie waren?
Djokovic und Murray sicher. Sie haben auch den Siegeswillen. Bei Wawrinka habe ich Zweifel. Er ist sich gewohnt, bei Grand-Slam-Turnieren sein bestes Tennis abzurufen. An kleineren Turnieren gelingt ihm dies selten. Liegt es vielleicht an der Einstellung?! Talent hätte er sicher mehr als genug.

Auch einen Trainer hat Stan Wawrinka momentan nicht, wäre das nicht etwas für Sie?
Nein (ziemlich energisch)! Aber ich denke, Wawrinka kann auch gut eine Zeit lang ohne Trainer auf der Tour sein. Er ist genug gut.

Als wir im Sommer Roger Federer fragten, ob er in der Schweiz nicht auch eine solche Akademie aufbauen möchte, verneinte er und sagte, die Schweizer sollen in die Nadal-Akademie gehen, die sei sehr gut und professionell. Ehrt Sie das?
Das hat er wirklich gesagt?

Wortwörtlich!
Das ist schön und ehrt uns natürlich. Im Gegenzug sage ich unseren Schülern aber auch, sie sollen sich die Vorhand von Federer abschauen und nicht die von meinem Neffen (Rafael Nadal).

Wer von den jungen Spielern hat am ehesten das Potenzial, die alte Garde um Federer, Nadal und Djokovic abzulösen?
Alexander Zverev und Nick Kyrgios. Zverev muss seine Vorhand noch etwas verbessern, Kyrgios seine Einstellung – von den Schlägen her ist er top.

  

Rafa Nadal Academy by Movistar - 40 000 Quadratmeter Sport

Im September 2016 hat die Rafa Nadal Academy den Betrieb aufgenommen. Das Sport-Internat beherbergt gegen 120 Schüler aus 25 Ländern im Alter von 12 bis 18 Jahren. Die Akademie auf rund 40 000 Quadratmetern umfasst 26 Tennisplätze (Hart- und Sandplatz) und zwei Gebäudekomplexe. Einer beherbergt alles, was mit der Schule zu tun hat, der andere ist öffentlich mit Restaurant, 65 Zimmern und drei Suiten, die angemietet werden können. Dort befindet sich auch das Museum «Sport Xperience», in dem unter anderem viele Trophäen von Rafael Nadal ausgestellt sind.

Seit Kurzem bietet die Akademie auch wöchentliche Tenniscamps für Erwachsene an, plus einmal im Jahr eine Spezialwoche mit Toni Nadal (Erfolgscoach von Rafael Nadal) als Trainer.

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Andreas Eugster

Redaktor

Foto:
Oliver Brenneisen, Getty Images, Alamy
Veröffentlicht:
Montag 12.03.2018, 09:33 Uhr

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Andreas Eugster

Redaktor

Text:
Julia Gohl
Veröffentlicht:
Montag 12.03.2018, 09:33 Uhr


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